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Ich habe mal gelesen, dass der Körper, den ich vor 7 Jahren hatte, nichts mit dem Körper zu tun hat, den ich heute habe. Nicht, weil ich älter werde, sondern weil sich meine Zellen erneuern. Jeden Tag. Permanent. Und das führt eben dazu, dass innerhalb von 7 Jahren mein Körper rein rechnerisch alles einmal erneuert hat und das „alte Material“ nicht mehr da ist. (Ein Wort der Warnung: dieser Post beginnt fast belanglos. Aber es könnte sein, dass ihr am Ende Tränen in den Augen habt.)

Das erzähle ich euch heute aus mehreren Gründen. Zum einen, weil ich gestern die Dokumentation „Spinning Plates“ angeschaut habe. Darin geht es um drei ganz unterschiedliche Restaurants.

1.) Ein mexikanisches Restaurant im Nirgendwo, das von einem Ehepaar betrieben wird und an Gästemangel leidet.

2.) Ein typisch amerikanisches Gasthaus in einem kleinen Ort – ein Familienbetrieb, der nicht nur eine lokale Berühmtheit ist. Hier wird die Gemeinschaft zusammengehalten und jede Menge Fried Chicken serviert.

3.) Und das Alinea – ein Drei-Sterne-Lokal, das Molekularküche auf die Spitze treibt.

Die letzten zwei Tage habe ich ja mit Christine von Lilies Diary für RTL gedreht.

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Kochen

Drehen mag ich immer ganz gern – das ist einfach mal eine Abwechslung und man kann was Neues ausprobieren (und ja, vegan gekocht habe ich auch). Ich war also voll im Essensthema und fand deshalb: genau richtig, diese Restaurant-Dokumentation zum Abschluss. Nur war ich überhaupt nicht darauf gefasst, dass ich bei einer Dokumentation über Essen so emotional werden würde.

Ihr wisst ja mittlerweile, dass ich schon seit einiger Zeit hin- und hergerissen bin.

Das eine tun (bloggen, kochen, basteln) und das andere lassen (schreiben). Oder doch lieber andersherum? Oder beides?

Das eine tun (weiter im klassischen Verlag veröffentlichen) und das andere lassen (selbst verlegen oder ebooks). Oder doch lieber andersherum? Oder beides?

Wenn ich ganz ehrlich bin, hatte ich mir das so auch nicht vorgestellt. Ich dachte immer: wenn man sich was erarbeitet und dann irgendwann eine gewisse Kenntnis davon hat und sich dann die Türen öffnen – dass das dann Spaß macht. Aber ich musste feststellen: das ist nicht immer so. Oder anders gesagt: Vielleicht hat das Internet und die Unabhängigkeit des Bloggens mich einfach zu beweglich für starre, hierarchische Systeme gemacht.

Wie der Zufall es will (und wir wissen ja alle: es gibt keinen Zufall), hatte ich mir genau das gestern noch einmal klar gemacht und daraufhin einige Telefonate geführt. Ich mag es Dinge zu klären. Verbindlich und persönlich.

Und dann sitze ich also vor dieser Dokumentation über Restaurants und der Protagonist und Küchenchef des 3-Sterne-Ladens erzählt von seinem früheren Chef und Mentor. Der hatte, wenn man sich verzettelte oder schwamm oder nicht die richtigen Entscheidungen traf, immer genau zwei Fragen für einen:

„Whats your legacy gonna be?“

„Are you thinking big picture?“

Mir, der es manchmal schwer fällt, sich festzulegen, weil mir so viele kreative Gedanken gleichzeitig durch den Kopf schwirren, sind solche Fragen beides. Hilfreich und ein Stich ins Herz.

Hilfreich, weil ich weiß: genau daran möchte ich weiter arbeiten. Weil ich fühle, da ist irgendwas in mir. Etwas, das ich ausdrücken möchte und muss. Etwas, das andere Menschen anregen kann und wird, ihren Weg zu gehen.

Ein Stich ins Herz, weil ich weiß: I am not there yet.

Doch als wäre das nicht genug Stoff zum Nachdenken, folgte direkt der nächste Hammer in der Doku. Nachdem der Küchenchef des 3-Sterne-Restaurants seinem Geschäftspartner mal eine fantastische Entenbrust auf französische Art zubereitet hat, fragte der ihn:

„Warum machen wir nicht mal so ein Restaurant auf, in dem Du ganz normale Gerichte kochst, aber eben fantatstisch zubereitest? Einen Top-Franzosen?“

„Weil ich mich fürchterlich langweilen würde. Ich will nicht immer wieder dasselbe kochen müssen, auch wenn es den Menschen sehr gut schmeckt“, antwortete der Küchenchef.

„Dann machen wir eben noch einen Top-Italiener auf, dann musst Du Dich nicht langweilen!“ sagte der Geschäftspartner.

„Jetzt hast Du in zwei Minuten zwei weitere Restaurants eröffnet. Aber es gibt unzählige Arten, französisch zu kochen. Oder italienisch.“ sagte der Küchenchef. „Was heißt das überhaupt: italienisch kochen? Französisch kochen? Ich kann nicht kochen, wie man in Paris kocht. Aber ich kann so kochen, wie man in Paris im Jahr 1912 gekocht hat.“

Und in dem Moment, als der Küchenchef das sagte, machte es bei seinem Geschäftspartner Klick.

„Warte mal – wie wäre es, wenn das Restaurant sich verändert?“, fragte er.

„Oh Mann, keine Chance. Wie sollen wir das hinkriegen?“ fragte der Küchenchef.

„Naja. Wir eröffnen und führen das erste Restaurant – und wenn es Dir zu langweilig wird, verändern wir es einfach und machen es zu einem anderen Restauarant. Und drei Monate später wird es wieder ein anderes Restaurant sein, weil Du was Neues ausprobieren willst“ antwortete der Geschäftspartner.

Und schon war eine Idee geboren, die beiden gefiel.

Sie gründeten das Restaurant „Next“, in dem es möglich wurde, von französischer Küche aus dem Jahr 1912 zur Küche des heutigen Kyoto zu wechseln, dann wieder zurück zur Küche in Sizilien während des zweiten Weltkriegs um danach zu kochen wie im New York der 60er Jahre.

Sie verpflichteten sich der konstanten Evolution.

Wir vergessen manchmal, dass ein Restaurant sich auch verändern kann. Ein Blog sich verändern und zurückverändern kann. Dass nichts bleibt, wie es war und nichts wird, wie gedacht. Dass das Leben und der weise Mann mit Bart im Himmel einen ganz eigenen Plan für uns haben.

Heute Morgen las ich einen Kommentar auf der Chronik eines facebook Freundes, den ich auch im wirklichen Leben ein paar Mal getroffen habe. Jemand, mit dem mein Mann und ich immer mal enger zusammen arbeiten wollten – aber es hat sich noch nie das richtige Projekt gefunden. Ein extrem kreativer, ganz ganz feiner Mensch. Jemand, der es liebt, mit Worten umzugehen. Der dichtet, schreibt, moderiert, singt und musiziert. Sich nirgendwo einordnen lässt und doch überall gern gesehen ist.

Der Kommentar lautete: „Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott Dich fest in seiner Hand.“

Bitte nicht, dachte ich. Bitte lass den Krebs nicht wiedergekommen sein. Nicht bei Dir. Nicht so.

Für mich bist Du ganz still gegangen, Peter. An einem Tag, an dem ich begriffen habe: für Kompromisse und die so bequeme Art, Dinge aufzuschieben, ist das Leben viel zu kurz.

Ich denk an Dich

Deine Svenja

P.S.: Und eben Peter, als ich meine Kinder an der Schule abgesetzt hatte und endlich meinem Mann am Telefon erzählen konnte, dass Du gestorben bist (weil mit Kindern im Auto, da ging das einfach nicht), da hat er gesagt: „Der Peter, das war so eine Lichtgestalt“.  Und da musste ich am Straßenrand anhalten, dieses Bild vom Himmel machen und dabei weinen. Wir werden Dich vermissen.

Peter

P.P.S.: Und als ich zuhause war habe ich Tickets für das Konzert von Revolverheld im März gekauft. Da singen meine Kinder nämlich immer laut mit, wenn die im Radio laufen. Ist doch egal, dass es nur Stehplätze gibt. Und dann ist das Konzert halt mitten in der Woche um 20:30. Aber wir gehen hin. Und im Herzen, da nehmen wir Dich mit.