Ich habe es ja bereits angekündigt – eure Fragen zum Thema „Du lebst ja ganz schön öffentlich, hast Du keine Angst, dass da was passiert?“ häufen sich. Erst einmal: Vielen Dank, dass ihr euch solche Gedanken zu mir macht. Das zeigt einmal mehr, dass ich definitiv die besten Leser der Welt habe.

Die meisten von euch gehören ja noch zu der Generation (also meiner Generation), die erst ein paar Sachen verlernen musste, bevor sie sich mit der modernen Technik und dem Internet angefreundet hat. Und was war das, was wir verlernen mussten? Zum Beispiel ein Faxgerät zu benutzen (dafür gibt es Scanner), dass ein Anrufbeantworter ein reales Gerät ist (heute gibt es Mailboxen) und dass ein Kurier Schriftstücke am schnellsten von A nach B befördert – sogar schneller als die normale Post, heute auch „snail mail“. Denn via e-Mail geht es jetzt eben innerhalb von Sekunden, da kann kein Postbote mithalten.

Doch es gibt noch andere Sachen, die mit der „alten“ Technik einhergingen, nämlich Werte. Ein Fax ging von A nach B – und außer wenn man sich verwählte, war die Chance, dass es in falsche Hände geriet, gleich Null. Es war also sicher, ein Fax zu schicken.

Einen Anrufbeantworter konnten nur wir Zuhause per Knopfdruck abhören, das übernahmen nicht etwa große Boulevardzeitungen, die die Nachrichten dann auch noch gleich lustig löschten. Auch hier war sicher, dass die Nachricht bei uns und zwar nur bei uns ankam.

Ein Kurier bekam den Briefumschlag verschlossen in die Hand und hat ihn auch so abgeliefert. Es gab das Briefgeheimnis und das wurde auch Ernst genommen. Niemand lief Gefahr anstatt auf „Weiterleiten“ auf „Antworten“ zu klicken, vor allem nicht wenn er vorher geschrieben hatte „Dieser Kunde nervt tierisch, kannst Du den bitte mal pampern, das schaffe ich heute nicht!“ Hatte also auch alles seine Vorteile, oder? Aber wie stand es mit dem menschlichen Miteinander?

Wir haben uns ganz stark von anderen Menschen abgegrenzt, um Vorteile zu haben. Alles war ein ständiger Statuskampf mit der zentralen Frage: „Wem kann ich welche Informationen vorenthalten um mir Vorteile zu verschaffen und besser dazustehen, als andere?“ Eine Zusammenarbeit mit jemanden in Japan, den man noch nie gesehen hat? Nur wenn es nicht anders ging. Ein Buch mit jemandem am anderen Ende der Welt schreiben? Unvorstellbar!

Nehmt zum Beispiel mal eine normale Schulstunde aus eurer Jugend. Es wird eine Klassenarbeit geschrieben. Weil einige Schüler abgucken, müsst ihr aufgeklappte Bücher rechts und links von euch stellen, damit keiner mehr spicken kann. DAS ist das, was wir gelernt haben. Jeder ist ein Einzelkämpfer und hat Dinge (Wissen, Talente), die nur ihm gehören und die er sich hart erarbeitet hat. Auf diese Vorteile waren wir stolz und haben aufgepasst, dass sich niemand daran bereichert. Schließlich hatten wir dafür eine Menge getan und es geht ja nicht, dass der Andere das jetzt „einfach so“ bekommt. Und so war es doch in allen Bereichen: Das beste Kochrezept rausgeben, mit dem man immer so gut ankommt? Auf gar keinen Fall! Tausende von Menschen, die man nicht kennt, ins eigene Wohnzimmer (den eigenen Kopf) einladen? NEVER EVER.

„Hast Du denn noch keine schlechten Erfahrungen gemacht mit Deinen öffentlichen Posts? So manch einer könnte sich doch blind durch euer Haus bewegen und nicht nur Gutes anrichten. Ich will Dir keine Angst machen, ich bin ja auch eher so eine Türauflasserin und Fahrradauchmalnichtabschließerin, aber mit diesem ganzen Datenschutzgerede bei facebook oder anderen Netzwerken wird man ja verrückt gemacht. Ich kann das nicht richtig einschätzen, darum bin ich ganz passiv bei facebook.“

„Sowieso wäre es für mich und meine Familie fatal, wenn ich so einen Job wie Du hätte: Ich würde zu viel Privates von mir preisgeben. Hast Du keine Befürchtung, dass Du zu offen bist? Wenn Dir 50 Leute die Bude einrennen schauen die sich vielleicht an, wo man mal einbrechen könnte? Ich bin da vielleicht auch zu ängstlich und vermutlich bist Du das schon oft gefragt worden.“

Ich finde es toll, dass ihr euch solche Gedanken macht. Woher kommen die? In den Medien (Fernsehen, Zeitschriften, Zeitungen), die wir gewohnt sind, so wie wir Fax und Anrufbeantworter gewohnt waren, stehen lauter Horrorgeschichten. Heute zum Beispiel mal wieder in derBildzeitung. Aber warum? Warum treten die Medien heftig in Richtung Internet? Warum treten Menschen generell in irgendeine Richtung? Weil sie ANGST haben. Angst vor sinkenden Leserzahlen, Angst davor, dass weniger Menschen zuschauen. Und Angst, dass die Menschen andere Freizeitbeschäftigungen finden könnten. Vielleicht ist es ja interessanter, sich mit Freunden online zu unterhalten, als eine schlecht gemachte Reality Show anzuschauen. Und damit WIR AUCH Angst haben, werden wir gezielt verunsichert.

Natürlich speichert facebook meine Daten. ABER DOCH NUR DAS, WAS ICH VON MIR AUS FREIWILLIG PREISGEBE. Und was das ist, kann doch jeder selbst entscheiden. Ich bin in meinem echten Leben genauso offen, wie in diesem Blog. Wenn ich es könnte, würde ich meinen Kontostand an die Hauswand beamen. Ich habe Meinungen zu verschiedenen Themen und sage die auch. Ich glaube, dass wir alle gleich sind und deshalb macht es für mich gar keinen Sinn sich zu verstecken. Ist doch TOLL, wenn wir ein schöneres Leben haben, weil wir uns öffnen und voneinander lernen. Und zu den Einbrechern…die können dann gerne zwischen meiner Cellulitecreme und meinem Sofa wählen. Bei uns gibt es nichts Spannendes zu holen, vielleicht ruft ihr deshalb besser vorher an, dann kann ich was Passendes rausstellen. Nur den Thermomix, den kriegt ihr nicht.

Seit ich mich entschieden habe, in diesem Blog zu schreiben, was ich denke, ist etwas passiert. Ich bin erwachsen geworden. Ist ja nicht so, dass ich erst seit gestern ganz nett schreiben könnte. Aber oft habe ich gedacht: „Das kannst Du nicht bringen, das schreibst Du besser nicht. Wenn so und so das liest, das geht ja gar nicht!“

Davon habe ich mich hier total befreit. Ich will was über meinen Vater schreiben? Dann mache ich das. Er beschäftigt mich eben, weil ich ihn liebe. Mich nervt der Schönheitswahn? Take that, Gummilippe. Ich finde die Emanzipation hat nicht wirklich statt gefunden? Das wird sicher mal ein Post. Das Leben bietet wundervolle Vorlagen und im Internet kann ich die manchmal, wenn ich einen ganz guten Tag habe, zu etwas verwandeln, das euch berührt, das ihr weitererzählen möchtet oder weshalb ihr euch sogar die Mühe macht, mir zu schreiben.

Ich bin mir sicher, ihr würdet diesen Blog nicht lesen, wenn er nur ein paar Rezepte enthielte und ich ständig von meinen Kindern erzählen, sie aber nie zeigen würde. Ihr würdet euch zu Tode langweilen, wenn mein Mann immer nur toll und mir nie zu viel wäre. Weil ich aber eine von euch bin (mit Gewichtsschwankungen, permanenter Überforderung an allen Ecken und Enden und dem Hang zur Perfektion (für die natürlich nie genug Zeit da ist, also dann doch wieder hingemauschelt)), weil ich einfach sage, wie es mir geht und ihr euch deshalb auch mal Zeit gönnt, darüber nachzudenken, wie es EUCH eigentlich geht….deshalb und nur deshalb gibt es meinesvenja. Ich LIEBE Menschen (das wisst ihr) und ich liebe es, von euch zu lernen und glaube fest daran, dass wir zusammen etwas bewegen können. Ohne das Internet gäbe es das alles nicht. Und deshalb liebe ich auch das.

Eure Svenja

P.S.: Eine Sache gehört noch in diesen Post: Das Internet ist schnell und vergrößert alles um das Hundertfache. Wenn ich also lüge, wird meine Lüge schnell an Viele verbreitet. Die Wahrscheinlichkeit, entdeckt zu werden, steigt – obwohl ich im wirklichen Leben vielleicht damit durchgekommen wäre. Habt ihr schon Mal darüber nachgedacht, dass das Internet also vielleicht – wenn man es so begreift und nutzen will – sogar ganz fantastische Werte neu belebt oder sogar erschafft? Austausch, Offenheit, Zugänglichkeit. Emotionalität, Freundschaft, Liebe. Das Wissen der Vielen und die Potenzierung von Kreativität und Zusammenhalt? Es ist doch immer eine Frage des Blickwinkels und dessen, was wir daraus machen, oder? Und kein Internet der Welt wird mich davon abhalten können, meine Freundin Almut jeden Tag anzurufen und abends einen Bier am Zaun mit den Nachbarn zu trinken.