Nein. NEIN! Fragt mich erst gar nicht. Ich kann nicht. Und erst recht nicht „mal eben“. Nachdem ich vor drei Wochen mit dem Arm gegen den Türrahmen gekracht bin und mir letzte Woche den Finger gebrochen habe, bin ich ins Grübeln gekommen. Wie kann es sein, dass ich, die ich ein wirklich gutes Körpergefühl habe, plötzlich ständig ins Straucheln gerate oder mir weh tue? Und während ich so nachdachte, stieß ich auf die Nachricht, dass die bekannte amerikanische Fernsehmoderatorin Giuliana Rancic Brustkrebs hat. Ich klickte auf das Interview dazu und blieb an etwas hängen, dass sie sagte:

„Ich glaube, dass Viele von uns denken, dass sie unbesiegbar sind. Frauen haben heute mehr zu tun und sind fleißiger als je zuvor. Wir sind Multitasking, wir kümmern uns jeden Tag um Millionen von Menschen und Dingen. Aber wir müssen JETZT anfangen, uns selbst auf unsere To-do-Liste zu setzen.“

Bing bing bing. Da war er, der Aha-Moment. Wann war ich eigentlich das letzte Mal beim Frauenarzt (außer Husch-Husch, um mein Pillenrezept abzuholen). Oder beim Zahnarzt (außer mir tat etwas weh)? Oder beim Hausarzt (außer es ging mir so schlecht, dass mein Arbeitseinsatz in der Familie gefährdet war)? Genau, VOR den Kindern. Denn wenn man Kinder hat, ist man so oft beim Arzt und hat so wenig Zeit, sich um sich selbst zu kümmern, dass man das immer schön nach hinten schiebt. Ich auch. Aber noch viel besser: Die Schiene, die ich am gebrochenen Finger tragen sollte, habe ich abgenommen. Man kann damit so schlecht Unterhemden in Kinderjeans stecken und Reißverschlüsse zumachen und Getränkeflaschen befüllen. Eigentlich müsste ich Morgen in die Handchirurgie ins Krankenhaus Rechts der Isar. Aber da ewig rumsitzen und dann machen die doch nichts, außer mir zu erzählen, dass ich den Finger schön ruhig halten muss? Pah, dafür habe ich weiß Gott keine Zeit.

Es ist genau wie Giuliana Rancic sagt: ICH STEHE NICHT AUF MEINER EIGENEN TO-DO LISTE. Und das, obwohl ich doch immer sage, dass es ganz wichtig ist, sich um sich selbst zu kümmern. Das tue ich auch. Ich bin Jemand, der auf den Satz „Kannst Du mal eben…?“ auch „Nein“ antworten kann. Außer natürlich es handelt sich um Sachen, die erledigt werden müssen. Mal schauen, was heute auf meiner Liste steht.

1.     Einen Blogpost schreiben.

2.     Einen Flug für meinen Mann umbuchen.

3.     Zwei Kundentermine für meinen Mann ausmachen.

4.     Stunden für meinen Mann mitloggen und an einen Kunden schicken.

5.     Das Gewinnspiel auf dem Blog für die nächsten zwei Wochen besprechen.

6.     Die Geburtstagseinladungen für meinen Sohn gestalten und ausdrucken.

7.     Meiner Grafikdesignerin schreiben.

8.     Mails beantworten.

9.     Facebooken.

10.   Eine Erbsencremesuppe kochen.

11.   Einen Zitronenblechkuchen backen.

12.   Ein neues Blogthema recherchieren.

13.   Meinen Sohn vom Kindergarten abholen.

14.   Meinen Kindern eine Stunde Harry Potter vorlesen.

15.   Eine Marketingidee für meinen Mann ausarbeiten.

16.   Aufräumen.

17.   Mit Patrick trainieren.

Und das, meine Lieben, sind nur die MUST Dos. Dass ich eigentlich noch viel mehr auf der Liste habe und dass ich „mal eben“ noch ganz viel dazwischenschieben werde, weil es sich so ergibt, das versteht sich von selbst. Mich muss gar niemand fragen, ob ich was für ihn tun kann. Weil selbst wenn mich das niemand fragt, tue ich ständig etwas für andere Menschen. Genau wie ihr bin ich darauf trainiert, für andere Menschen mitzudenken.

Bücherleihfristen? Schulausflüge? Reinigung? Elternkasse im Kindergarten leer? Überweisungen? Winterreifen? Neue Skianzüge? Urlaub buchen? Geburtstagsgeschenke? Mein Part – und da hört es noch lange nicht auf. Mein Mann (und ihr wisst, ich halte ihn für den besten Ehemann der Welt) ist es überhaupt nicht gewohnt, so für andere mitzudenken. Wenn er das tut, wird er dafür bezahlt, und das auch noch gut. Ich hingegen bekomme dafür nichts und muss mich ständig selbst antreiben. Und wenn ich dann – wie jetzt mit dem gebrochenen Finger – auf seine Unterstützung angewiesen bin, ist er eben einfach auch oft nicht da. Weil er arbeitet und das Geld verdient. Wieder mal ein Punkt an dem die Emanzipation völlig versagt hat.

Ich weiß, dass wir Frauen nicht nur viel übernehmen, sondern auch denken, dass die Männer das ohne uns nicht hinkriegen. Aber liegt das nicht auch daran, dass wir ihnen gar keine Chance geben? Von einem Mal ins Wellnesswochenende fahren oder Grippe haben, also von dem einen Mal, wo wir nicht einsatzbereit parat stehen, kann man nicht das lernen, was wir uns über Jahre hinweg angeeignet haben. Die paar Männer, die aufgrund ihrer Arbeitszeiten oder ihrer Erziehung von Anfang an einen aktiveren Part im Familienleben übernehmen, kann ich an einer Hand abzählen. Aber selbst wenn Männer viel arbeiten und wenig da sind: WIR müssen lernen, ihnen mehr Verantwortung zu übergeben. Klar geht es schneller, wenn wir alles eben selbst machen. Aber so lernen sie es NIE.

Ich beobachte jetzt schon, dass meine Kinder meinem Mann etwas beibringen können. Und wenn es „nur“ ist, dass sie ihm sagen, was wir normalerweise für einen Tag am See einpacken. Da liefen neulich alle drei aufgeregt durchs Haus und haben die Dinge gemeinsam zusammengesucht – und von der Taucherbrille bis zur Strandmuschel war am Ende auch alles in der Tasche.

Also versuche ich mich zurückzulehnen und dazuzulernen. Ich muss nicht alles machen. Ich kann nicht alles besser. Andere können Dinge genauso gut, wenn man sie nicht bevormundet und einfach mal lässt. Und plötzlich ist sie da – die Zeit, mich auf meine eigene To-Do-Liste zu setzen.

18.   Zeit für mich.

In diesem Sinne

Eure Svenja