Es gibt nicht viele Menschen, die Dir über 9/11 etwas erzählen können, was Du noch nie gehört oder gelesen hast. Ich habe diesen Sommer mit jemandem zusamen gesessen, der das kann. Hier ist seine Geschichte.

Mike Walter ist ein amerikanischer Anchorman/Journalist/Filmemacher. An 9/11 war Mike auf dem Weg ins Büro – und bester Stimmung, denn er hatte Karten für ein begehrtes Baseballspiel ergattert und freute sich darauf, das Spiel abends mit seinem Sohn gemeinsam anzuschauen. Er stand wie immer auf dem Weg zur Arbeit im Stau – Berufsverkehr eben. Dann hörte er dieses Geräusch – drehte seinen Kopf und sah das Flugzeug. Zu tief, zu nah. Es flog über ihn hinweg, beschleunigte nochmal und flog zielgerichtet mitten ins Pentagon. Ohrenbetäubender Lärm, Explosion, Feuerball, Chaos. Ein schrecklicher Moment. Bis dahin kannte ich die Geschichte – aus dem Fernsehen und zahllosen Zeitungsberichten. Doch dann kamen Mikes persönliche Eindrücke.

Als Journalist hatte er schon oft gefährliche Situationen erlebt und sein erster Impuls war, dass er sofort in der Redaktion anrufen muss. Dann fiel ihm ein: Er hatte wegen des Baseballspiels nur ein Poloshirt an. Das Sacko mit dem Mobiltelefon war Zuhause. Er war wahrscheinlich das erste Mal seit zehn Jahren ohne Telefon aus dem Haus gegangen – und weil er nur kurz ins Büro wollte, hatte er auch keine Kamera dabei.

Ihm wurde klar: Er hatte keine Chance selbst über das, was geschehen war, zu berichten. Um ihn herum brach Chaos aus. Die Menschen setzten mit ihren Autos vor und zurück, versuchten mitten auf der Straße zu wenden, schrien sich an.

Mike blieb vor Ort und versuchte, bei der Berichterstattung zu helfen. Er gab CNN ein Interview. Durch das Radio und CNN erfuhr er auch von den Attacken auf das World Trade Center. Und da war klar: Das, was für ihn das wahrscheinlich außergewöhnlichste Erlebnis seines Lebens war, der größte Zufall, die größte Story, das größte Trauma, würde der Menschheit nicht als bedeutendstes Ereignis des Tages in Erinnerung bleiben. Das World Trade Center war die Location, auf die die ganze Welt schaute.

Es gibt unter Journalisten eine Frage, die oft gestellt wird. Es ist die Frage nach der größten Story die man je erlebt bzw. über die man je berichtet hat. Journalisten werden oft als „hartgesottenes Pack“ bezeichnet. Und ja, wenn Du beruflich bedingt manchmal an Orte wie z.B. Afrika reist, und dort ein Kind siehst, das zwei Minuten vorher verhungert ist, dann ist das etwas, was Dich verändert.

Mike hat 9/11 verändert. Er hatte danach die klassischen Symptome eines Posttraumatischen Belastungssyndroms. Aber anstatt sich zu verstecken, machte Mike einen (mittlerweile mehrfach prämierten) Film mit dem Titel „Breaking News, Breaking Down“ darüber: Über Journalisten, die sich durch „Stories“ verändert haben. Die durch ihren Beruf traumatisiert wurden – und die angefangen haben, sich damit auseinanderzusetzen.

Was mich am meisten berührt hat? Gerade weil sich Mikes Leben aufgrund der Pentagonattacke verändert hat, ist er seinen journalistischen Grundsätzen treu geblieben. In diesem Video nimmt er Stellung zu allerhand Gerüchten, die im Internet zu seinem CNN Interview aufgetaucht sind. Am Ende sagt er ganz klar, dass man immer nach den Fakten suchen muss, um sich eine Meinung zu bilden. Dass diese Fakten manchmal auch Auswirkungen auf Menschen haben, über die im Journalismus dann nicht mehr berichtet wird, betont er nicht extra. Um die kümmert er sich lieber im richtigen Leben. Dafür: Hut ab, Mike. Du bist ein fantastischer Storyteller, der sich traut, auf seine Gefühle zu hören und mit dem Herzen hinzusehen. Ich bin stolz, Dich zu kennen.