Ich hatte euch ja versprochen, euch mit der Heldenreise bekannt zu machen – dem „Modell“ das allen erfolgreichen Hollywoodfilmen zugrunde liegt. Diese Grundstruktur hilft mir dabei, mir Vieles im Leben zu erklären und Geschehnisse und Erlebnisse besser einordnen zu können. Erst einmal vorneweg: Die Heldenreise heißt so, weil es die Reise jedes einzelnen Menschen ist. Und wo beginnen wir unsere Reisen normalerweise? Genau, Zuhause. Deshalb heißt Stufe 1 der Heldenreise auch direkt mal: Die Gewohnte Welt.

Die Gewohnte Welt ist die, die Du in- und auswendig kennst. Sie ist vorhersehbar und bietet eine große Sicherheit. Montag Tanzen, Mittwoch Tennis. Am Freitag ein Treffen mit den Freundinnen und Sonntag ein Ausflug mit der Familie. In der Gewohnten Welt weißt Du genau, was Du kannst (pünktlich sein, gut zeichnen, backen), wie andere Dich behandeln und wie Du Dich dabei fühlst. Viel Routine, wenig Überraschungen. Na – seid ihr bei dieser Auflistung  schon leicht deprimiert? Tja, genau deshalb heißt die Gewohnte Welt auch Welt des Mangels. Sie ist NICHT aufregend und besonders. Es gibt KEINE fantastischen, total überraschenden Momente. KEINE Gefühlsachterbahnen. Nur Dich und Dein typisches Verhalten.

Und genau da ist auch schon eines der führenden Prinzipien guter Geschichten versteckt. Ich kann eine Geschichte nämlich nicht damit anfangen, dass die Hauptperson am Frühstückstisch sitzt (wie jeden Morgen) und Müsli isst (wie jeden Morgen) und darüber TOTAL glücklich und aufgeregt ist. Das ist keine Geschichte (zumindest keine die funktioniert). Wenn ein Held auf die Reise gehen soll, dann bitte mit einem Erzähleinsatz im letztmöglichen Moment. Also: Die Frau sitzt am Küchentisch und hasst nicht nur ihr Müsli sondern auch ihr restliches Leben (schon lange). Oder sie liebt es – aber in drei Sekunden wird etwas passieren (die Liebhaberin des Ehemannes ruft an,  sie findet einen Joint in der Jackentasche ihres Kindes), was sie die Situation gelinde gesagt noch einmal überdenken lässt. Oder sie ist einfach nur gelangweilt von ihrem Leben und frustriert, weil sie ahnt, dass sie ihre Talente verschwendet, anstatt ihrer Bestimmung zu folgen.

Noch einmal: Die Gewohnte Welt am Anfang der Geschichte ist auch immer eine Welt des Mangels. So wie bei Pretty Woman. Julia Roberts alias Vivian arbeitet als Prostituierte und kann noch nicht einmal ihre Miete zahlen. Aber auch bei ihrem Gegenpart, Richard Gere alias Edward gibt es einen Mangel. Er hat zwar Geld, wird aber an seinem Geburtstag auf seiner Geburtstagsfeier von seiner Freundin am Telefon verlassen.

Natürlich werden die Mängel am Anfang eines HoIlywoodfilms sehr verdichtet erzählt, damit man gleich „am Haken“ ist. Aber auch in unserem normalen Leben sind die Mängel meist sehr deutlich und offensichtlich. Ich habe euch in den letzten Wochen immer wieder gefragt: Was sind eure Träume? Worüber ärgert ihr euch am meisten? Viele Antworten, die ihr mir gegeben habt, sind Gefühle aus der Gewohnten Welt. Ihr seid in der Stufe 1 (keine Angst, da bin ich mit GANZ vielen Sachen auch – irgendwo muss man die Reise ja beginnen).

Ihr seid zu dick, werdet nicht wahrgenommen, würdet gerne ein kleines Cafe eröffnen. Eure Kinder sind nicht dankbar und euer Mann nicht liebevoll genug. Ihr hättet gerne mehr Zeit für euch und mehr Sex. Oder ihr seid mit dem Haushalt überfordert, auf der Suche nach einem erfüllenden Halbtagsjob (und  direkt im Anschluss nach einem Krippenplatz) oder habt einfach insgesamt das Gefühl: Irgendwas fehlt.

Was genau ist es also, dass euch fehlt? Ein anderer Job, mal wieder zu reisen, ein Partner der euch wirklich versteht? Habt ihr das Verlangen, etwas zu verändern, aber wisst einfach nicht, was – ganz zu schweigen davon wie? Fehlt euch Aufregung oder Erfüllung? DAS, glaubt mir, sind GUTE NACHRICHTEN. Denn diese Gefühle und Gedanken sind der erste Schritt um zu realisieren, dass es da draußen MEHR für euch gibt. EUER POTENZIAL.

Ich erkläre das ja gerne visuell. Das Symbol für Yin und Yang ist nicht Schwarz und Weiß weil – wer auch immer es erfunden hat – keine anderen Farbstifte zur Hand hatte. Es ist Schwarz und Weiß weil für jede Sache, die es gibt, das genau passende Gegenteil existiert. Ihr müsst euch das so vorstellen, als ob die Sonne hinter einem Berggipfel steht. Yin ist die dunkle Talgegend, wo die Sonne niemals hinkommt. DAS ist die Gewohnte Welt – in der wir alle oft keinen Ausweg sehen, weil wir ihn eben nicht sehen können. Wie auch, wir sind ja im schattigen Tal. Die sonnige Zone hinter dem Berg ist das Yang – die Welt in der wir gerne leben würden. Aber: weil die Sonne sich bewegt, kann es durchaus sein, dass manchmal Licht im Tal ist. Das sind die Momente, in denen wir kurz denken: Ich weiß da ist noch mehr. Ich weiß ich kann das schaffen. Ich habe Potenzial.

Aber: Wir wollen solche Gedanken nicht nur manchmal haben – sie sollen Realität werden. Oder wie es Julia Roberts zu einem viel späteren Zeitpunkt der Heldenreise in Pretty Woman formuliert: „Ich will, dass mein Traum wahr wird.“

Ihr wisst ja: Jede Reise beginnt Zuhause. Und wenn in eurem Zuhause etwas fehlt, MUSS es das also in einem anderen „Zuhause“, in der sonnenbeschienen Welt hinter dem Tal geben. Und es MUSS dort total normal sein. Yin und Yang eben. Ich habe euch ja versprochen, dass eure „Mir fehlt was“-Gefühle eigentlich GUTE Gefühle sind. Aber – wie kommt ihr jetzt auf die andere Seite des Berges? Dazu mehr noch diese Woche in Stufe 2 der Heldenreise: Der Ruf nach dem Abenteuer.

Alles Liebe

Eure Svenja

P.S.: Auf dem Bild seht ihr meine Gewohnte Welt – unsere Reihenhaussiedlung mit liebgewonnenen Nachbarn und Nachbarskindern.