Ich habe keine große Ahnung von Politik. Haltet das für flach, aber irgendwie ist den ersten Teil der Zeitung lesen für mich wie Friends schauen. Ich habe den Einstieg verpasst und deshalb verstehe ich Nichts. Zu viele Insiderjokes und keinerlei emotionale Bindung an die Charaktere. Doch wenn Politik ist, wie eine Fernsehserie, bei der man zu spät einsteigt, fragt man sich natürlich, ob das überhaupt noch jemand alles wirklich versteht. Katze aus dem Sack: Ich nicht. Das tut gut, kann ich euch sagen.

Nun ist es ja so, dass man nicht einfach in einer Gesellschaft leben kann, ohne sich für Politik zu interessieren. Denn manche Dinge, die „die da oben“ entscheiden, betreffen einen ja durchaus. Also habe ich mir so eine Art Politikpragmatismus zugelegt: was ich brauche, lasse ich mir von meinem Mann erklären. So auch die Sache mit den Kitas. Und wenn ich das richtig verstanden habe, sollen jetzt alle einen Anrecht auf einen Kitaplatz bekommen.

Das ist ja eine ganz tolle Idee, besonders für die Frauen, die unbedingt einen brauchen, weil sie einen ganz genauen Plan für ihr Leben haben. Erst neulich stand wieder eine vor mir, mit ihrem wunderschönen dicken Bauch und strahlte als sie mir sagte: „Nach einem halben Jahr gehe ich wieder arbeiten und ich habe auch schon einen Kita-Platz.“

Ähem. Moment Mal. Hast Du gerade „nach einem halben Jahr“ gesagt? Hat man da überhaupt schon abgestillt? Ach so, Du willst gar nicht stillen, damit das dann mit der Entwöhnung nicht so schwierig wird, wenn das Kind in die Kita geht. Gut, dass soll jeder für sich entscheiden. Aber willst Du nicht erst einmal abwarten, was Du für ein Kind bekommst? Ob es viel schreit, schlecht schläft, viel spuckt? In sich ruht oder viel Beschäftigung und Ablenkung braucht? Lebendig oder eher kuschelig? Oder beides?

Was, wenn es immer wieder Bauchweh hat? Oder mit 6 Monaten gerade anfängt zu zahnen – und immer, wenn ein Zahn einschießt, eine Mittelohrentzündung mit Fieber bekommt? Was, wenn es gerade anfängt zu fremdeln? Oder einfach „nur“ anhänglich ist und sich bei Dir am wohlsten fühlt?

Solche Frage zu stellen ist unpopulär – und deshalb stellen wir sie meist nicht. Denken: Sie wird das hoffentlich alles selbst merken, wenn das Kind da ist. Aber das tun die meisten nicht. Denn die meisten machen, was sie gelernt haben. Sie organisieren ihr Leben, denn dazu sind wir erzogen. Soll ja schließlich ein Erfolg werden. Und wenn Heirat, Schwangerschaft und Geburt hinter uns liegen, geht es weiter im Programm. Und das, liebe Leser, finde ich falsch.

Kinder zu kriegen ist keine Phase, sondern eine Entscheidung für ein anderes Leben. Das sagt euch keiner, weil es nicht passt in das Bild einer Zeit, in der Frauen studieren und unsere Familienministerin blutjung ist und ihr Kind neben dem Schreibtisch steht. Sieht ja alles so einfach aus. Ist es aber nicht – und das kann ich euch sagen, auch wenn ich keine Ahnung von Politik habe. Mein Kind stand nämlich auch neben dem Schreibtisch. Aber da muss ich kurz ausholen.

Ich war beruflich immer selbständig. Als ich meinen Mann kennen lernte, war er das Gott sei Dank auch. Als ich schwanger wurde, zog er von Köln zu mir nach Paderborn. Und als wir dann umzogen nach München, weil er nur noch unterwegs war und unser zweites Kind sich ankündigte, da habe ich gesagt: „Nicht ohne meine Mutter!“ „Wieso denn das nicht?“ hat mein Mann gefragt. Heute weiß er es.

Jetzt könnt ihr denken „Ahhh, siehst Du, die hatte ihre Mutter dabei! Kein Wunder, dass die über Kitas lästert.“ Erstmal möchte ich euch sagen: eine Mutter mit Mitte 60 in eine andere Stadt zu verpflanzen, ist für alle ein Kompromiss. Die ersten 3 Jahre hat meine Mutter sogar bei uns gewohnt. Auch nicht einfach, wenn man frisch verheiratet ist und kleine Kinder hat. Aber meine Mutter ist toll und ich bin froh, dass sie immer da war und ist.

Denn das versetzte mich in die glückliche Lage, mein zweites Kind morgens nach dem Stillen mit ins Büro zu nehmen (100 m Luftlinie von Zuhause) und es schlafend im Maxi Cosi neben den Schreibtisch zu stellen, bis es für die zweite Mahlzeit aufwacht – und dann wurde wieder gestillt. Danach kam meine Mutter, ist mit meinen beiden Kindern spazierengefahren und wenn mein Sohn wieder Hunger bekam, ging ich mittags nach Hause.

Ja, das ging alles nur, weil ich eine Mutter dabei hatte. Eine, die ihr Leben dafür geben würde, dass es ihren Enkeln gut geht. Die bei jedem Jammern das Kind hochnimmt und es rumträgt wenn es ein Bäuerchen machen muss. Hätte ich meine Mutter nicht gehabt, hätte ich nicht die 2 bis 3 Stunden jeden Tag arbeiten können und das war damals für unseren Betrieb wirklich wichtig. Hätte ich meine Mutter nicht gehabt, hätte ich mein Kind aber nie in eine Kita gegeben – dann wäre ich Zuhause geblieben und hätte die Arbeit in die Abendstunden jongliert – und wir alle wissen, wie anstrengend das dann ist.

Warum ich mein Kind nicht so früh in eine Kita gegeben hätte? Weil ich finde, dass ein Kind in den ersten Jahren in die Familie gehört. Mama, Papa, Oma, Opa – zu Menschen, die es bedingungslos lieben und nicht wie Einen unter Vielen behandeln. Einer unter Vielen – das wird man noch früh genug. Und das funktioniert meiner Meinung nach nur dann, wenn man in den ersten Jahren das Selbstverständnis, das Selbstbewusstsein, die Liebe und die Geborgenheit bekommen hat, die man braucht um DER eine unter Vielen zu werden. Es gibt natürlich auch ganz ganz tolle Kindermädchen oder Tagesmütter. Solche die wirklich wollen und können, mit wenig Kindern und viel Liebe und Aufmerksamkeit. (Ach Janka, wie wir Dich immer noch vermissen!) Der Betreuungsschlüssel von Kitas schnürt mir allerdings eher die Luft ab. Der Gedanke, dass Kinder, die noch nicht mal sprechen können, dahin gegeben werden, ohne dass sie sagen können, ob sie sich dort wohl fühlen, auch.

Ich habe keine große Ahnung von Politik, aber ich habe Ahnung von Menschen. Und wenn ich sehe, wie sich viele Kinder verhalten, die ihr Dasein von früh an in der Kita fristen mussten, dann weiß ich, dass das keine Perspektive für unsere Gesellschaft ist. Wenn das ein politisches Statement ist, ist mir das gerade Recht.

Und natürlich dürft ihr jetzt gerne sagen: Ich habe ganz andere Erfahrungen gemacht. Das glaube ich euch sogar. Sicher gibt es sie, die Ausnahmekitas. Aber sie sind eben, was sie sind: die Ausnahme. Was ich aber nicht mehr hören kann? „Mein Kita ist toll, denn da wird den Kindern so viel geboten – das könnte ich ja gar nicht.“ Wieso denn nicht? Trifft man sich heute  nicht mehr mit anderen Müttern, die gleichaltrige Kinder haben? Glaubt ihr im Ernst, dass die Erzieherinnen euer Kind so lieben, wie ihr? Liebt IHR denn andere Kinder wie euer eigenes?

Kinder zu kriegen ist die Entscheidung für ein anderes Leben. Ein Leben, in dem man nicht jederzeit alles haben kann. Vor allem nicht dann, wenn die Kinder noch wirklich klein sind. Ist es nicht endlich mal an der Zeit zu verstehen, dass Emanzipation nichts aber auch gar nichts damit zu tun hat, in allen Lebensphasen übermenschliche Leistungen an allen Fronten zu bringen und sich verhalten zu müssen wie ein Mann?

Sondern vielleicht einfach damit, zu zeigen, was man als Frau alles drauf hat? Unsere hohe emotionale Intelligenz und soziale Kompetenz da einzusetzen, wo sie am besten aufgehoben ist und unsere Familie und damit auch die Gesellschaft am Weitesten nach vorne bringt?

Wo das sein soll? Das kann ich euch sagen: Zuhause. Beim eigenen Kind.