Vordringen in die tiefste Höhle

Ein Redewendung, die diese Stufe schön beschreibt, ist: „Es fällt mir wie Schuppen von den Augen.“ Plötzlich seht ihr kristallklar – auch eure Antagonisten. Ihr begreift, welcher Kollege an eurem Stuhl sägt, wer in der Konferenz gleich versuchen wird, euch auszustechen und warum ihr keine Chance habt, den letzten Platz im Kindergarten zu ergattern.

Ich wette: Die tiefste Höhle ist ein Ort, an dem ihr alle schon einmal wart. Jetzt versteht ihr zum ersten Mal die Situation WIRKLICH und seht das große Ganze. Und genau deshalb wird jetzt auch das Finale eingeläutet.

Ihr seid zwar schon vielen Menschen begegnet, mit denen ihr nicht auf einer Wellenlänge lagt und die es nicht unbedingt gut mit euch meinten. Aber das hier ist anders. Euer Gegenüber ist alles, was ihr nicht seid. Er ist die Umkehrung aller eurer guten Eigenschaften, eurer Hoffnungen und Träumen. Er steht auf der komplett anderen Seite.

Gleichzeitig erkennt ihr auch euren größten inneren Feind. Das kann eure Passivität sein (ihr kriegt einfach nicht den Hintern hoch) oder eure Unfähigkeit, Geheimnisse für euch zu behalten. Vielleicht ist es auch eure Gutgläubigkeit oder euer Wunsch, euch mit allen gut zu verstehen. Jetzt begreift ihr: genau das könnte euch schon bald den Hals brechen.

Michael Douglas hat in den 90ern in zwei Filmen gespielt, die das gleiche Thema haben und in denen auch die tiefste Höhle identisch ist. In „Fatal Attraction“ betrügt er seine Ehefrau (Anne Archer) mit einer anderen Frau (Glenn Close). In „Disclosure“ hat er Beinahe-Sex mit seine Ex-Freundin, die auch sein Boss ist – und das obwohl er verheiratet ist. Das Vordringen in die tiefste Höhle ist in beiden Filmen der Moment, wo er seiner Ehefrau von seinem Vertrauensbruch und Betrug erzählt. In dem Moment erkennt er ganz klar, wer sein Freund (die Frau, der er sich anvertrauen kann) und wer der Feind ist (die andere Frau).

Das Vordringen in die tiefste Höhle ist der Tag vor dem dramaturgischen Klimax, der Tag vor dem Showdown. Der Alarmknopf ist in Reichweite – aber noch ist nichts passiert, außer dass ihr erfasst habt, was geschehen könnte. Denn ihr steht Auge in Auge mit dem, was oder wen ihr am meisten fürchtet.

Jetzt ist ganz wichtig, dass ihr euch Zeit nehmt alles aufzunehmen, was um euch herum geschieht. Saugt alles in euch auf – denn hier, in der tiefsten Höhle könnt ihr die Informationen sammeln, die euch nachher helfen, den großen Kampf zu beginnen. Hier wird der Einsatz noch einmal erhöht und ihr begreift: jetzt geht es um eure (seelische) Gesundheit, euer Glück und euer Überleben.

Lernt zu denken wie euer Feind. Versammelt Menschen um euch, als würdet ihr eine Armee aufstellen. Krieger, die euch beim härtesten Kampf eures Lebens unterstützen. Nur so könnt ihr in die tiefste Höhle vordringen und die zweite neue Welt betreten. Aus dieser Welt gibt es keinen Ausgang – aber dafür bekommt ihr die Chance tief in euch eine ganz neue Kraft und Energie zu entdecken, um alle Herausforderungen des Lebens zu meistern.

Oder wie Joseph Campbell es so treffend beschreibt:

„Die Höhle, die ihr zu betreten fürchtet, birgt den Schatz nach dem ihr sucht.“