Meine Lieben,

heute mal wieder ein Post aus der Reihe „Frau Walters unglaubliche Erlebnisse auf dem Weg zum erwachsen werden“.

Als ich 26 Jahre alt war, habe ich mich ziemlich unsterblich verliebt. In M., der super aussah, intelligent und witzig war. Als wir 3 Wochen zusammen waren, haben wir einen traumhaften Frisch-Verliebt-Urlaub gemacht und sind für 4 Tage nach Langeoog gefahren. Obwohl der Urlaub toll war, gab es ein paar Situationen, in denen ich gemerkt habe – irgendwie ist er doch nicht so ganz der Richtige. Manchmal ein bisschen zu albern, zu kindlich. Eher auf der Spaßschiene als auf der Suche nach einer ernsthaften Beziehung, in der man sich wirklich austauscht und aneinander wächst. Also habe ich an unserem letzten Abend genau darüber mit ihm gesprochen – und in dem Gespräch habe ich gemerkt, dass er das gar nicht wechseln kann. OK, habe ich gedacht, vielleicht ist er einfach noch nicht so weit. Oder das war es jetzt einfach.

Am nächsten Tag haben wir unsere Koffer gepackt und beim Bahnhof in ein Schließfach eingeschlossen. Dann sind wir mit unseren Mieträdern ein letztes Mal an den Strand und raus zur Sandbank geschwommen. Als die Zeit langsam drängte, wollten wir zurückschwimmen. M. machte immer wieder Scherze, dass er jetzt ins Meer springen würde. Und ich erinnere mich noch, dass ich mich umgedreht habe und gesagt habe: „Spring nicht, das Meer ist da nicht tief genug.“ Und dann habe ich mich umgedreht und bin losgeschwommen. Und dann war da plötzlich dieses Geräusch.

Als ich mich umgedreht habe, saß M. im Wasser vor der Sandbank. Seine Beine schlugen unkontrolliert aus und sein Gesicht war total verzerrt. Ich bin so schnell ich konnte zurück und habe mich instinktiv erstmal auf seine Beine gesetzt, um sie zu stabilisieren. Das Wasser war so flach, dass es ihm im Sitzen noch nicht mal bis zum Bauchnabel reichte. Also vielleicht 20 cm tief, wenn überhaupt.

M. schaute total glasig an mir vorbei. „Bist Du gesprungen?“ habe ich immer wieder gefragt. Aber die Antwort konnte ich mir eigentlich selbst geben. Er war gesprungen, mit dem Kopf voran, in 20 cm flaches Wasser. Und jetzt stimmte irgendwas nicht mit ihm.

Heute weiß ich, warum sich die Situation so seltsam und unwirklich anfühlte. Warum ich dieses „Alles wie im Film“ Gefühl hatte. So macht man Blockbuster. Man nimmt ein Liebespaar, setzt es auf einer einsamen Insel aus und dann passiert eine Katastrophe. Werden die beiden überleben? Um es richtig spannend zu machen, fehlt nur noch eins: Der begrenzende Faktor. Die Zeit muss knapp werden. Dann gibt es a) eine Bombe zu entschärfen oder b) kommt nur einmal im Jahr ein Schiff vorbei, was Dich retten könnte (und das kommt in 10 Minuten an – aber am anderen Ende der Insel).

Tja, bei uns kam einfach nur die Flut. Und ich musste zusehe wie ich mit diesem 90 kg Brocken, mit dem irgendwas nicht stimmte, zurück an die Küste kam. Noch dazu wo ich echt nur ein mäßiger Schwimmer bin.

Ich erinnere mich nur noch ganz schwach an das, was dann kam. Ich war total im Überlebensmodus. Irgendwie haben wir es geschafft, zurück an den Strand zu kommen. M. hatte starke Schmerzen im Nacken und einmal hat es total laut gekracht. Er hat sich dann aufs Handtuch gelegt und ich bin in einem irren Tempo zur Apotheke gerast, um eine Salbe zu besorgen. Im Rückblick lächerlich, aber in dem Moment wusste ich mir nicht anders zu helfen. Als ich zurückkam, konnte M. vor lauter Schmerzen kaum noch reden. Und dann ging alles ganz schnell. Notarzt, Hubschrauber, Flug zum Festland. Der Hals war gebrochen, M. vielleicht gleich gelähmt oder in wenigen Minuten unfähig zu sprechen. Die Ärzte legten sich auf nichts fest. Und weil seine Mutter im Urlaub und sein Vater weit weg war, gab M. an, dass ich seine Frau bin. Irgendjemand musste ja die notwendigen Entscheidungen treffen, wenn er gleich wegsackte. Nach der Diagnose schaute er mich an und sagte: Ich liebe Dich. Da war für mich klar, dass ich bleiben würde.

Am nächsten Tag bin ich im Bikini und M.s T-Shirt barfuß im Zug zurück nach Langeoog gefahren, denn unser Gepäck war ja noch auf der Insel. Ich bin für 3 Wochen ins Schwesternheim neben der Klinik gezogen. An Verlassen war gar nicht mehr zu denken. Der Mann, der mir zu albern war, hatte eine ganz andere Seite. Er war sehr liebenswert und dankbar, dass ich da war. Eine OP später waren wir fest miteinander verwachsen – und die Rollen klar verteilt. Er der übermütige Lausbub, ich die vernünftige Umsorgende.

Nachdem M. wieder komplett gesund war, sind wir zusammengezogen. Ja, da hatte sich Liebe entwickelt. Aber immer wieder habe ich gespürt: Der spielerische, rücksichtslose, alberne M. – der ist noch da. Und auch wenn ich nie wirklich einen Beweis hatte, ich habe immer gespürt: Ich bin nicht die Einzige. Und das war ich auch nicht. Aber ohne Beweis gehen? Ja, das geht – trotz eiligem Heiratsantrag von M. und seinen Beteuerungen, dass er mich nie betrogen hatte. Nach 2 1/2 jähriger Beziehung bin ich also ausgezogen. Zurück in MEINE Stadt. Und hatte schrecklichen Liebeskummer. Seine letzten Worte waren „Ich liebe Dich“ und ich habe gedacht: UND ICH GEHE TROTZDEM. Sonst werde ich nie sehen, was Sache ist. Ich brauche Abstand, denn Du bist mir zu nah, um klar zu sehen, was hier los ist.

2 Tage später habe ich M. angerufen. Er lag mit einer anderen Frau im Bett – und hat auch gar nicht versucht, das zu vertuschen. „DU bist doch ausgezogen“ hat er gesagt. Und ich hatte unglaublichen Liebeskummer. Schrecklich war das. Manchmal saß ich in meiner neuen Wohnung im Wohnzimmer und dachte: „Wenn ich jetzt rübergehe ins Schlafzimmer, ist er sicher da.“ Das hört sich durchgeknallt an, aber ich war so fürchterlich an ihn gewöhnt, dass es körperlich weh tat. Ich habe gelitten wie ein Hund. NIE WIEDER würde ich jemandem Vertrauen können, das war klar.

Fast forward.

Was sich damals anfühlte, wie das Ende der Welt, war der Start für alles, was mich heute glücklich macht. Ich habe meinem Mann diese Geschichte erzählt, bevor wir zusammen gekommen sind. Jahre später hat er mir gesagt, dass das einer der Schlüsselmomente war, in denen er sich für mich entschieden hat. Anstatt ein Opfer zu sehen, sah er eine Frau, die – egal in welche Krise sie geraten würde – einen Weg da raus finden würde. Die anpacken konnte und vor Gefahren nicht weglief. Die Herausforderungen annahm und für die kämpfte, die ihr nahe standen. Für meinen Mann waren das Qualitäten, nach denen er sein Leben lang gesucht hatte. 2 Wochen später waren wir verlobt.

Unsere Niederlagen sind genauso wichtig wie unsere Siege. Manchmal führt das eine sogar zum anderen. Am Ende lohnt sich Liebeskummer. Jede Einzelne von uns hat einen Mann verdient, der uns für unsere Stärken liebt. Der diese Stärken sieht, sie zu schätzen weiß und der dankbar ist, auf sie bauen zu können. Der diese Dankbarkeit in Worte fassen kann und das auch tut. Der uns lobt und uns das Gefühl gibt, dass wir eine „Jahrhundertfrau“ sind. Dafür möchte ich Dir, Uwe, danken. Ich habe durch Dich verstanden: Man muss sich nicht mit wenig zufrieden geben, wenn man mehr haben kann. Und Du, Du bist mehr. Von allem und für immer.