Alle mal aufzeigen, die seit 10 Jahren permanent zufrieden mit ihrer Ehe sind. Na, wie viele Hände sehe ich? Warte mal, meine ist ja auch unten. Hej, immer nur zufrieden ist doch niemand. Es gibt doch immer irgendetwas, was man beim Partner gerne ändern würde. Man selber ist ja schließlich vollkommen in Ordnung.

Wobei ich mal deutlich sagen muss: Mein Mann macht schrecklich viel richtig. Das (neben der Tatsache, dass ich ihn einfach SO interessant finde) ist auch der Grund, warum ich mit ihm verheiratet bin – obwohl wir ganz bestimmt nicht ständig einer Meinung sind. Meine Ehe ist nicht perfekt – welche ist das schon? Aber: ich könnte mir keinen anderen Mann an meiner Seite vorstellen. Ich liebe Uwe. Auch deshalb kriegen wir immer wieder die Kurve zueinander. Wenn er meint, er kommt zu kurz bei Wasauchimmer (Sex), schwenke ich irgendwann auf ihn zu. Wenn ich meine, dass das SO gar nicht geht (ich brauche Distanz und Freiheit), korrigiert er seinen Kurs. Warum? Nun, wir gehen einfach sehr gerne miteinander durchs Leben. Und: wir haben beide bereits eine Scheidung hinter uns. Die unserer Eltern. Aber davon am Ende dieses Blogposts mehr.

Zuerst möchte ich euch nämlich meine Leserin Anne vorstellen. Anne hat mir gestern das erste Mal geschrieben – und die Mail ist nicht nur lang, sie hat es auch ordentlich in sich:

Liebe Svenja,

ich verfolge regelmäßig Deinen Blog. Ich probiere viele Deiner Rezepte aus und auch Deine anderen Beiträge fließen schon mal hier und da in meinen Alltag ein.

Ich habe einen fast 3jährigen Sohn, bin verheiratet, habe einen guten Job (in Teilzeit), ein schönes Haus und einen Thermomix. Also eigentlich alles, was man sich wünscht – von außen betrachtet. Denn mir fehlt etwas ganz Entscheidendes (zumindest für mich): eine funktionierende Ehe. Ein Partner, der die Person ist, mit der ich am liebsten Zeit verbringe – und er mit mir.

Seit 12 Jahren sind wir ein Paar, aber eine Familie sind wir nie geworden. Nach der Geburt unseres Sohnes war ich natürlich nicht mehr so flexibel und konnte nicht mehr überall dabei sein, was auch kein Problem war. Mein Mann hat jedoch sein Leben wie vorher weitergelebt, Vereinsleben, Sport, etc..

Irgendwann hab ich einfach aufgehört, mich darüber aufzuregen, weil er ja ohnehin gegangen wäre. Dazu kam noch der Faktor mit dem Schichtdienst. Ich war einfach sehr viel allein, eigentlich immer und auch wenn er weg war, hat er nie angerufen und gefragt, wie es mir/uns geht. Alle meine Freundinnen wussten mehr über mich und meinen Tagesablauf, als er.

Und wenn er dann am Wochenende einmal daheim war, habe ich mir rausgenommen, mit Freundinnen was zu unternehmen, weil ich ja ohnehin schon die ganze Woche allein zuhause war. Und wenn ich nichts unternommen hätte, wäre sicher er irgendwo hingegangen und ich hätte auch noch das Wochenende allein verbringen müssen.

Kurzum, seit über zwei Jahren leben wir in einer Parallelwelt, jeder geht getrennte Wege, außer im Urlaub, da kann keiner weg. Nun bin ich an einem Punkt angelangt, an dem mir keine Ablenkung mehr Freude bereitet, weder Ausgehen, noch Theaterspielen, etc.. Es musste sich was verändern, ich hatte viel zu lange geschwiegen, zugesehen und den Dingen seinen Lauf gelassen.

Ich habe nun viel mit meinem Mann gesprochen, doch ich denke nicht, dass er alles verstanden hat. Wie denn auch, da vorher für ihn ja scheinbar alles gut lief. Ich denke aber, dass mein Mann nun doch etwas aufgewacht ist und etwas ändern will, weil er uns nicht verlieren will. Aber mir stellt sich die Frage, ob das noch geht, denn ich habe mich in den zwei Jahren auch gefühlsmäßig sehr abgekapselt. Sex mit ihm ist für mich derzeit unvorstellbar.

Aber wir haben doch ein Kind und ich muss das alles wieder hinbringen. Die ganze Situation derzeit raubt mir sämtliche Energie, es gab dieses Jahr noch nicht einen Tag, an dem ich nicht geweint hab, weil ich keinen Ausweg sehe, wie ich ihn wieder lieben kann.

Ich kenne keinen, der in meiner Situation ist oder war, alle ringsherum heiraten jetzt erst einmal…

Wir waren auch schon bei der Eheberatung, aber kann der Berater dort verlorengegangene Gefühle wieder zum Vorschein bringen? Und wie findet man überhaupt einen guten Berater zwischen all den Experten, die laut ihren Homepages alle horrende Summen verlangen?

Keine Ahnung, warum ich Dir, einer vollkommen fremden Frau, deren Leben und Ehe so perfekt scheinen, schreibe, aber vielleicht hast du ja einen Denkanstoß für mich, auf den ich allein nicht komme oder vielleicht gibt es eine unter Deinen Leserinnen, der es ähnlich ging…

Ich muss irgendwie alles versuchen, um aus dem Tal der Tränen wieder rauszufinden und wie ich meine Energie wieder meinem Baby widmen kann.

Liebe Grüße,

Anne

Und dann schrieb Anne mir noch eine zweite Mail:

Mein Mann bemüht sich und ist jetzt doch ein klein wenig öfter anwesend als sonst, regiert dann aber doch schnell etwas beleidigt, wenn ich das im Moment nicht mit tosendem Beifall honorieren kann. Denn eigentlich sollte das doch normal sein, dass man gern zuhause ist.

Wir sind sehr unterschiedliche Menschen, ich bin sehr emotional und er sehr rational. Er ist mehr der Typ „reiß dich zusammen“ und ich mehr diejenige, die gern ein „alles wird wieder gut, Schatz“ hören würde. Sein Gefühl von „zuhause“ sein ist bereits am Ortsschild erreicht und nicht erst hiner der Haustüre. Mein Begriff von Familie fällt dagegen viel enger aus als seiner. Das liegt vermutlich auch daran, dass die Großfamilie omnipräsent ist.

Viele Sachen hab ich einfach früher übersehen, weil ich wollte, dass alles funktioniert und jetzt fällt mir das, was ich absichtlich übersehen oder stillschweigend akzeptiert habe, doppelt auf. Ich weiß nicht, wie die Liebe zurückkommt, wie ich bleiben kann oder ob ich gehen muss, bevor mich die Situation auffrisst.

Ich denk im Wechsel drüber nach, wie schön alles hätte sein können oder ob ich’s wohl wirklich aushalten kann, wenn vielleicht irgendwann eine andere Frau in meiner Küche steht, wie praktisch es wäre, wieder bei meinen Eltern in der Nähe zu wohnen, ob vielleicht da draußen noch jemand wartet, der mich so liebt, wie ich Liebe verstehe, wie schrecklich das alles für den kleinen Mann sein wird, ob ich nicht in einer Drei-Zimmer-Wohnung noch unglücklicher wäre, etc..

Kurzum, mein Kopf dröhnt vor lauter Nachdenken. Dazu kommt der Druck meiner Eltern, die täglich schwanken zwischen „wir stehen immer hinter dir“ und „du musst das wieder auf die Reihe bringen, es geht schließlich auch ums Kind“ und der Druck, den ich mir selber mache, weil es mir fast das Herz zerreißt, wenn mein Sohn mit noch nicht mal drei Jahren zu mir sagt „Mama, brauchst nicht weinen, ich bin doch immer für dich da“

Deine Anne

Ja, meine lieben Leser. jetzt denkt ihr sicher: Uff. Das habe ich auch gedacht. Und dann habe ich nachgedacht und bin auf die eine, die existenzielle Sache gekommen, die Anne und ihren Mann von mich und meinem Mann unterscheidet.

NÄHE.

Wenn man, so wie mein Mann und ich, schon als Kind eine Scheidung beobachtet, weiß man ziemlich genau, wo Gefahren lauern. Sich betrügen, sich belügen, sich Nichts mehr zu sagen haben, parallele Leben führen – all das geht nur, wenn man sich nicht nah ist. Dass es diese Nähe bei uns gibt, daran hat in unserer Ehe mein Mann den größten Anteil. Er besteht auf regelmäßigem Sex, Austausch, auf gemeinsamen Abenden. Ich bin da manchmal eher lauwarm und habe auch gerne Zeit nur für mich. Auch mal in Jogginghose, auf dem Sofa, vor dem Fernseher oder mit dem Notebook auf dem Schoß. Oder beides.

Alltag prickelt nicht immer, auch nicht bei uns. Die Frage ist nur: Verliert man deshalb den Draht zueinander? Sucht Aufregung in Aktivitäten getrennt voneinander? Oder: Nimmt man sich gezielt Zeit für Gespräche? Den einen Abend in der Woche zu zweit? Verabredet man sich zum Sex (wie spießig), um nachher festzustellen: das kann auch prickelnd sein? Das hört sich an wie Tipps aus einem schlechten Beziehungsratgeber? Also, ich bin auch durch solch banale Tricks eine – und das hast Du richtig erkannt, Anne – glückliche Ehefrau in einer glücklichen Ehe.

Ich glaube, dass Deine Frage nicht ist, ob die Liebe wiederkommt (denn ich glaube gar nicht, dass die weg ist), sondern ob Du Dir vorstellen kannst, wieder Nähe zuzulassen. Da kommt gleich an erster Stelle Sex: immer noch der schnellste Weg, eng beeinander zu sein. Dieses „Partners in crime“ Gefühl wieder herzustellen, dass so gar nichts mit Kindern zu tun hat. Und das ist sehr wichtig: Dass ihr einen Bereich habt, der gar nichts mit Kindern zu tun hat und den ihr gemeinsam ausfüllt.

Denn mal ganz ehrlich: Mich wundert es, dass Du Dir überhaupt den Kopf zerbrichst. Wie bitte sollst Du denn glücklich mit Deinem Partner sein, wenn Du diese Partnerschaft über Jahre nicht gelebt hast? DU musst gar nichts wuppen oder hinkriegen. Du musst auch nichts reparieren und es ist auch keiner Schuld.

Nähe kann man wiederherstellen. Das weiß ich aus Erfahrung. Außer natürlich, der Zug ist für einen Partner total abgefahren. Ob das so ist, kannst nur Du wissen – oder herausfinden.

Aber ich will Dich nicht anlügen. Das mit dem Nähe wiederherstellen wird nicht leicht. Ein bisschen ist das wie mit einem Dicken, der 40 Kilo abnehmen muss. Der muss ja erstmal 30 Kilo abnehmen, um einigermaßen schlank auszusehen. Der hat also jahrelang zu viel gefuttert – so wie ihr jahrelang getrennte Wege gegangen seid. Wenn man aber nie mehr als 5 Kilo zuviel drauf hat (also nur ab und zu mal getrennte Wege geht), dann ist man auch schnell wieder in Topform. Da reicht manchmal ein romantischer Abend oder eine heiße Nacht, damit man wieder beieinander ist.

Spar Dir das Geld für den Eheberater. Sprich einfach nochmal mit Deinem Mann. Sag ihm, dass Du Dir mehr Nähe wünschst und WIE DU DIR DAS KONKRET VORSTELLST. Dass Du glaubst, dass ihr euch aus den Augen verloren habt. Wenn – und da hör jetzt genau hin – wenn Du bei diesen Zeilen das Gefühl hast: Das wünsche ich mir so sehr.

Solltest Du aber eher das Gefühl haben, von dem Du oben schreibst, nämlich: „Wartet da draußen vielleicht noch jemand, der mich so liebt, wie ich Liebe verstehe?“ – dann kann es auch einfach zu spät sein. Und das ist dann auch nicht schlimm. Nochmal: Man muss eine Ehe nicht SCHAFFEN oder HINKRIEGEN, wenn man damit dauerhaft nicht glücklich ist.

Wichtig ist, dass Du in Deinem Leben und in Deiner Ehe nach Deinen Werten leben, Deine Gefühle ausdrücken kannst. Einen Partner hast oder findest, mit dem Du Dir Nähe wünschst und lebst. Wachsen kannst, über viele Jahre. Mit dem Ehe nicht Kompromisse schließen bedeutet. Sondern einfach nur sauinteressant ist. Und Spaß macht.

Was aus meiner Erfahrung heraus nicht geht: Nähe nur mit der halben Arschbacke zulassen: „Sprich mit mir, aber rühr mich nicht an.“ So ticken Männer nicht.

Nun also mein abschließender Rat: Nimm Dein Leben in die Hand. Du bist kein Opfer, Du bist reich beschenkt. Wie Du eingangs schreibst, hast Du fast alles. Jetzt musst Du nur noch entscheiden, was Du draus machst. Ein Glas, was nur noch zur Hälfte aufgefüllt werden muss oder eines, was schon halb leer ist. Was Du auf jeden Fall nicht daraus machen solltest, ist eine Sackgasse, in der Dein Kind zum Erwachsenen wird und Dich tröstet. Anne, das geht nicht.

Steh auf, wisch Dir den Dreck von den Hosenbeinen und geh die Sache an. Alles ist besser, als in einer Ehe zu bleiben, die Dich nicht glücklich macht. Sowohl eine Trennung als auch eine Reanimation eurer Nähe und des Zaubers, den ihr mal hattet.

Und bevor Du Dich entscheidest, setz Dich nochmal eine Minute ganz still hin und hör auf Dein Bauchgefühl. Ich bin mir fast sicher, dass Du schon längst weißt, wo es lang gehen soll.

Alles Liebe

Deine Svenja