Jede Generation hat ein Buch oder einen Film, in dem sie sich wiedererkennt. Manche werden echte Klassiker wie „Easy Rider“. Und dann gibt es die selbsternannten Generationsbücher. Bei uns war das „Generation Golf“. Während es am Anfang noch lustig ist, zu merken, dass alle als Kind im Schlafanzug „Wetten dass“ schauen durften, hinterlässt das Buch am Ende doch nicht viel mehr als eine ganz unterhaltsame Zusammenfassung unserer Konsumgewohnheiten (oder erinnert ihr euch an mehr?)

Gestern hat mich Sandra auf das Buch „Wir haben keine Angst“ von Nina Pauer aufmerksam gemacht. Offenbar ist das ein Generationenbuch für die Menschen, die 10 Jahre jünger sind als ich. Also Anfang Dreißig. Und ich sage euch gleich: Das lese ich nicht. Warum? Weil ich dafür offensichtlich zu alt bin.

Ich bin in Zeiten aufgewachsen, in denen Grafikdesigner ein echter Beruf war und nicht jeder Zweite am Macbook Firmenbroschüren zusammenklickte. Einen Verlag für ein Buch zu finden war nahezu unmöglich. Man musste an einer Filmhochschule Regie studieren, um Filme zu drehen. Und dazu brauchte man einen Kameramann, einen Tontechniker und diverse Menschen, die einen Lehrberuf oder ein Studium hinter sich hatten.

Gut, dass wir es da heute viel einfacher haben. Und genau das ist das Problem der jungen Generation. Die haben es nicht EINFACHER, sondern EINFACH. Und die hatten es auch nie anders. Weil sie es so einfach haben, sagt Frau Pauer, haben sie tierische Angst, was zu verpassen. Sich falsch zu entscheiden. Das Leben könnte anderswo stattfinden. Quasi ohne sie. Was, wenn sie den falschen Beruf oder den falschen Partner wählen würden? Oder noch schlimmer: jemand könnte bemerken, dass sie Angst haben.

Jetzt mal halblang. Wie soll das Leben woanders und ohne euch stattfinden, wenn ihr doch da seid, wo ihr seid: bei euch? Oder seid ihr da etwa gar nicht? Sondern auf facebook? Oder beim Yoga-Selbsterfahrungskurs? Gegen beides habe ich nichts, wenn es nicht zum Selbstzweck wird. Wer sich nur lebendig fühlt, wenn er an einem Gruppenerlebnis teilnimmt, sollte wirklich Angst haben.

Hier also meine ungebetenen Ratschläge an all die, die es so einfach haben, dass sie ihre Möglichkeiten nicht Ernst und auch nicht wahrnehmen.

1.) „Alles ist möglich“ ist kein Fluch. Ihr müsst nur handeln und das geht so: sucht euch EINE Sache von eurem „Alles-Pool“ aus. Fangt sie an und bringt sie zuende. Ohne fremde Hilfe, aber von mir aus mit aller Software und allen Tutorials die ihr zur Verfügung habt. Mal sehen wie ihr euch danach fühlt.

2.) Geht während ihr diese eine große Sache macht nicht ans Telefon, nicht auf facebook und lest keine emails. EGAL wie lange es dauert (sagen wir mal – bis zu einer Woche, sonst macht ihr das eh nicht. Und schon das wird hart.)

3.) Macht euch klar, dass ihr deshalb gar nichts verpasst. Euer Leben findet ja weiterhin statt – da wo ihr seid.

4.) Macht euch weiter klar, dass ihr gerade wahrscheinlich das erste Mal seit langer Zeit aus eigenem Antrieb und ohne äußeren Zwang etwas ohne Unterbrechung und Störung von Anfang bis Ende durchzieht.

5.) Nachdem ihr euer Projekt abgeschlossen habt, geht auf facebook. Ihr werdet feststellen, dass euch kein Mensch vermisst hat. facebook existiert auch, wenn ihr morgen vor einen Baum fahrt. Denn facebook ist nicht euer Leben.

6.) Wenn ihr das alles gemacht habt, habt ihr mehr gemacht, als 95% eurer Generation bisher gemacht haben. Es gibt tolle Ausnahmen, aber die sind eben nicht die Mehrheit.

Jetzt das eigentliche Problem: das ihr so seid, wie ihr seid, ist nicht eure Schuld. Es ist auch nicht die eurer Eltern. Ihr seid die Generation, die den technischen Fortschritt voll abbekommen hat. Keiner kann euch zeigen, wie man leben soll, wenn es die Möglichkeiten gibt, die ihr heute habt. Denn vor euch hatte die ja keiner. Ich kann euch aber was ganz anderes sagen – und das weiß ich aus Erfahrung. Ihr werdet bald Familien gründen. Damit ist die große Freiheit des „Alles ist möglich“ dahin. Oder sagen wir mal so: Das was dann möglich ist, bestimmt nicht mehr unbedingt ihr.

Ihr werdet euch festlegen, Angst haben und merken, dass es nicht mehr so einfach ist, sich neu zu erfinden. Das mit der Entscheidung für etwas auch eine Entscheidung gegen etwas fällt. Ihr werdet also das erleben, was alle Generationen vor euch auch erlebt haben. Technik hin oder her, kein Krieg hin oder her, fünf Auslandssemester hin oder her, 1.200 facebook Freund hin oder her. Mit einem Wort: ihr werdet erwachsen.

Zum erwachsen werden gehört auch, dass man die Natur wieder mehr zu schätzen weiß. Und Gedichte. Deshalb gebe ich euch jetzt mal eins mit auf den Weg, das aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts stammt. Es heißt „The road not taken“ von Robert Frost. Wir alle kennen eure Ängste. Wir hatten sie auch. Nur dass wir schon wissen, dass es keinen Sinn macht, darin steckenzubleiben.

Lebt euer Leben. Jetzt. Heute. Morgen. Seid mutig. Entscheidet euch. Viele von uns hätten sich eure Möglichkeiten gewünscht. Macht uns stolz und nutzt sie.

 

The road not taken

Two roads diverged in a yellow wood,

And sorry I could not travel both

And be one traveler, long I stood

And looked down one as far as I could

To where it bent in the undergrowth

 

Then took the other, as just as fair,

And having perhaps the better claim,

Because it was grassy and wanted wear;

Though as for that the passing there

Had worn them really about the same,

 

And both that morning equally lay

In leaves no step had trodden black.

Oh, I kept the first for another day!

Yet knowing how way leads on to way,

I doubted if I should ever come back.

 

I shall be telling this with a sigh

Somewhere ages and ages hence: T

wo roads diverged in a wood, and I—

I took the one less traveled by,

And that has made all the difference.

 

Alles Liebe

Eure Svenja