Mein 71-jähriger Vater hat mich diese Woche etwas Bedeutendes gelehrt. Älter werden ist keine Aneinanderreihung von Veränderungen und Entscheidungen, sondern eine Naturgewalt. So wie ein unerfahrener Surfer von einer Welle überrascht werden kann, so werden Menschen vom Alter überrascht. Nur dass ICH der unerfahrene Surfer bin und nicht mein Vater.

Mein Vater war immer der, der die schwersten Rucksäcke auf 30 km Märschen tragen konnte. Er war der Einzige, der im Wald wusste, welcher Vogel da gerade singt. Er war immer organisiert und pünktlich auf die Sekunde. Ein Baum von Mann, ein Fels in der Brandung. Der mit dem Kompass in der Hand und der richtigen Ausrüstung. Ob Gewitter oder Schneesturm, mein Vater hätte BLIND den Weg gefunden. Und alle haben sich auf ihn verlassen.

Heute braucht mein Vater zum Kaffee ein Frühstück. „So wie ihr das macht, erstmal einfach so einen Kaffee trinken, das kann ich nicht. Ich muss mich dann setzen und was essen.“ Heute braucht mein Vater ein Mittagessen. „Aber wenn ich mittags was esse, muss ich die zweite Mahlzeit vor 18:00 zu mir nehmen, sonst nehme ich zu.“ Heute will mein Vater mit mir und meinem Bruder über seine Beerdigung reden, „um die Dinge zu regeln.“ Und denkt, dass die Broschüre von 2005 zum Thema Nachlassregelung aktuell ist. Heute zeigt mir mein Vater Bilder, die er bei einem Helikopterflug gemacht hat. Und bei manchen sagt er: „Das ist nicht so scharf, da stand die Sonne schlecht.“ Und ich spüre die Welle und ich merke dass sie bricht und ich bin nass und frage mich: Darf ich ihm jetzt von Google Earth erzählen? Dass ich innerhalb von Sekunden in der ganzen Welt herumfliegen, rein- und rauszoomen kann? Oder zerstöre ich damit das Abenteuer eines Helikopterfluges und die Illusion, dass mein Vater mir etwas zeigen kann, was ich sonst nicht kennen würde?

Dass mein Vater älter wird, war mir schon vor seinem Besuch klar. Da erzählte er mir am Telefon, dass er aus Versehen seinen Fahrzeugschein mitgewaschen hat. (Kann ja mal passieren, Papa!) Als ihm eingefallen ist, dass der Fahrzeugschein noch in der Brusttasche seines Hemdes steckt, hat er die Waschmaschine aufgemacht und den Schein rausgeholt und die Maschine nochmal neu angesetzt, weil der Schein abgefärbt hatte. (OK, bis jetzt noch alles ganz normal). Dann war es aber schon relativ spät und er hat sich aufs Bett gelegt und gewartet, dass die Maschine durchgelaufen ist. Als er immer müder wurde dachte er: „Mist, wenn ich jetzt einschlafe dann müffelt die Wäsche morgen, ich würde sie lieber noch rausnehmen.“ Und über diesem Gedanken ist er dann doch eingeschlafen. (OK, hört sich doch alles normal an, Papa).

„Svenja, und dann bin ich morgens aufgestanden und bin direkt ins Bad um die Wäsche möglichst schnell aufzuhängen und weißt Du was: da hatte ich die schon aufgehängt und habe das total vergessen!“ (Das kling nicht gut).

Also haben Papa und ich darüber gesprochen, dass er eben älter wird und sich jetzt alles aufschreiben muss und sich Zettel überall hin kleben muss. „Weißt Du Papa, solange Du am nächsten Morgen noch WEISST, dass Du VERGESSEN hast, dass Du die Wäsche aufgehängt hast und mir das erzählst, ist doch alles gut!“

Naja, und jetzt am Wochenende, da wollte ich nochmal einen Scherz über diese Wäscheaktion machen – und mein Vater wusste NICHTS mehr. Er wusste nicht, dass ihm die Geschichte passiert war. Da habe ich bei meinem Vater das erste Mal das gesehen, was ich sonst nur von mir kenne. Hilflosigkeit.

Meine Eltern haben sich getrennt, als ich 8 war. Ich habe akzeptiert, dass ich nie wirklich wissen werde, warum. Jeder hat seine eigene Wahrheit. Meine ist: Seit dem Tag, weiß ich, wie es sich anfühlt, hilflos zu sein. Etwas nicht ändern zu können. Machtlos zu sein, weil andere etwas entscheiden. Weil etwas mit Dir passiert, über dass Du nicht bestimmen kannst.

Und während ich das hier schreibe, bricht die Welle. Ich bin wieder 8 und mein Vater ist 41. Er fragt mich, ob ich nochmal runter ins Wohnzimmer komme. Und da kuschel ich mich auf seinen Schoß und er erzählt mir, dass er nur vorübergehend auszieht, weil er und Mama mal ein bisschen Abbstand brauchen. Aber wenn sie sich wieder besser verstehen, dann kommt er wieder. Es hat Jahre gedauert bis ich verstanden habe, dass er mir eigentlich sagen wollte: Ich gehe für immer.

Papa, ich weiß, wie es ist, hilflos zu sein. Weil ich es selber gefühlt habe. Weil ich älter geworden bin. Ich habe selbst hilflose Babies geboren, die größer werden, weil ich für sie da bin. Und ich weiß es, weil ich in Deinen Augen gesehen habe, wie hilflos Du Dich gefühlt hast.

Aber ich habe an diesem Wochenende auch etwas anderes gesehen. Das Bild zu diesem Post zeigt, wie Du meinen Sohn bei unserem Aufstieg auf die Schliersbergalm an der Hand nimmst und ihn mitziehst. Du hast mehr geschwitzt als sonst und Du bist langsamer gegangen. Aber Du hast ihm erklärt, wie man eine Fichte und eine Kiefer unterscheidet, wie eine Gondelbahn funktioniert und warum frisch gesägtes Holz besser riecht, als alles auf der Welt.

Und endlich, nach all den Jahren, konnte ich loslassen. Ich sehe Dich, wie Du bist. Ein Mensch, der viel zu geben hat und der geliebt werden will. Der Vater, der mich verlassen hat, war eine Katastrophe für ein 8-jähriges Mädchen. Aber der Mensch, der Du jetzt bist, passt hervorragend zu einer 40-jährigen Frau mit zwei kleinen Kindern.

Herzlich Willkommen zurück in meinem Leben.