Meine SüßenIsabel – mit ihren Kindern Emilio und Mailina (Photocredit Tobias Müller)

Als mir meine Leserin Isabel anbot, für meinen Blog eine Gastkolumne über Sternenkinder zu schreiben, war ich gleich Feuer und Flamme. Es gab nur ein Problem: Isabell schickte mir direkt einen Text mit, den sie dazu schon einmal veröffentlicht hatte. Und der war wie jeder Text über Sternenkinder, den ich bis dahin gelesen hatte:

Er beschrieb faktisch, wie es ist, ein Sternenkind zu bekommen – anstatt den Leser die Emotionen rund um das Ereignis fühlen zu lassen. Dabei wäre genau das wichtig, um die Situation wirklich begreifbar zu machen.

Denn: wenn jemand den Begriff „Sternenkinder“ googlet, hat er wahrscheinlich genau drei Gründe dafür hat:

a) Die Person hat gerade erfahren, dass ihr Baby tot ist.

b) Die Person hat ein Kind tot geboren oder eine Partnerin, die ein Kind tot zur Welt gebracht hat – und sucht Informationen und Hilfe.

c) Die Person kennt jemanden, der ein Kind tot geboren hat und sucht Informationen und Hilfe.

Also habe ich Isabel gefragt, ob sie bereit wäre, einen neuen Text über Sternenkinder für mich zu schreiben. Einen, in dem sie ihre Gefühle beschreibt. Und ich wusste: das ist eine große Bitte, denn dazu muss sie das Geschehene situativ noch einmal komplett durchgehen. Fragen beantworten, die ihr nie jemand gestellt hatte. Und weh tun würde es auch.

Heute habe ich Isabels Sternenkinder Text bekommen – und ich hatte mehr als einmal Gänsehaut und Tränen in den Augen, als ich ihn gelesen habe. Isabel, Du mutige tolle Frau. Tausend Dank, dass Du Dich so öffnest, um Menschen, die auf der Suche nach Hilfe sind, beizustehen. Ich ziehe meinen Hut vor Dir.

Sternenkinder – Eine mutige Frau erzählt

1.) Kannst Du mir den schlimmsten Moment, den Du rund um die Diagnose und die Geburt Deines toten Babies erleben musstest genau beschreiben? Und zwar mit allen Sinnen? Was hast Du gefühlt, geschmeckt, gerochen, gesehen, gehört?
Bei uns war es so, dass wir gerade in Kroatien auf Urlaub waren, der erste Urlaub mit unserem knapp einjährigen Sohn am Meer. Am vorletzten Tag bekam ich plötzlich Blutungen, hatte jedoch überhaupt keine Schmerzen oder sonstige Beschwerden. Ich habe sofort meinen Frauenarzt angerufen, der aber selbst auf Urlaub war. Wir sind dann sofort heimgefahren und ins Krankenhaus, dort hat mich zuerst eine Schwester mit einer auszubildenden Ärztin untersucht, die aber meinten, alles sei in Ordnung. Sie wollten aber noch einen Oberarzt fragen. Das war dann leider (und ich habe im Nachhinein von vielen Betroffenen gehört oder gelesen, denen es ähnlich erging) ein ziemlich ruppiger Typ, der einfach sagte: „Nein, kein Herzton. Das Baby ist tot.“
Und DAS war dann der schlimmste Moment, der Moment in dem alle Hoffnung erstirbt, in dem man tatsächlich weiß, dass das eigene, unendlich geliebte Baby nicht mehr lebt, es aber nicht ansatzweise begreifen kann. Ich fühlte mich wie in einer Luftblase, als würde ich mich von außen betrachten. In meinen Ohren rauschte es und ich weiß noch, dass meine Beine gezittert haben. Das grelle Licht in diesem Untersuchungsraum, der Monitor, der zwar von uns weggedreht war, von dem ich aber wusste, dass er unser Baby zeigte, mein Mann, der meine Hand hielt… all das weiß ich zwar, aber ich hatte das Gefühl, als wäre ich gar nicht mehr richtig anwesend. Mein Mund hatte diesen berühmten metallischen Geschmack, mir war übel und ich wollte eigentlich nur weg, weg und mein Baby zurück. Plötzlich hat es mich dann wie eine riesige Welle überrollt und ich habe laut geschrien. Die beiden Frauen, die mich zuerst untersucht haben, waren Gott sei Dank sehr einfühlsam und haben den Arzt, der mir tatsächlich noch Fragen stellen bzw. vor meinem Mann und mir unser totes Baby am Monitor abmessen und weitere Daten festhalten wollte, zurechtgewiesen.

 2.) Wie lange hast Du Dein Kind nach der Geburt gehalten und hast Du es direkt „erkannt“?
Ich habe unser totes Baby weder gehalten, noch gesehen. Im Nachhinein habe ich oft darüber nachgedacht, ob es anders vielleicht „besser“ gewesen wäre… Ich war nach der Geburt allerdings sehr geschwächt und von den Schmerzmitteln auch benebelt, weshalb ich – auch wenn es unglaublich klingt – sehr schnell eigeschlafen bin.

3.) Wie unterscheidet sich die Geburt eines gesunden Babys von der Geburt eines bereits verstorbenen Kindes?
Ich musste unser Baby im fünften Monat ganz normal entbinden, hatte also Wehen und auch eine Austreibungsphase, ganz wie bei einer normalen Geburt. Aber mein Arzt hat mir natürlich Schmerzmittel gegeben, die ich nach anfänglichem Sträuben auch genommen habe. Es ist so schon extrem anstrengend und schmerzvoll, vor allem auch, weil man ja weiß, dass man nach diesen ganzen Strapazen keinen ersten Schrei hören und kein gesundes Baby in die Arme schließen kann.

4.) Was hat Dich medizinisch am meisten überrascht?
Ich war und bin unendlich froh, dass ich auf mein Gefühl gehört habe und NICHT in dem Krankenhaus, wo wir die niederschmetternde Nachricht vom Tod unseres Babys gehört haben, geblieben bin und dort entbunden habe. Denn der oben erwähnte Arzt sagte mir tatsächlich, dass ich im Prinzip nur dableiben und warten müsste, bis mein Baby „ausgestoßen“ würde (!). Ich aber wollte auf meinen Frauenarzt warten und das war die beste Entscheidung. Er hat nämlich nicht nur abermals einen ausführlichen Ultraschall in seiner Praxis gemacht und uns einige Einzelheiten erklärt und Fragen beantwortet, sondern mir außerdem gesagt, dass die in vielen Krankenhäusern durchgeführte Curettage nicht die einzige Option nach einer Totgeburt ist. Viel sanfter ist die sogenannte „Saugcurettage“ (wird während einer äußerst milden Allgemeinnarkose durchgeführt), bei der mittels einem speziellen Silikonröhrchen und einer Vakuumpumpe ganz sanft ohne Verletzung der Gebärmutterschleimhaut und ohne Aufdehnen des Muttermundes abgesaugt wird. Ich bin überzeugt, dass ich nur so schnell wieder schwanger geworden bin, weil ich nach der Geburt unseres Babys medizinisch wirklich in besten Händen war.

5.) Was würdest Du einer Mutter raten, die sich mit einer ähnlichen Situation konfrontiert sieht und ihr totes Baby zur Welt bringen muss? Was hättest Du gerne vorher gewusst und würdest das deshalb jetzt gerne weitergeben?
Das ist schwer zu sagen. Es handelt sich hier wirklich um eine absolute Ausnahmesituation. Manche sind vielleicht gefasst und wollen es einfach hinter sich bringen – da kommen die Trauer und dieses schreckliche Gefühl des Verlustes und der Hilflosigkeit erst später, andere sind eher impulsiv und wollen schreien, weinen und wütend sein. Wahrscheinlich ist es bei den meisten eine Mischung aus alldem…
Was ich nur jeder Frau raten kann, ist, dass sie ihren Partner oder (falls nicht vorhanden) eine andere Vertrauensperson als Stütze mit dabei hat und diese auch an ihren Gefühlen teilhaben lässt. Alleine schafft man sowas nur schwer und man MUSS ES AUCH GAR NICHT ALLEINE SCHAFFEN.

6.) Welches Verhalten deiner Mitmenschen nach der Geburt Deines Sternenkindes hat Dich am meisten verletzt? Und welches hat Dir am meisten geholfen und Dir Mut gemacht?
Am meisten nerven und verletzten diese vermutlich gutgemeinten Sprüche wie „Ihr seid ja noch jung, ihr könnt noch viele Kinder haben wenn ihr wollt.“ Ja, aber unsere Tochter wird uns niemand je ersetzen können und das sollte meiner Meinung nach sowieso nie die Aufgabe eines anderen Kindes sein. Oder „Wer weiß, vielleicht wäre es nicht gesund gewesen“. Oder „Das ist schon ganz vielen passiert, weißt du eigentlich, dass die Schwester von X und die Tante von Y…“ Hilft einem alles nichts, wenn das eigene Baby genommen wurde. Trotzdem muss ich gestehen, dass es mir tatsächlich Mut gemacht hat, zu hören, wie oft Fehlgeburten „passieren“ – offenbar handelt es sich hier um eines der letzten großen Tabuthemen unserer Zeit. Über den Tod spricht man ja generell eher ungerne, aber der Tod eines Babys oder Kindes – das geht gar nicht. Mut gemacht hat mir natürlich nicht die Tatsache, dass vielen Bekannten oder Freunden Ähnliches widerfahren ist, sondern dass viele von ihnen danach noch/wieder Kinder bekommen haben. Am meisten allerdings haben mir mein Mann, mein kleiner Sohn und meine Familie geholfen. Einfach, indem sie da waren und mir zuhörten, indem sie mich weinen ließen (und nach wie vor lassen!), wenn mir danach war, indem sie meine Trauer und meine Ängste mit mir teilten und mir – was anfangs unmöglich schien – wieder unzählige Gründe gaben, um zu lachen und glücklich zu sein.

7.) Wie habt ihr euer Sternenkind genannt und beerdigt? Habt ihr einen Platz, an dem ihr an euer Kind denkt oder ein bestimmtes Ritual?
Eigentlich wissen das nicht viele Leute, denn – Überraschung – das ist eine der Fragen, die NIE jemand stellt. Zumindest die nach dem Namen. Unser kleines Mädchen heißt Maja. Während meiner Schwangerschaft wussten wir nicht, ob wir ein Mädchen oder einen Jungen erwarten, wir wollten uns wie schon bei unserem Sohn überraschen lassen. Auch nach dem schrecklichen Erlebnis der späten Fehlgeburt wollten wir das Geschlecht unseres Kindes zuerst nicht wissen – aber weil es rund um die Beerdigung einiges zu klären gab, haben wir erfahren, dass es ein kleines Mädchen war. Was deine zweite Frage schon teils beantwortet – Ja, wir haben einen Platz, an dem wir Maja besuchen können. Vom Krankenhaus aus wurde ein sehr berührender Gedenkgottesdienst für während der Schwangerschaft verstorbene Babys organisiert und es gibt am Friedhof eine spezielle Grabstätte für jung verstorbene Babys, die wunderschön gestaltet ist.
Ich muss aber zugeben, dass wir nicht oft dort sind. Vielmehr „begleitet“ uns unsere Tochter im Alltag, ich denke beispielsweise oft daran, wie alt sie jetzt wäre oder ob sie sich in manchen Situationen vielleicht ganz anders als ihre Geschwister verhalten würde, wie sie aussehen und wem sie ähnlich sein würde… Ein fixes Ritual allerdings haben wir als Familie: Jedes Jahr am zweiten Dezembersonntag zünden wir wie viele verwaiste Eltern weltweit eine Kerze an, Stichwort „Internationales Worldwide Candle Lighting“ (wir haben für diesen Anlass eine besonders schöne Kerze extra für Maja gekauft).

8.) Du warst nach Deinem Sternenkind noch einmal schwanger. Wie hast Du diese Schwangerschaft und diese Geburt erlebt?
Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Anfangs war da natürlich diese überschwängliche, fast berauschende Freude, als wir den positiven Schwangerschaftstest in Händen hielten. Wir waren so froh, dass wir nach dem Verlust unserer kleinen Tochter doch wieder so schnell mit einem weiteren Baby beschenkt wurden. Dann aber stellte sich leider ziemlich schnell eine lähmende Angst ein – „Ist alles okay? „Ist unser Baby gesund?“ „Wird diesmal alles gut gehen?“ Ich für mich habe meine dritte Schwangerschaft – obwohl ich wahnsinnig glücklich, stolz und vorfreudig war – als sehr angespannt, belastend und sorgenvoll erlebt. Einfach, weil ich wusste, dass trotz bestem Gefühl und Gewissen doch etwas „schiefgehen“ kann…

9.) Die Frage nach dem „Warum wir“ – konntest Du die beantworten? Ich weiß nicht, ob Du religiös bist, aber wenn ja – hast Du mit Gott dazu gesprochen? Oder wenn Du es nicht bist: mit jemand anders? Muss man diese Frage beantworten um seinen Frieden damit zu machen – auch wenn es einen für immer verändert?
Dieses „Warum wir“ macht einen nur kaputt. Natürlich haben auch wir uns diese Frage gestellt, immer und immer wieder – das Problem ist nur, dass sie einem von niemandem beantwortet wird. Und dass sie aufreibt, traurig macht und bei der Verarbeitung des Geschehenen nicht weiterhilft. Man kann die Zeit, die man braucht, um eine Fehlgeburt zu verarbeiten, nicht in Tagen, Wochen, Monaten oder Jahren festlegen. Nichts ist wie es war und ich wage zu behaupten, dass es für betroffene Eltern auch nie wieder so sein wird. Das muss es auch gar nicht, aber es hilft, Wege aus der Trauer aktiv zu suchen. Egal, ob eine Therapie, der (anonyme) Austausch in Internetforen, Gespräche mit einfühlsamen Menschen oder auch Lesen in einschlägiger Literatur – es gibt verschiedenste Möglichkeiten die helfen, Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Mein Mann und ich glauben an Gott und mir hat es sehr geholfen, zu beten und Kraft daraus zu schöpfen. Auch die Vorstellung, dass wir unsere Tochter irgendwann im Himmel wiedersehen, finde ich schön, denn dass sie dort auf uns wartet, davon bin ich überzeugt. Ich hoffe, sie sieht manchmal zu uns und ihren Geschwistern herab und weiß, wie lieb wir sie haben und dass sie ihren Platz in unserer Familie hat und immer haben wird.

Isabel Müller ist 29 Jahre, sehr glücklich verheiratet und lebt mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Salzburg. Sie schreibt seit 2009 für das österreichische Familienmagazin fratz&CO und hat seit kurzem auf fratz.at ihren eigenen Blog Vollherzmami.

Buchtipps zum Thema Sternenkinder

von Hannah Lothrop, der Autorin des Standarwerkes „Das Stillbuch“. Das habe ich selbst einmal verschenkt – auf den Rat einer Mutter, die genau das erlebt hat – als jemand in meinem Umfeld ein Sternenkind geboren hat.

Sternenkinder_Buchempfehlung

Gute Hoffnung – jähes Ende: Fehlgeburt, Totgeburt und Verluste in der frühen Lebenszeit. Begleitung und neue Hoffnung für Eltern

Das nächste Buch hat Isabel damals gelesen und es hat ihr sehr geholfen:

Sternenkinder_Wenn_eine_Schwangerschaft_zu_früh_endet

Sternenkinder: Wenn eine Schwangerschaft zu früh endet

Und hier noch zwei Websites zum Weiterlesen – auch auf Empfehlung von Isabel.

http://www.initiative-regenbogen.de/
http://www.sternenkinder-eltern.de/

Liebe Isabel, wenn wir mit diesem Thema und Deinen Erfahrungen nur einem Menschen helfen können, ist schon viel getan. Ich danke Dir sehr für Deine Offenheit und den Willen, was zu bewegen. You rock, girl.

In diesem Sinne

Eure Svenja