Loslassen-5

In den letzten beiden Tagen habe ich von meinem Sohn etwas Wichtiges gelernt. Angefangen hat das Sonntagabend. Da wurde ihm nämlich klar, dass er nur noch wenige Stunden 7 Jahre alt ist. Schließlich war am nächsten Tag sein Geburtstag. Also rief er mich in sein Zimmer – und da lag der kleine Tropf, weinend auf seinem Bett.

„Mama, ich will nicht 8 werden.“

„Aber warum denn nicht? Du freust Dich doch schon seit Monaten auf Deinen Geburtstag.“

„Weil das heißt, dass ich dann nicht mehr 7 bin. Und das 7. Jahr war so schön, das will ich nicht gehen lassen.“

Die Tränen liefen, die Unterlippe zitterte und ich dachte: Mein Gott, wie wunderschön Du bist. Also legte ich mich zu meinem Sohn ins Bett und sprach mit ihm darüber, was alles schön war im letzten Jahr. Was im nächsten Jahr alles schön werden würde. Und dass das alles doch halb so schlimm ist, weil er sein 7. Jahr gar nicht abgeben muss, sondern einfach weiter in seinem Herzen tragen kann. Mit allen schönen Erlebnissen, die er hatte.

Blöder Fehler, denn man kann nicht mit Argumenten kommen, wenn es um Emotionen geht. Das müsste ich doch am besten wissen. Was also tun? Ich habe einfach eine Verlängerung des Lebensjahres und damit eine Vertagung des Problems auf der emotionalen Ebene herbeigeredet.

„Weißt Du, Du musst ja gar nicht sofort 8 werden morgen. Du bist nämlich um 19:07 geboren. Und das heißt, dass nicht heute der letzte Tag ist, an dem Du 7 bist, sondern erst morgen.“

„Wirklich?“

„Wirklich.“

Ich wünschte ich könnte sagen, damit war alles vom Tisch, aber natürlich kennt mein Sohn seine Mutter und hat noch rausgeschlagen, dass er bei mir im Bett schlafen kann, „weil ich doch heute Nacht das letzte Mal 7 bin.“ Gesagt, getan.

Am nächsten Morgen ist er bestens gelaunt aufgewacht, hat seine Geschenke ausgepackt und ist danach um den Tisch gerannt, laut rufend: „Das sind die besten Geschenke die ich in meinem ganzen Leben bekommen habe.“ Auch der Kindergeburtstag lief rund. Er durfte 2 ½ Stunden mit seinen Freunden Ritter spielen, was so aussah, dass alle laut schreiend und schwer bewaffnet durch den Garten liefen und aufeinander einschlugen. Mein Sohn war glücklich und am Ende des Tages hatten alle Gäste noch beide Augen. Nur ich hatte Blut und Wasser geschwitzt, vor allem weil ich ja eine von den Müttern bin, die gerne 80 Mal am Tag: „Langsamer“ oder Das ist kein Wettrennen“ rufen.

Dann kam der Abend. Gäste weg, Sohn glücklich und die Antwort auf „Wie fandest Du denn Deinen Kindergeburtstag“ kam schnell und überzeugend.

„Schön.“

Nicht so die Bettzeit. Mein Sohn rief mich wieder in sein Zimmer. Und er weinte wieder.

„Was ist denn Schatz? Ich dachte Du hattest einen schönen Tag?“

„Ja, hatte ich auch.“

„Und?“

„Ich möchte nicht, dass der Tag vorbeigeht, Mama, weil er so schön ist.“

„Hmmmmmm. Das kann ich verstehen.“

„Mama?“

„Ja?“

„Kann ich in Deinem Bett schlafen?“

„Warum denn?“

„Weil wenn Du da bist, dann ist es gar nicht so schlimm, dass der Tag bald vorbei ist.“

Wie ich das hasse, dass dieser kleine Mann genau weiß, welche Knöpfe er drücken muss. Und wie ich es liebe, dass er mir dabei immer wieder etwas beibringt. Es ist nicht schlimm, etwas gehen zu lassen, wenn jemand bei mir ist, den ich liebe. Denn dann schwingt immer die Hoffnung mit, dass das was kommt vielleicht viel schöner ist, als das, was war.

In diesem Sinne

Eure Svenja