Manchmal denke ich: „Wie schön es ist, dass ich schon vierzig bin.“ Dass ich alles in trockenen Tüchern habe, wie man so schön sagt. Berufsausbildung abgeschlossen. Den Richtigen gefunden. Zwei wunderbare Kinder bekommen. Als ich letzten Sonntag von München nach Hamburg geflogen bin, da war wieder so ein Moment.

Na klar, es ist Wiesnzeit und da ist am Münchener Flughafen natürlich Ausnahmezustand. Aber trotzdem muss ich mir nicht volltrunken Bier aus Paulanerdosen in Maßkrüge schenken und dann trinken. Ich muss keine kurzen Lederhosen zu bauchfreien T-Shirts tragen und Charter nach Palma fliegen. Weder rufe ich meinen Vater an und rufe lautstark ins Telefon: „Holst du mich mit dem Cayenne ab?“, noch komme ich mit dem Älter werden nicht klar und trage meine blonden Haare deshalb hüftlang, mein geblümtes Sommerkleidchen minikurz und dazu jede Menge Accessoires von XXL-Handtaschen über Schultertücher mit Fransen bis hin zu überbreiten Gürteln und der obligatorischen Sonnenbrille im Haar. (Merke: Je jünger man sich kleidet, desto älter wirkt man – außer man ist eh 18). Aber, das „Angekommen sein“ hat auch so seine Fallstricke, besonders in München.

Neulich saß ich beim Abendessen einer Ärztin gegenüber, die überhaupt keine Gesichtsmimik mehr hatte. Knapp fünf Minuten lang starrte sie mir wiederholt auffällig auf die Stirn und fragte dann: „Willst du nicht mal was machen lassen?“ „Eigentlich nicht“ habe ich geantwortet. Ich bin ja in Westfalen aufgewachsen und da gehen wir ins Fitnessstudio, um uns in Form zu halten, und nicht zum Chirurgen – und was durch Sport nicht weggeht, geht eben nicht weg. Außerdem hätte ich viel zu viel Angst, dass ich mir danach selbst fremd bin und ich mag mein Gesicht – schließlich haben wir beide schon viel zusammen erlebt.

„Ja, aber das ist ja nicht für immer!“ klärte sie mich schnell auf. „Das spritz ich Dir hier und hier und hier (und hier und hier) und dann kannst Du Dir das mal drei Monate anschauen und dann ist das ja eh wieder weg.“ Aha, dachte ich – und woher kommen dann diese ganzen völlig überspritzten Damen, die aussehen als säßen ihre Lippen und Brüste an den falschenn Stelle und als hätten sie ihr Gesicht in Acryl gegossen um es möglichst unbeweglich zu machen?

Aber meine Tischnachbarin ließ sich nicht beirren. „Nein Du, das ist ganz unkompliziert. Da kommst du einfach mal vorbei und ich mach nur ein bisschen was. Ich mach das auch immer so – wenn ich müde aussehe, dann spritze ich mir in der Mittagspause nur so ein ganz kleines bisschen und dann wirkt man gleich viel frischer.“ Tja, was man sonst nur aus amerikanischen Serien kennt, ist in München tatsächlich an der Tagesordnung – und zwar nicht nur im Bereich der plastischen Chirurgie.

Wie oft sehe ich abends bildhübsche Mädchen in Grüppchen an Tischen in Bars sitzen und darauf warten, dass ein Prominenter kommt und sie beachtet oder besser noch abschleppt. Da werden Fotos mit Handys gemacht als Beweis, dass man „DEN ja auch kennt“ und vor dem Club gleicht das wohlwollende Nicken und Vorbeiwinken vom Türsteher einer erlösenden Absolution, wenn nicht Heiligsprechung. Diese Mädchen verwandeln sich irgendwann in genau die Frauen, die jemanden mit Geld ( nicht aus Liebe) heiraten und ihren Nachwuchs mit dem richtigen Auto zur richtigen Schule fahren und dort schon morgens in Full Gear mit Make-up und der neuesten Sommerkollektion Schau laufen. Was für ein Stress!

Ich bin froh, dass ich angekommen bin. Mein Mann findet mich mit und ohne Makeup (Kleidung, Schwangerschaftsbauch ) unwiderstehlich. Meine Kinder interessiert nur, wie viel Zeit ich für sie habe, ob ich Waffeln mache und was wir spielen. Mein Zuhause ist gemütlich aber nicht immer vorzeigbar. Egal ob meine Hose zwickt oder meine Laune mal im Keller ist: Ich werde geliebt, ohne mir was in die Stirn spritzen oder mich verstellen zu müssen. Und ich weiß ganz genau, wie viel das Wert ist.