Danke für eure Worte gestern. Über euer Mitgefühl habe ich mich sehr gefreut, über die Heftigkeit eurer Geschichten war ich oft erschrocken.

Wisst ihr, so von innen heraus zu schreiben, das kostet Mut. Ich merke das immer wieder. Andere Menschen, die schreiben, und Angst davor haben, nennen das Schreibblockade. Dabei weiß doch jeder Mensch, worüber er gerne sprechen würde und was geklärt werden muss. Und Schreiben ist nichts anderes als Sprechen auf Papier.

Als ich gestern Morgen da gesessen habe und es mir partout nicht aus der Feder floss, da wusste ich schon woran das lag. Ich bin ja für klare Worte, aber ich weiß auch: die sorgen nicht immer nur für eitel Sonnenschein. Natürlich habe ich auch kurz daran gedacht, wie es wäre, wenn irgendjemand das, was ich geschrieben habe, für meinen Vater ausdruckt und ihm hinlegt. Und was dann wäre, wenn er mich anrufen würde und sagen würde: „Svenja, nimm das sofort aus dem Internt.“

Ich sah mich da stehen wie ich sage: „Auf gar keinen Fall, Papa. Auf gar keinen Fall.“

Ich brauche keine Herz-Hirn-Schranke, die mir die falschen Worte auf die Tasten legt. Das habe ich von meinem Vater. Denn ob ihr es glaubt oder nicht – und das nennt man wohl Ironie des Schicksals – das Talent zu schreiben, habe ich von meinem Vater geerbt.

Jetzt aber zu den ganzen erwachsenen kleinen Mädchen und Jungen, die mir gestern geschrieben haben. Ihr seid der Grund, warum ich mein 8-jähriges Mädchen nicht loslasse. Euch zu berühren und zu zeigen: Ihr seid nicht allein – das ist mein Weg der Heilung. Was ich nicht wusste: dass es genau anders herum funktioniert. IHR zeigt MIR, dass ich nicht alleine bin.

So wie es aussieht gibt es eine Armada alleingelassener Kleinkinder in Erwachsenenkörpern, die auf ein Zeichen warten. Sicher – und auch da Danke ich euch für alle Tipps – kann man viel mit Affirmationen und Gesprächen lösen. Aber ein Kind, das seine Eltern im Gewimmel eines Kaufhauses verliert, vergisst das auch nie. Noch Jahre später erinnert man sich an die Angst und das ungute Gefühl und die irgendwann aufkeimende Gewissheit: meine Eltern sind weg. Man weiß noch welche Farbe das Kleid der Frau hatte, die einen dann irgendwann ansprach und sich zu einem runterbeugte und fragte: „Hast Du Deine Mami verloren?“ Genauso wie man erinnert, dass die Dame an der Infotheke die eigenen Eltern ausrief. Und sich dann dieses überwältigende Gefühl der Erleichterung in einem ausbreitete, als man sie endlich auf der Rolltreppe stehen sah.

Meine Leserin Joan hat mir gestern etwas ganz Wunderbares geschrieben: „Gefühle wollen nur gefühlt werden. Mehr nicht. Wir lernen leider so früh und oft so schmerzlich sie zu verstecken, zu rationalisieren und schließlich zu ignorieren. Wirkliche Heilung aber entsteht nur dann, wenn die verletzten Gefühle geäußert, gesehen, gewürdigt und angenommen werden. Ohne wenn und aber.“

Oh, wie ich weiß, was Du meinst. Während ich gestern den Post geschrieben habe, musste ich teilweise lauthals lachen (Ich meine ganz ehrlich: „Mein Vater hat eine Kommunikationsstörung und die funktioniert so. Er steht immer im Mittelpunkt.“ – das entbehrt doch nicht einer gewissen Komik). Und dann hatte ich Tränen in den Augen und dachte „Oh Mann, das hat so Scheiße weh getan.“

Vielen von euch sind so unglaubliche Dinge wiederfahren, dass es mich schüttelt. Ich habe durch euch gestern jede Menge Gefühle gefühlt. Vor allem möchte ich mich bei der Mutter bedanken, die mir schrieb, dass sie glaubt, dass sie ihre Kinder ohne es zu wollen in den mittleren Ring gestellt hat und ihr das so unendlich leid tut. Und bei der Leserin, die mir einen Satz schickte, den zu formulieren man wohl eine lange Zeit braucht: „Meine Eltern haben mich und meine Kinder freiwillig verlassen, weil wir anders waren, als sie es sich vorgestellt haben.“

Ihr seid die wahren Helden. Die, die hinsehen anstatt wegzuschauen. Die die fühlen, anstatt zu verdrängen. Und die mit Sicherheit dafür sorgen, dass ihre Kinder nie wirklich allein sein werden.

Eure Svenja