WWCBD – What would Carrie Bradshaw do?

Carrie Bradshaw

Carrie Bradshaw

Neulich habe ich eine amerikanische Serie gesehen, in der die eine weibliche Hauptdarstellerin die andere fragte: “WWCBD?” Die Erklärung kam im nächsten Satz. WWCBD heißt “What would Carrie Bradshaw do?” Eine Frage, die ich mir noch nie gestellt habe. Immerhin war ich in der Zeit, in der Sex and the City lief, überwiegend noch nicht verheiratet. Ich WAR also quasi Carrie Bradshaw.

Ich hatte Verständnis dafür, dass man auf einer Party seine Schuhe nicht an der Haustür ausziehen kann, weil sie ein Teil des Outfits sind. Ich hatte viele Kleider, viele Schuhe und stellte mir permanent hochwichtige Sinnfragen a la “Sind alle interessanten Männer schon verheiratet?”

WWCBD war also keine notwendige Maßeinheit in meinem Leben. Und ist es auch heute nicht. Denn seien wir mal ehrlich: Heute würde ich gnadenlos durch Carries Raster fallen. Ich koche. Ich putze. Ich trage seltenst hohe Schuhe. Ich habe einen Rucksack. Einen Daunenmantel. Und wohne in einem Reihenhaus am Rande der Stadt. Weiter vom Carrie-Universum entfernt kann man eigentlich nicht sein. Und das “eigentlich” kann man streichen. Selbst Miranda hatte ein Brownstone in Brooklyn. Da ist man in einer halben Stunde in New York, nicht in 15 Minuten am Marienplatz. Wo ich nie bin, weil meine Kinder da nicht hin wollen. (“In die Stadt? Schon wieder? Da ist es immer so stressig…”)

Was mir allerdings geblieben ist, ist das Gefühl. Oder anders gesagt: die Sehnsucht nach der Sehnsucht. Ja, manchmal vermisse ich sie, diese Frau, die ich mal war. Die dachte, sie könnte die Welt erobern und dann doch lieber Kinder gekriegt hat (und wer welche hat, weiß, dass das irgendwie dasselbe ist). Die, die nicht nur in hohen Schuhen laufen, sondern auch 5 Stunden in ihnen tanzen konnte. Weil nachts niemand nach ihr gerufen hat (außer er stand auf der anderen Straßenseite und hat anerkennend gepfiffen) und sie morgens nicht aufstehen musste, um mit jemandem eine Runde Uno zu spielen.

Die Sehnsucht nach der Sehnsucht ist mir geblieben. Sie ist wie ein treuer Freund, der mich immer wieder daran erinnert, dass ich mehr drauf habe. Dass in mir etwas schlummert, was ich eines Tages wieder rausholen werde, um neu durchzustarten. Nicht im Sinne durchtanzter Nächte und Narrenfreiheit, aber im Sinne von unbändiger weiblicher Energie.

Drew Barrymore, die vor kurzem Mutter wurde, hat in einem Interview gesagt: “Ich bin in der Generation groß geworden, der beigebracht wurde, dass sie alles haben kann. Das stimmt nicht. Man kann nicht alles gleichzeitig. Wenn man Kinder hat, muss man Dinge sein lassen.”

Bravo Drew, dachte ich. Danke, dass Du NICHT innerhalb von 2 Wochen Dein altes Gewicht hast und tausend Projekte am Haken. Oder 5 Nannies beschäftigst und ohne Rücksicht auf Verluste nach vorne preschst.

Vielleicht bedeutet älter werden einfach, dass man andere Antworten auf die gleichen Fragen gibt. Aber auch, dass man sich andere Fragen stellen muss. Nicht mehr “What would Carrie Bradshaw do?”, sondern “What would Carrie Bradshaw say?”

Was würde Carrie sagen, wenn wir es schaffen, nach der Kleinkinderzeit nicht mehr nur halb, sondern wieder ganz wir selbst zu sein? Nicht im Sinne von “Outfits, Drinks und Affären”, sondern im Sinne von “Mehr Wahrheit, mehr Liebe, mehr Ich”?

Ich glaube, sie wäre stolz auf uns.

In diesem Sinne

Eure Svenja

8 Kommentare

  1. Diese Sehnsucht kenne ich nur zu gut! Irgendwann gibt es auch wieder “meine” Zeit, doch im Moment ist eben die “Familien- Kinderzeit”. Und so eine Runde Uno am Morgen zaubert einem doch auch oft ein Lächeln ins noch müde Gesicht.
    “Start the day with a smile” ist mit Kindern auf jeden Fall garantiert (zumindest meistens).
    Ein wunderschönes Wochenende wünscht Dir Katrin
    P.S.: Ich freue mich immer riesig wenn mein “feedly” mir anzeigt das es was Neues von Dir gibt, Du findest wirklich immer die treffenden Worte.

  2. Wunderbar,reizend! You made my day,Svenja. Es sprechen nicht mehr viele über Carrie und ihr “fantastisches”Leben. Für uns Vierzigerinnen war sie damals eine ungeheure Offenbarung. Drew war schon immer eine ganz besondere außergewöhnliche Person des öffentlichen Lebens. Ich hatte sie seit “Auf immer und ewig” (Die beste Aschenputtelverfilmung nach dem tschechischen Klassiker)fest in meinem Focus. Optisch und persönlich eine,die aus der Reihe tanzte.

  3. Wie schön und treffend geschrieben, Svenja.. Das kann ich so gut nachempfinden. Aber ich könnte es nie so schön formulieren.

    Und in dem Kleid könntest du locker zu den Oscars !

    Liebe Grüße
    Katja

  4. Hallo Svenja
    Sehnsucht ist etwas wunderbares, eine treibende Kraft! Eigentlich ist es ganz egal wonach man Sehnsucht hat, solange man sie hat. Und nachdem man Kinder hat, zieht es fuer eine Zeit nur in eine andere Richtung.
    Ich mag das folgende Gedicht:

    Drinnen duften die Äpfel im Spind,
    Prasselt der Kessel im Feuer.
    Doch draussen pfeift Vagabundenwind
    Und singt das Abenteuer!
    Der Sehnsucht nach dem Anderswo
    Kannst du wohl nie entrinnen:
    Nach drinnen, wenn du draussen bist,
    Nach draussen, bist du drinnen.

    Mascha Kaléko (1907-1975) deutschsprachige Dichterin

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