Ein unglaublich berührender Gastpost von meiner mutigen Leserin und Bloggerkollegin Susanne, der mir die Augen geöffnet hat.

Oft trifft man sein Schicksal auf Wegen, die man eingeschlagen hatte, um ihm zu entgehen.
– Jean de La Fontaine

Der Sonntagshasser. Die Sonntagshasserin wäre der bessere Begriff. Ich gebe zu, das ist ein hartes Wort, aber es spiegelt meine langjährige Liebe zu Sonntagen wieder. Sonntage waren für mich lange furchtbar. Wieder ein hartes Wort, aber wieder gerechtfertigt. Für die meisten Menschen ist der Sonntag der schönste Tag der Woche. Denn in unseren Breitengraden ermöglicht uns der Sonntag einen Ruhetag einzuschieben. Wenn unsere Stadt, oder eine in der Umgebung, nicht gerade einen verkaufsoffenen Tag hat, dann ist an einem Sonntag alles geschlossen. Wir sind fast schon dazu angehalten nichts zu tun. Keine Erledigungen, die eine Fahrt in die Stadt rechtfertigen, auf diesen Wochentag zu schieben. Nein, der Tag ist für jeden (okay, fast jeden, denn natürlich gibt es Berufe mit Wochenenddienst) zur freien Verfügung. Und genau das war mein Problem.

Denn über meinem Sonntag hing lange Zeit nur ein einziger Fluch: Sonntag ist der Tag vor Montag. Der Tag bevor das Chaos von vorne losgeht. Der Tag bevor mich fünf Tage lang alles überrollt. Der Tag vor dem Beginn einer Woche, in der alles passieren kann. Der Tag vor fünf Arbeitstagen voll Arbeit, die möglicherweise nicht mit den vertraglich vereinbarten 40 Stunden zu machen ist. Und auch nicht mit 42 Stunden. Sondern mit vielen, vielen mehr. Je nachdem was denn in der kommenden Woche so alles unverhofft aufschlagen mag.

Sonntags war der mieseste Tag der Woche. Der Tag, an dem ich hätte machen können was ich wollte, war immer der Tag an dem ich nichts machen konnte. Weil ich Bauchkrämpfe oder Kopfschmerzen hatte. Denn auf Sonntag folgen fünf Tage Hölle. Und wir beziehen mal die Wochenend-Laptop-Schichten nicht in die Rechnung mit ein.

Sonntags ging es mir immer mies. Körperlich. Und stimmungstechnisch auch, denn die war im Keller. Oder eher noch tiefer als kellertief. Um mich herum freuten sich alle auf diesen wunderbar freien Tag. Ich auch. Denn ich dachte immer “dieser Sonntag wird anders”. Irgendwann musste doch schließlich auch bei mir die Freude einsetzen. An irgendeinem Sonntag wird es mir doch gut gehen und meine Stimmung top sein. Dieser Sonntag kam aber nicht.

Wochenlang nicht. Monatelang nicht. Vermutlich jahrelang nicht. Zumindest ein paar Jahre lang nicht. Die Jahre, in denen ich in meiner eigenen Überholspur lebte. Mich selbst fordernd, mich selbst überholend. Was gestern schon schnell von der Hand ging, kann morgen noch schneller gehen. Wenn ich dies kann, dann kann ich das auch und vor allem noch besser. Ich war mein eigener Antrieb, mein eigener Drillinstructor, der mir immer mehr abverlangte. Der immer noch mehr wollte. Noch schneller. Noch höher.

Und sonntags ging nichts mehr. Mein Tank war leergefahren und mein Motor stotterte. Sonntags lag ich nur rum. Aber ohne Genuss. Ich lag da, weil nichts mehr ging. Ich guckte mir irgendeinen Film an, ohne ihn mitzubekommen. Der Sonntag kam und ging und ich war irgendwo zwischendrin. Gefangen in 24 Stunden Sonntag. Und kurz bevor ich total geschwächt vom Nichtstunkönnen am Sonntag Abend ins Bett ging, fühlte ich mich noch mieser. Denn ich hatte nichts geschafft.

Keine Wäsche gewaschen. Nicht aufgeräumt. Nicht vorgekocht. Nichts. Ich war zu nichts fähig. Und das konnte ich mir nicht genehmigen, denn es gibt immer viel zu tun. Ich verurteilte mich auch noch dafür zu nichts fähig zu sein und nichts zustande gebracht zu haben. An diesem Sonntag und an jedem anderen. Und so fing ich an Sonntage zu hassen. Denn sie gaben mir nichts und nahmen mir so unendlich viel. Sie nahmen mir die Freude am Nichtstun. Sie nahmen mir die Möglichkeit der Entspannung. Sie nahmen mir den Antrieb. Sie nahmen mir den Genuss an Ruhe. Sie nahmen mir jede positive Emotion.

Was ich damals nicht sehen konnte aber heute weiß: sie waren eine neue Windung. Mit jedem antriebslosen, mich selbst verachtenden, kränkelnden und unzufriedenen Sonntag rutsche ich eine Stufe tiefer in meinem eigenen Trichter. Unaufhörlich nahm ich eine Runde nach der anderen:- nach unten. Immer näher Richtung schwarzes Loch. Und an einem gewissen Punkt immer schneller. Ich hatte keine Ahnung in welcher Talabfahrt ich mich befand. Das tiefe schwarze Loch, auf dessen Boden ich schmerzhaft knallte, hatte später nur noch einen Namen: Burnout.

Ich hatte damals keine Ahnung was diese Sonntage an Bedeutung hatten. Aber ich kenne immer mehr Menschen, die genau diese Sonntage erleben. Und die sich ebenfalls als Sonntagshasser outen. Hätte ich damals verstanden was das alles bedeutet, hätte ich vielleicht die Notbremse ziehen können. Aber ich wusste viel zu wenig über diese Erschöpfungsdepression und vor allem kannte ich niemanden, mit dem ich mich hätte austauschen können.

Natürlich habe ich mit meinem engsten Vertrautenkreis über diese hässlichen Sonntage gesprochen. Aber keiner konnte damals einschätzen in welches Loch ich gerade hinabschlitterte. Denn keiner hatte damit Erfahrung. Jeder gab mir nur den gut gemeinten Ratschlag “Du musst einfach mal abschalten und entspannen”. Ein Ratschlag, den mein Verstand nicht mehr verstand. Der Ratschlag hätte auch “Xingtungan rabantin norisonti” heißen können. Das verstehe ich nämlich auch nicht. Es war eine Sprache, eine Wortwahl, die ich nicht mehr verstehen konnte. Ich wusste gar nicht wie man das macht. Denn es funktionierte für mich nicht.

Heute bin ich der festen Überzeugung, dass ich damals nicht aufzuhalten war. Ich war zu sehr in meiner Welt der hohen Erwartungen, des Erfolgdrucks und des Perfektionismus gefangen. Zu sehr war ich in einer Welt eingesperrt aus der ich kein Entrinnen sehen konnte. Ich wusste gar nicht wo ich hätte ansetzen können. Mir fehlte da ein ganzes Stück Sichtweise. Welche das war, beschreibt diese Geschichte:

Es waren einmal fünf weise Gelehrte. Sie alle waren blind. Diese Gelehrten wurden von ihrem König auf eine Reise geschickt und sollten herausfinden, was ein Elefant ist. Und so machten sich die Blinden auf die Reise nach Indien. Dort wurden sie von Helfern zu einem Elefanten geführt. Die fünf Gelehrten standen nun um das Tier herum und versuchten, sich durch Ertasten ein Bild von dem Elefanten zu machen.

Als sie zurück zu ihrem König kamen, sollten sie ihm nun über den Elefanten berichten. Der erste Weise hatte am Kopf des Tieres gestanden und den Rüssel des Elefanten betastet. Er sprach: „Ein Elefant ist wie ein langer Arm.“

Der zweite Gelehrte hatte das Ohr des Elefanten ertastet und sprach: „Nein, ein Elefant ist vielmehr wie ein großer Fächer.“

Der dritte Gelehrte sprach: „Aber nein, ein Elefant ist wie eine dicke Säule.“ Er hatte ein Bein des Elefanten berührt.

Der vierte Weise sagte: „Also ich finde, ein Elefant ist wie eine kleine Strippe mit ein paar Haaren am Ende“, denn er hatte nur den Schwanz des Elefanten ertastet.

Und der fünfte Weise berichtete seinem König: “ Also ich sage, ein Elefant ist wie ein riesige Masse, mit Rundungen und ein paar Borsten darauf.“ Dieser Gelehrte hatte den Rumpf des Tieres berührt.

Nach diesen widersprüchlichen Äußerungen fürchteten die Gelehrten den Zorn des Königs, konnten sie sich doch nicht darauf einigen, was ein Elefant wirklich ist. Doch der König lächelte weise: „Ich danke Euch, denn ich weiß nun, was ein Elefant ist: Ein Elefant ist ein Tier mit einem Rüssel, der wie ein langer Arm ist, mit Ohren, die wie Fächer sind, mit Beinen, die wie starke Säulen sind, mit einem Schwanz, der einer kleinen Strippe mit ein paar Haaren daran gleicht und mit einem Rumpf, der wie eine große Masse mit Rundungen und ein paar Borsten ist.“

Die Gelehrten senkten beschämt ihren Kopf, nachdem sie erkannten, dass jeder von ihnen nur einen Teil des Elefanten ertastet hatte und sie sich zu schnell damit zufriedengegeben hatten.

[Verfasser unbekannt] {Quelle: http://www.thur.de/philo/hegel/elefant.htm}

Ich stand einfach zu nah vor meinem Berg von Themen und konnte das große Ganze nicht mehr erblicken. Ich hatte den Überblick verloren und den Blick für das wirkliche Wesentliche im Leben. Meine eigenen Wünsche und mein eigenes Glück und nicht das der anderen und deren Erwartungen.

Heute weiß ich wieder worauf es ankommt und welche eigenen Erwartungen wirklich meine sind und welche ich oft angenommen habe, die im Kern gar nicht zu mir gehören. Und was das Schönste ist: ich freue mich auf heute! Denn heute ist Sonntag. Und diesen Tag mag ich. Denn er ist endlich wieder das, was er sein sollte.

P.S.: Wenn ihr mehr von Susanne lesen wollt, könnt ihr ihren Blog HappyIch besuchen und sie auf facebook befreunden.