Figur

 

Ich bin eine der Frauen, die bei Gewichtsdebatten meist zu hören kriegen: „Ja, DU musst ja nicht auf Deine Figur achten.“ Meine Standardantwort: „Stimmt, weil ich vier Mal die Woche Sport mache.“ Meist folgt dann die Frage: „Ach, sag mal, kennst Du dann vielleicht ein paar gute Bauchübungen?“

Klar kenne ich die. Und wenn ich die dann vormache, kommt  meist nur entsetztes Stöhnen von meinem weiblichen Gegenüber. „DAS ist mir aber zu anstrengend.“ Oder „Das kann ich nicht.“ Macht nichts, konnte ich früher auch nicht.

Aber nicht, dass ihr jetzt denkt: „Super, jetzt schreibt die über sich und dass sie Top in Form ist.“ Nein nein. Nach meinen Maßstäben bin ich gerade gar nicht in Form. Ich habe Kampfgewicht. Schließlich war ich Ostern im Club in Ägypten. Da gab es all-inclusive. Und ich bin 42. Tja, und das geht auch an mir nicht spurlos vorüber.

Natürlich sportel ich seitdem wieder fleißig. Und trotzdem: So richtig will nichts runter und gute Laune macht das wahrlich nicht. Aber: Da hat ja jede Frau so ihre eigene Medizin. Also habe ich mir flugs ein Rezept ausgestellt, oder besser – die Erlaubnis, mich nicht ganz so Ernst zu nehmen.

Wie das geht? Ich fahre zu meiner Freundin und Lieblingsmodedesignerin Veronica Bond. Da war ich nun am Samstag, ganze 4 Stunden lang. Mei, was haben wir gelacht. Auf der Suche nach dem perfekten T-Shirt (dazu bald mehr) habe ich quasi jedes Oberteil im Laden angezogen und hatte immer was zu motzen. Nicht an den wunderbaren Shirts, sondern daran, wie ich darin aussehe. Das hat man davon, wenn man zu viel isst.

Aber Veronica und ihren Modeoptimismus kann man nicht einfach so abschütteln. Sie hat mir hier was abgesteckt und da Stoff an den Arm gehalten (apropops mein Arm – was ist in Ägypten nur mit dem passiert?). Hat gezupft, Farben und Stoffe vorgeschlagen und mal wieder gezeigt, dass sie eine Meisterin ihres Fachs ist. Am Ende hatte sie zwei perfekte Schnitte entwickelt und ich fühlte mich schon nur noch halb so all-inclusive wie vorher.

Dann gingen wir über zur Generaloffensive. Hielten uns den Hüftspeck weg und mogelten uns mit hohen Schuhen schlanke Schenkel. Wir überlegten, wie man wohl aussehen würde, wenn man hier nur einen ganz kleinen Schnitt machen würde. Da ein bisschen absaugen. Dort ein bisschen modellieren. Und mussten uns im nächsten Moment schier ausschütten vor Lachen. Schönheits-OP mit paarundvierzig – nichts was wir uns wirklich vorstellen können. Und nichts, was wirklich Sinn macht. Auch nicht mit 80. Nicht wenn man so gute Laune hat, wie wir.

Die nächste Kundin hatte nicht Hüften oder Bauch, sondern Po. Und schon waren wir mittendrin im Mädchennachmittag. Als dann Bärbel reinkam (keine Kinder, zuckerschlank) um ihr Kleid abzuholen, stand ich schon in Unterwäsche mitten im Laden vor dem Spiegel und hatte zu meiner Rede: „Jetzt mal ganz ehrlich. Eigentlich können wir doch alle sehr zufrieden sein.“ angesetzt.

Nach 3 Stunden Anprobieren hat man das normale Maß der Dinge sowieso hinter sich gelassen und es setzen lebenserhaltende Maßnahmen ein. Also begaben wir uns alle auf die Suche nach Sachen, die uns fantastisch aussehen lassen. Nicht Bauch-weg-Bodies, nicht schmale-Silhouette-Hosen, sondern Ohrringe. Und Hüte. Auf meine Frage: „Aber wo soll ich das denn tragen?“ sagte Veronica pfeilschnell: „In New York“.

Wenn der Sport also in den nächsten zwei Wochen immer noch nicht anschlagen sollte, wundert euch nicht, wenn ich bald aus den USA schreibe. Dort wo Mode auf dem Kopf und Mut im Herzen stattfindet. Oder ich gehe beim nächsten Selbstkritikschub doch einfach wieder in Veronicas Laden und lache mich einen ganzen Nachmittag tot darüber, dass wir Frauen von Zeit zu Zeit alle was am Kopf haben. Und wenn es nur ein wunderschöner Hut ist.

In diesem Sinne

Eure Svenja