Das Drama begann, als ich mit 16 in Shorts auf dem Bauch lag und las. Bequem auf dem Sofa, nichts Böses ahnend. Da kam mein Bruder rein, schaute auf die Rückseite meiner aufliegenden Oberschenkel und sagte: „Du könntest auch mal abnehmen.“ Das war der Tag, an dem ich mich das erste Mal bewusst gewogen habe. Ich wog 61 Kilo. Und ab da kann ich euch eigentlich für jede Phase meines Lebens sagen, was ich wog.

Vor diesem Tag war mir die Waage egal. Ich hatte gar keinen Platz für „Gewicht“ oder „Übergewicht“ in meinem Kopf. Wiegen hat mich einfach nicht interessiert. Aber nach diesem Tag gibt es wohl kein Foto meiner Jugend, in meinen Zwanzigern und Dreißigern, auf dem ich nicht genau sagen könnte, was ich in dem Moment wiege. Genauso ist es mit meiner Kleidung. Jeder Jeans in meinem Kleiderschrank ist ein unsichtbares Gewicht zugeordnet. Da ist es völlig egal, ob Größe 36 oder Größe 40 drin steht. Denn die dunkelblaue Jeans, das ist meine 59 Kilo Jeans. Und die helle da drüben meine 62 Kilo Jeans. Mein Bauch-weg-Body kommt übrigens erst ab 65 Kilo zum Einsatz. Da drüber geht’s nie, ganz einfach weil ich keine 66 Kilo Klamotten habe.

Ist das normal, frage ich mich? Wenn ich mich bei meinen Freundinnen umhöre, schon. Fast alle haben eine Beziehung mit ihrer Waage. Sie können nicht anders, als immer wieder draufzusteigen. Zeigt sie das Richtige an, ist die Stimmung bestens und der Tag gerettet. Man fühlt sich schön, sexy und leicht. Ist das Ergebnis schockierend, sinkt die Laune in den Keller. Niemand darf einen anfassen, kein Kompliment zieht und man fühlt sich einfach nur unwohl in seiner Haut.

Manchmal trennen wir uns von unserer Waage, vorübergehend. Schwören ihr ab, machen Schluss. Verbannen sie in den Keller oder auf den Schrank. Bis wir glauben, dass wir abgenommen haben. Dann holen wir sie wieder hervor, wandern mit ihr durch die Wohnung, auf der Suche nach der Stelle, wo sie auf jeden Fall gerade steht und uns gnädig wiegt. Das zwischen Himmel und Hölle dabei oft nur 2 Kilo liegen, ist das eigentlich Unfassbare daran.

Wie kann es sein, dass Frauen die Beruf, Kinder, Männer, Verwandtschaft, Haushalt, Einkäufe, Kindergartenfeste und Schulnoten im Griff haben von einer einzigen Zahl so umgeworfen werden können?

Ganz klar: Für fast jede Frau gibt es den einen Moment, wo sie aufhört, auf ihr INNEN zu hören. Weil das AUSSEN zu laut wird. Bei mir war das mein Bruder, der fand, ich wäre zu dick. Bei anderen ist es eine Freundin, ein Junge, in den man verknallt ist. Oder einfach der tägliche Vergleich mit den überschlanken gephotoshopten Models und Promis, die heute so omnipräsent sind.

Aber genau dieser Moment löst ein Bild aus. Ein Bild, dass wir uns ab diesem Zeitpunkt von uns selbst machen. Und das meist nichts mit der Wahrheit zu tun hat. Genauso wenig wie das Bild, das wir uns von anderen machen. Oder gibt es eine unter uns, die insgeheim nicht manchmal denkt: Die Frau da drüben ist so dünn und hübsch, die muss so glücklich sein. Aber: glücklich sein hat nichts mit dünn sein zu tun. Und dünn sein nichts mit selbstbewusst sein.

Das Model Cameron Russels hat dazu auf der TED Conference einen sehenswerten, nicht einmal 10 Minuten langen Vortrag gehalten mit dem Titel „Looks aren’t everything. Believe me, I’m a model.“, den ich euch unbedingt ans Herz legen möchte. Vor allem, weil sie darin Fotos wie diese zeigt:

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Cameron bei ihrem 1. Fotoshooting – und 2 Monate vorher mit ihrer Großmutter beim Schwimmen

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Cameron bei einem Shooting – und am gleichen Tag mit ihrer Freundin am Strand

Was ich euch mit diesem Post eigentlich sagen will? Ich bin nicht superdünn, ich bin nicht wunderschön und ich habe auch nicht den Hauptgewinn in der genetischen Lotterie gezogen. Aber je älter ich werde, desto mehr schätze ich, was ich habe. Einen Körper, der einwandfrei funktioniert. Eine Familie, die mich liebt wie ich bin. Und euch – ihr lest hier mit und beschreitet diese lange Reise mit mir – ganz egal, was meine Waage sagt.

Deshalb heute meine Frage an euch: Wäre es nicht langsam an der Zeit, dass jede Einzelne von uns und wir gemeinsam uns besser um uns kümmern? Uns einfach so gern haben, wie wir sind? Unserem Körper Gutes tun und dafür sorgen, dass er kräftig und stark ist?

Wer bis jetzt gedacht hat, dass meine vegane Ernährung eine Phase ist, den muss ich enttäuschen. Ich bin nie wieder gewillt, meiner Waage zu vertrauen, wenn es um mein Wohlbefinden, meine Laune und meine Selbstwahrnehmung geht. Ich möchte mich WIRKLCH gut fühlen. Von innen und von außen. Und das hat nun Mal viel mit der Qualität der Dinge zu tun, die ich mir „einverleibe“.

„Vegan“ ist ein Etikett, das viele abschreckt. Mich auch. „Sich wohl in seiner Haut fühlen“ und „mich mit meiner Waage anfreunden“ sagt euch vielleicht eher zu. Ich freue mich, wenn ihr mich weiter begleitet. Auf meiner Reise in eine gesündere Zukunft und ein besseres Körpergefühl. Wer weiß – vielleicht wird sie ja irgendwann auch zu eurer Reise. Ich habe jede Menge Plätze frei.

Wer ist mit an Bord?

Alles Liebe

Eure Svenja