Weil ich mich gerne mit Worten ausdrücke, kann ich oft schnell Kontakt knüpfen, Gemeinsamkeiten und ein gutes Gefühl herstellen. Doch  eine Sache, die ihr nicht unbedingt über mich wisst, auch wenn ihr hier mitlest, ist: Ich kann auch gut zuhören. Und wenn ich dann da sitze und nicke, dann gibt es Menschen, die erzählen mir fast alles. Was ich klasse finde, denn es gibt eigentlich kaum etwas zwischen Himmel und Erde, was mich nicht interessieren würde. Und noch viel weniger, was mir fremd wäre. Kaum etwas, was ich grundsätzlich verurteile. Ganz im Gegenteil: Ich bin mir sicher, dass jeder Abgründe hat. Jeder hat Geheimnisse und jeder hat schon Dinge erlebt, die er niemandem erzählen möchte.

Zuhören können ist eigentlich eine schöne Eigenschaft. Bloß es ist so: Wenn man zuhört, hört man viel. Auch mal Dinge, die man schlecht wegsteckt. An die man danach immer wieder denken muss. Und ganz ganz selten, da hört man Dinge, die einen so berühren, dass man denkt: Es muss einen Grund dafür geben, dass mir diese Person jetzt genau diese Geschichte erzählt. So wie vor zwei Jahren die Frau im Zug.

Ich war mit meinen beiden Kindern auf dem Weg zu meiner besten Freundin Almut nach Freiburg. Wir setzten uns in ein Zugabteil, gegenüber eine Frau ohne Kinder. Wir sprachen zwei belanglose Sätze über Reisen und Reisen mit Kindern und sie sagte: „Ich habe auch zwei Kinder.“ Ich daraufhin: „Wie alt sind ihre Kinder denn?“ Sie: „3 und 11.“ Ich: „Oh, das ist aber auch ein relativ großer Abstand.“ Sie: „Ja, dazwischen hatten wir noch ein Kind. Aber das ist gestorben.“

Da war er. Der Moment nach geschätzten 2 Minuten Small Talk. Und weil ich nichts schlimmer finde, als so etwas wegzuzwinkern, zu sagen: „Oh, mein Beileid“, die Stullen auszupacken und ein Buch zu lesen, habe ich nachgefragt: „Das tut mir leid. Wie ist das denn passiert? Oder möchten Sie das lieber nicht erzählen?“

Und dann erzählte mir diese sehr sehr nette junge Frau, wie sie ihren 4 Monate alten Säugling morgens nach dem Stillen nochmal in sein Bettchen gelegt hat. Dann ist sie losgefahren, um ihr älteres Kind in den Kindergarten zu bringen. Ihr Mann war zuhause, das Babyfon an und laut gestellt. Als sie wiederkam, ging sie ins Schlafzimmer. Ihr Baby hatte sich genau in den 15 Minuten, in denen sie nicht da war, das erste Mal auf den Bauch gedreht und gleichzeitig nach dem Moskitonetz über seinem Bett gegriffen. Dabei hatte es sich so unglücklich verheddert, dass es im Moskitonetz erstickt war. Ohne einen Laut von sich geben zu können. Weil die Frau auf der Intensivstation arbeitete, begann sie direkt mit der künstlichen Beatmung, aber es war zu spät. Auch der herbeigerufene Notarzt konnte nicht mehr helfen.

Wir haben dann auf dieser Zugfahrt noch lange gesprochen. Über die Therapie, die sie danach gemacht hat. Das Kind, das sie danach bekommen hat. Das Leben, das sie heute mit dieser Erinnerung führt. Und mit ihrem Mann.

So oft schreibt ihr mir, dass ihr schwanger seid. Dass ihr ein Baby zuhause habt. Dass das Gefühl, Mutter zu sein, das schönste ist, was ihr je erlebt habt. Damit genau das so bleibt, schreibe ich heute diesen Post. Wenn nur eine Leserin meines Blogs ihr Moskitonetz über dem Bett ihres Kindes abhängt oder es gar nicht erst aufhängt – dann, und nur dann, macht diese Geschichte einen Sinn und wird aufhören, mich in meine Träume zu verfolgen.

Ich wünsche euch einen schönen Sonntag mit euren Familien.

Eure Svenja