Der große Konjunktiv

Ich, entspannt

Neulich postete eine facebook Freundin:

„Schauen wir mal was raus kommt: Wenn ich könnte, würde ich… . Die Antworten dazu sind sicher sehr unterschiedlich.“

Ihr wisst, ich bin eine Frau des Wortes. Mir fällt zu allem was ein, ich bin schlagfertig und absolut in meinem Metier, sobald es darum geht, eine Lücke mit Worten zu füllen. Ich bin die, die unpassende Worte von anderen entkräften oder in Schenkelklopfer verwandeln und Gesprächspausen überbrücken kann. Für mich kein Problem. Aber zu „Wenn ich könnte, würde ich…“ fällt mir absolut nichts ein.

Wenn ihr mich aber fragt: „Was planst Du als Nächstes? Was willst Du erreichen? Was sind Deine Ziele? Wie Willst Du sie umsetzen?“ – dann habe ich jede Menge Antworten. In letzter Zeit habe ich viel mit meinen Leserinnen darüber geschrieben, was sie aus ihrem Leben machen wollen. Das ist für Frauen ja schon deshalb ein großes Thema, weil die meisten heutzutage neben der privaten auch eine berufliche Planung haben – die durch die Kinder oft zunichte gemacht wird.

Das halte ich by the way immer noch für einen der größten Fehler unserer Bundesregierung und der Bildungseinrichtungen. Mädchen und jungen Frauen zu vermitteln, dass sie ALLES erreichen können, ist das Eine. Sie aber dann sobald sie Kinder bekommen, mit diesem „Alles“ alleine zu lassen und mehr Chancen zu nehmen, als Möglichkeiten aufzuzeigen, das liebe Angela, ist nicht wirklich cool (und ich habe Dich gewählt, also bitte ändere was dran).

Aber zurück zu unserer kinderbedingten Midlife Crisis. Weil danach nichts mehr ist, wie davor, suchen wir uns was Neues. Beginnen mit einem kleinen Näh-Shop auf Dawanda, schulen um zur Tagesmutter, helfen unserem Mann im Büro, reduzieren auf Halbtags und rotieren auf allen Kanälen. Nebenbei machen wir das, was eben so anfällt. Popo abwischen, mit der Klassenlehrerin telefonieren, eine neue Autoversicherung abschließen, eine Glühbirne fürs Bad besorgen und abends 5,90 für das neue Schreibschriftheft in den Tornister stecken, damit wir es morgens nicht vergessen. Es ist viel zu tun und Geld muss auch reinkommen.

Von uns Frauen wird erwartet, dass wir das hinkriegen. Vor allem weil wir dankbar sein müssen, dass Frauen heute die gleichen Rechte haben, wie Männer. Ist doch toll, wenn wir alles machen können.

Warte mal… können? Nicht „könnten“? Aber es heißt doch „Wenn ich könnte, würde ich…?“ Und dann wird mir plötzlich klar, warum mir dazu nichts einfällt. Ich bin es total gewöhnt, NICHT im Konjunktiv zu denken. Schließlich hat man mir jahrelang eingetrichtert, dass der Konjunktiv was für Schlappschwänze ist.

Was aber, wenn der Konjunktiv meine letzte Rettung ist? Die einzige Möglichkeit, wieder zu erspüren, was ich wirklich brauche? Weil ich sonst schon gar nicht mehr rankomme, an das was mir WIRKLICH gut tun würde. Und nicht nur der Industrie und dem Bruttosozialprodukt.

Ich will euch nicht vorenthalten, wie die Antworten auf die facebook-Frage aussahen – auf die im Übrigen ausschließlich Frauen geantwortet haben.

„Wenn ich könnte, würde ich….“

– manchmal davonlaufen

– meinen Koffer packen und in die Sonne fliegen

– den ganzen Tag nur machen, zu was ich Lust hätte!

– für immer da bleiben wo ich jetzt bin (die Dame war im Urlaub)

– mal wieder Urlaub machen.

Ich weiß nicht, ob eine Stichprobe bei fünf Frauen schon repräsentativ ist, aber das Ergebnis ist zumindest eindeutig. Alle wohlen mal eine Pause machen, raus aus dem ewigen Machen, rein in den großen Konjunktiv des Nichtstuns und der Entspannung. Und  es stimmt, Entspannung, Ruhe und Erhohlung sind die einzigen Sachen, die die allesdürfenden Mütter und Frauen unserer Generation nur könnten – und nicht können.

Ist das nicht traurig?

Ich wünsche mir, dass ihr euch heute mal eine Stunde nehmt, in der ihr nicht nur euren Zielen und dem was ihr vermeintlich müsst hinterherlauft, sondern in der ihr einfach mal ruhig für euch da sitzt und euch entspannt. (Ja, ihr müsst wirklich nichts tun. Ihr MÜSSTET höchstens. HAHAHAHA.) Bestimmt fällt euch danach Einiges leichter und die Laune ist auch wieder im grünen Bereich.

Wir können viel erreichen in unserem Leben, aber manchmal muss auch Zeit sein für das, was wir nur könnten.

In diesem Sinne

Eure Svenja

P.S.: Bei der Recherche zu diesem Post bin ich auf Hunderte von Bildern gestoßen, auf denen meine Kinder tun, was sie wollen: von schwimmen gehen über abhängen bis hin zu Trampolin springen. Es gab genau ein Bild, auf dem ich entspannt mit meinem Mann an der Isar liege und mal NICHTS tue. Und das war 4 Jahre alt.