Ein Trauma meiner Kindheit war, dass ich ganz oft zu spät abgeholt wurde. Meine Mutter war eben alleinerziehend und nicht die Pünklichste, aus tausenderlei Gründen. Jedenfalls habe ich mir geschworen, meine eigenen Kinder nicht ein einziges Mal im Leben irgendwo zu spät abzuholen. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich lieber 20 Minuten zu früh als 2 zu spät bin.

Als ich nun am Wochenende nach 12 Jahren wieder Ski gefahren bin, dachte ich: „Besser ich nehme mir für 2 Stunden einen Privatlehrer.“ Schließlich hatte ich vorher sowieso insgesamt nur 5 Tage in meinem Leben auf Skiern gestanden. Und als Mutter braucht man alles, aber kein Gipsbein.

Mittags musste ich die Kinder wieder aus ihrem Skikurs abholen, also ging es wieder runter ins Tal. Nur dass mein Skilehrer vergessen hatte, mir zu sagen: „Am Ende der Abfahrt kommt eine schwarze, vereiste Buckelpiste.“ Aber die einzige Möglichkeit, meine Kinder pünktlich abzuholen, war eben, da runterzufahren. Andere mögen jetzt denken: „Gott, dann kommt sie halt zwei Minuten zu spät.“ oder „So schlimm wird die Abfahrt schon nicht sein.“ Aber meine Oberschenkel haben zugemacht. Und mein Kopf auch. Für mich war das life or death. Tunnelblick. Jetzt.

Ich weiß nicht wie, aber ich bin da runter und war pünktlich da. Und kaum hatte sich die Anspannung ein bisschen gelegt, wurde mir klar: Du musst da morgen wieder runter. Alleine. Denn sonst fährst Du nie wieder Ski. Also bin ich am nächsten Tag ganz hoch und ganz runter. Und habe mir vorgebetet: Schienbeine an die Skischuhe, voll reinlegen, hoch und Gewicht auf den Talski, drehen, in die Knie. Jedes „Wedeln“ war Überwindung, alles war vereist, ich musste voll kanten. Und bin trotzdem gerutscht. Dann noch das Geräusch der herannahenden Boarder, die an einem vorbeibrettern. Aber: Ich bin einen Schwung nach dem anderen gefahren. Bei der Hälfte habe ich einmal Pause gemacht und fast geweint, solche Angst hatte ich. Trotzdem habe ich mich unten direkt wieder in die Liftschlange eingereiht. „Gleich nochmal“, dachte ich. „Einmal geht noch.“ Und einmal ging noch.

Es ist unglaublich, was wir können, wenn wir uns selbst Mut zusprechen. Beim Skifahren konnte ich die Herausforderung klar eingrenzen. Der steile Hang und jede Kurve. Deshalb konnte ich mir selbst gezielt Mut machen. Mein Ansporn? Ich möchte bald mit meinen Kindern Ski laufen und dann muss ich sicher fahren können – besonders falls sie mal unsicher sind. Also eher so der Löwenmutteransatz. DAS treibt mich immer zu Höchstleistungen an.

Beim Schreiben ist es nicht anders. Wen ich nicht die ganze Abfahrt, sondern den einzelnen Hang anschaue, also nicht das Buch sondern das Kapitel. Und dann jede Kurve, also jeden Satz. Wenn ich also das abbeiße, was ich verdauen und schlucken kann, dann geht es.

Wir alle neigen dazu, die lange Talabfahrt zu sehen, anstatt die einzelne Kurve. Aber so schaffen wir viel weniger. Es besteht sogar die Gefahr, dass wir irgendwann auf unser Leben zurückschauen und feststellen, dass wir die Fahrt nicht genossen haben.

Dieser Post ist für alle, die glauben, dass etwas zu viel, zu groß oder unlösbar ist. Bitte atmet tief ein, macht nur einen kleinen Schritt, bleibt kurz stehen, schaut zurück und stellt fest: EIN Schritt ist geschafft. Und dann geht es weiter.

Ihr könnt viel mehr hinkriegen, als ihr glaubt. Vor allem wenn ihr gerade eh dünnere Nerven habt und fertig mit der Welt seid. Her mit Chips und Schokolade oder einer Stunde Lieblingsserie schauen. Macht es euch einfach mal kurz saugemütlich und nehmt ganz in Ruhe Anlauf für den nächsten Schritt. Wenn ICH schon weiß, dass ihr das schafft, wäre es doch langsam mal an der Zeit, dass IHR auch an euch glaubt, oder?

In diesem Sinne einen Tag voller kleiner und großer Schritte – wofür eure Kraft gerade reicht.

Eure Svenja