Zu viel ist zu viel: Keine Zeit für neue Freunde

Kennt ihr das: Eigentlich weiß man, das man etwas nicht machen wird, aber man drückt sich vor der Entscheidung zu sagen: OK, dann lasse ich es halt? Das führt dann zu peinlichen Last-Minute-Absagen, Ausreden und überhaupt völlig unglaubwürdigen Gesprächen, vor denen man sich wiederum so lange drückt, dass man eigentlich nicht mehr anrufen kann. Alles schon gehabt.

Irgendwann habe ich mir gedacht: Nee, das ist doch blöd. Sag doch einfach frei heraus: Das möchte ich nicht, weil…oder: Das möchte ich nicht. Punkt! Aber: das ist manchmal schwierig.

Zum Beispiel wenn Jemand, den ich nur entfernt oder kurz kenne, sich mit mir treffen möchte. Oder Jemand, den mein Mann und ich nicht wirklich in unser Herz geschlossen haben, sich mit uns zum Abendessen verabreden will. Oder eine Kindergarten- oder Schulmutter ihre Kinder mit meinen verabreden möchte – und meine Kinder ihre Kinder nicht wirklich mögen und bei mir schnackelt es mit der Mutter auch nicht.

Ein paar Mal kann man sicher sagen: „Wir können nicht, passt an dem Tag nicht, Du die nächsten Wochen sind bei uns voll.“ Aber immer? Wäre es nicht viel einfacher zu sagen: „Du, ich habe eigentlich gar keine Zeit dafür.“ In Klammern: Nie! Denn genauso ist es ja. Mein Leben ist schon voll mit Mann, Kindern und Arbeit. Ich habe schon gute Freunde und ich wohne schon in einer Siedlung mit wirklich fantastischen Nachbarn. Klar ist es manchmal nett, neue Leute kennen zu lernen. Aber die Zeit rast und ich habe noch so viel vor. Da warten Stoffe darauf genäht und Kuchen darauf gebacken zu werden. Ich möchte mal wieder ein Buch lesen, mit meinem Mann ins Kino und mit meinen Kindern einen Ausflug machen. Ist es schlimm, dass ich einfach keine neuen Freunde brauche?

Das Schöne ist: ich bin nicht alleine mit meinem Wunsch, Einladungen nicht anzunehmen und Treffen abzulehnen. Auf meinen Post mit den Energievampiren hat Kirsten mir neulich geschrieben, dass sie schon seit sie klein war genau darauf geschaut hat, mit wem sie ihre Zeit verbringt. Konsequenterweise hat sie deshalb auch nur DIE Kinder zu ihrem Geburtstag eingeladen, die sie wirklich dabei haben wollte. Und nicht einfach alle, die vorher auch sie eingeladen hatten.

„Das hat immer schon zu hitzigen Diskussionen – früher mit meinen Eltern, heute mit meinem Mann – geführt. „Das kannst Du doch nicht machen, wie sieht das denn aus?“ Ja wie denn? Und ganz ehrlich, wen interessiert das? Umgekehrt gehe ich auch nicht (und ging ich als Kind noch viel weniger) zu Einladungen von Menschen, mit denen ich nicht wirklich was zu tun habe (es sei denn, geschäftlich, auch da versuche ich aber, ehrlich mir selbst gegenüber zu bleiben).“

Das fand ich spannend – es gibt also Menschen, die von klein auf gegen diese soziale Norm und den veremeintlichen Anstand rebellieren. Weiter schreibt Kirsten:

„Mein Mann sagt manchmal „Du bist einfach zu starrköpfig!“, wenn ich eine Einladung dankend und freundlich absage, weil ich meine eh schon knappe Zeit für Menschen haben möchte, die mir wirklich wichtig sind. Und die eben nicht sagen „Ach, meldest Du Dich auch mal wieder?“ sondern „Toll, Deine Stimme zu hören!“ Das sind doch die wirklich wichtigen Menschen!“

Kirsten, Du sprichst mir aus der Seele. Ich war als Teenager relativ häufig in Kanada und anfangs sehr überrascht, wie dort mit dem Thema (Gast-)Freundschaft umgegangen wird. Du wirst immer genau EINMAL zum Barbecue eingeladen – aber eben kein zweites Mal, wenn Du nicht amüsant und unterhaltsam bist, ein spannender Mensch oder die Runde wirklich bereicherst. Ich nenne das für mich seit damals die „Barbecue-Mentalität“. Keine Muss-Treffen, Muss-Gespräche, Muss-Einladungen und Muss-Ausflüge. Ein Barbecue: gerne. Aber deshalb muss ich ja noch lange nicht den ganzen Sommer lang mit jemanden grillen, oder?

In diesem Sine wünsche ich euch noch einen schönen Tag – und solltet ihr noch was vorhaben, worauf ihr keine Lust habt: Sagt es doch einfach ab. Es ist schließlich EURE Lebenszeit und IHR dürft entscheiden, was ihr damit anfangen wollt.