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„Die moderne Wirtschaft basiert auf einem konstanten Wachstum der Produktion. Sie muss immer mehr produzieren, weil sie andernfalls in sich zusammenfällt. Aber die Produktion allein reicht natürlich nicht. Irgendjemand muss diese Erzeugnisse auch kaufen, denn sonst gehen Fabrikanten und Investoren pleite. Um diese Katastrophe abzuwenden und sicherzustellen, dass die Menschen die Masse an produzierten Waren auch kaufen, entstand eine völlig neue Ethik: der Konsumismus.“ – Yuval Noah Harari

Gerade wird ein Ruf laut. Ihr schreibt mir „Ich fühle mich nur noch gehetzt.“„Von Frauen wird heute einfach zu viel verlangt.“ und „Es ist, als hätte ich meine Zufriedenheit verloren.“

Nicht unsere Zufriedenheit haben wir verloren, sondern unser Maß. Weil eine ganze Industrie dagegen an entwickelt, dass wir zur Ruhe kommen. Handys lösen bei uns dieselben Endorphine aus, wie Glücksspiele. Deshalb sind wir permanent auf dem Sprung zum Screen. Haben unsere Daumen gezückt, um nach rechts oder links zu wischen, sobald eine Benachrichtigung aufleuchtet oder ertönt.

Fast wie beim einarmigen Banditen warten wir auf unseren nächsten Fix, auf das nächste High und auf den Gewinn. Dabei schauen wir anderen bei ihrem außergewöhnlichen Leben zu – durch die digitale Brille. Dass die meisten aber gar nicht so leben, wie sie es uns glauben machen wollen, das vergessen wir. Sehen nur die bunten Bilder, die Partys, die Häuser, die Menschen. Alles sieht so hübsch aus und unser Leben scheint dagegen wie eine Busreise, auf der in der Mittagspause Heizdecken und abgestandener Kaffee angeboten werden.

Um diese Lücke zu schließen, greifen wir zu, bei vielen Produkten, die in die Kamera gehalten werden. Die am Rand von Facebook aufleuchten oder irgendwo sonst zwischen den Zeilen beworben werden. Die juristisch eingeforderte „Werbung“-Kennzeichnung in hellgrauer Schrift auf weißem Hintergrund hilft uns nicht dabei, in der digitalen Scheinwelt einen gesunden Selbstwert zu behalten. Aber daran hat ja auch niemand ein Interesse, schließlich sollen wir uns den nächsten Schuss setzen und Geld ausgeben.

Spannend dazu ist dieses Interview zur „Attention Economy“ mit Tristan Harris, der vier Jahre bei Google als Product Manager gearbeitet hat und jetzt eine Firma namens time well spent gegründet hat.

Wenn euch dieses Thema interessiert und ihr gerne Fiction lest, lege ich euch das Buch „The Circle“ ans Herz. Es wurde gerade mit Emma Watson und Tom Hanks verfilmt. Ich habe es gelesen und war fasziniert von der Geschichte, in der Menschen gnadenlos und strukturiert in eine virtuelle Verfügbarbarkeit gezwungen werden. Ein Must Read, besonders für Eltern.

Manchmal denke ich: Wäre uns diese Technikabhängigkeit nicht absurd vorgekommen, hätten wir unser heutiges Leben vor zehn Jahren in einem Film gesehen? Stellt euch das mal vor. Ein Film

  • in dem Menschen Sport eher mit Hilfe von Gamekonsolen treiben, als sich tatsächlich zu bewegen
  • in dem sie mehr mit dem Bildschirm direkt vor ihrer Nase beschäftigt sind, als miteinander
  • in dem sie jeden Meter fahren, anstatt ihn zu laufen – aber nicht mehr selbst am Steuer sitzen müssen
  • in dem sie sich immer weniger bewegen und immer dicker werden
  • in dem wenige Firmen den Markt beherrschen und jeder auf Knopfdruck einkaufen kann, ohne vor die Haustür zu gehen
  • in dem Kommunikation über Screens abläuft und nicht mehr face to face
  • in dem Menschen virtuell andere Menschen daten und sich durch Listen voller Bewerber scrollen
  • in dem alle gleich aussehen, weil Individualität nicht gefördert wird
  • in dem Kinder vor Screens gesetzt werden, um ruhig zu sein und
  • in dem uns erst jemand den Bildschirm wegnehmen muss, damit wir sehen, wie schön es um uns herum ist.

Also ungefähr so:

Was für ein intelligenter Film, der seiner Zeit weit voraus war. Leider hat er erzählerische Längen, so dass ich ihn nicht wirklich empfehlen kann. Aber ich weiß noch genau, dass ich im Kino bei vielen Szenen dachte: „Na, also SO wird es bestimmt nicht kommen.“

Heute steht der Ausruf „I didn’t know we had a pool“ sinnbildlich für eine Haltung, die ich jeden Tag beobachten kann. Bei Menschen, die nur in ihre Screens starren und dabei alles verpassen, was um sie herum vor sich geht. Und dann oft wirklich verblüfft sind, wenn sie ihren Blick mal heben müssen.

Was mir aber noch viel mehr auffällt, als die Screen Addicts, ist das überflüssige Gerede. Dieser niemals endende Lärm. Ich habe die vorangegangene Filmszene einmal im Originalscript nachgelesen, weil mich interessiert hat, welches Setting sich der Autor dafür überlegt hatte.

„Humans have become the most extreme form of couch potatoes.

Absolutely no reason to ever get up.

No purpose.

Every one of them engrossed in their video screens.

Cocooned in virtual worlds.

Over-developed fingers tap ARMREST KEYPADS.

The controls allow them to steer…

…order food…

…play games…

…and most of all…

…CHAT MINDLESSLY with other passengers:

The CHATTER is deafening.“

Genau so fühlt es sich seit Mitte 2016 für mich an. Als Onlinerin weiß ich so viele Dinge im Internet zu schätzen. Aber seit „Blogger sein“ eine Mainstream-Berufsbezeichnung für jeden mit einem Insta-Account geworden ist, ist der Lärm unerträglich und die Selbstdarstellung hat ungeahnte Ausmaße angenommen.

Ich vermisse intelligente Artikel. Neue, durchdachte Informationsangebote. Und auch so alltägliche Dinge wie einfache Rezepte, die richtig gut schmecken und nicht nur ausgewählt werden, weil sie sich in Formaten a la Tasty gut abfilmen lassen.

Wo sind die DIYs, die erst gepostet werden, wenn jemand sie ausprobiert hat und sicher weiß, dass sie funktionieren? Wo die Lebensweisheiten, die Zeit hatten, zu reifen? Geht all das verloren, weil jeder Content direkt gepostet wird – weil wir immer was Neues bieten wollen?

Zunehmend fehlt mir die Arbeit vor der großen Geste, der Inhalt vor der Behauptung und die Leidenschaft vor dem Output.

Dass viele Frauen mir schreiben und sich verloren fühlen, liegt nicht an einer generellen Überforderung. Wäsche machen, Kinder haben, Ehen führen, Essen kochen, Arbeiten gehen und Sport treiben – die Liste an Anforderungen ist lang, aber das war sie schon IMMER.

Was neu ist, ist die zunehmende digitale Ablenkung und das niemals endende Geplapper. Wie viel Zeit wir damit verschwenden, uns berieseln zu lassen von Unechtem und Ungelebtem! Das löst eine Werteverschiebung aus. Denn vor unseren Handys und Laptops sitzen wir allein, nicht als (Groß-)Familie.

Als Ersatz wenden wir uns erfundenen Gemeinschaften zu, in denen Menschen sich pseudoverbindliche Kommentare wie „schönes Bild“ oder „well done“ zuwerfen. Aber die nähren keine Seele, am wenigsten unsere eigene. Der Versuch, dazuzugehören, wird mit dem Verlust von Lebenszeit bestraft. Zeit, die wir besser damit verbringen könnten, etwas zu kochen, uns zu bewegen, Ausflüge zu machen, etwas zu malen oder spazieren zu gehen. Kurz: etwas zu fühlen und zu erleben. Mit Menschen, die wir lieben.

Lasst uns doch mal wieder so altmodische Fragen beantworten wie „Was tut mir gut?“, „Was macht mir richtig Spaß?“ und „Womit kann ich mich entspannen?“ Ich plädiere dafür, aufzuhören, das Glück nur im Außen zu suchen. Sich einfach mal hinzusetzen, die Vögel singen zu hören und tief ein- und auszuatmen. Da relativiert sich vieles von ganz allein.

Technologie ist wunderbar und Online hat uns viele neue Möglichkeiten zur Weiterentwicklung geschenkt. Aber all das kam ohne Gebrauchsanweisung für unser Glücksempfinden. Ich wünsche mir, dass wir aufhören, im Treibsand auf der Stelle zu treten.

Dazu müssen wir nicht digital detoxen, sondern dürfen beginnen, digitale Angebote bewusst zu nutzen: für unsere Weiterentwicklung und zu unserem Wohlempfinden. Ihre Träume leben können nicht nur 25-jährige Digital Natives, die jetzt wie Nomaden in der Welt herumziehen und jeden Tag Neues entdecken. Das können auch wir, die sich mit Mann, Kind, Haus und Hund festgelegt haben. 

Ich bin mir sicher: Wir sind genau im richtigen Alter, um Beruf, Interessen und Vergnügen innovativ miteinander zu verbinden. Und die neuen Möglichkeiten endlich für uns zu nutzen, anstatt unsere Zeit mit ihnen zu verplempern.

In diesem Sinne

Eure Svenja

P.S.: Dieser Text liegt mir am Herzen. Weil ich sehe, welche Chancen für Frauen sich in der Online Welt verbergen. Darüber werde ich immer mal wieder schreiben und mit (hoffentlich) gutem Beispiel vorangehen.

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