Wer hätte gedacht, dass es mir tatsächlich innerhalb von knapp einem Jahr zweimal gelingt, mich selbst quasi neu zu erfinden – und das auch noch „aus Versehen“???

Ich sicher nicht. Die erste Neuerfindung war mein Umstieg auf die vegane Ernährung, die ich jetzt seit einem Jahr und 1 Monat durchziehe. Weil es mir gut tut und gut schmeckt. Die zweite Neuerfindung kam durch die 100days Challenge, den Vorsatz 100 Tage Sport am Stück zu machen. Aber in welcher Form das mein Leben verändern würde, war mir nicht klar.

Sicher, ich war schon immer sportlich unterwegs. Aber jetzt messe ich meine sportlichen Erfolge nicht mehr daran, ob sich die Muskeln auf meinem Bauch abzeichnen oder ich die 800ste Kniebeuge schaffe. Sondern daran, wie ich mich fühle. In meinem Körper. Und das sage ich obwohl ich gerade 10 Tage quasi rund um die Uhr im Bikini verbracht habe, was mit 43 auch nicht mehr ganz so leicht zu verkraften ist, wie mit 25. Vor allem nicht wenn DIREKT am Eingang zur Toilette neben der Strandbar ein lebensgroßer Spiegel ist. (Wer braucht das? Ich jedenfalls nicht.)

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(Note to myself: Wenn man sich nach zwei Stillkindern in die aufblasbare Muschel wirft muss man den Neckholderbikini enger binden, sonst steht er ab. Aber SOWAS sieht mein Mann natürlich nicht, wenn er geheime Bikinifotos von mir macht, die ich dann nachher auf seinem Handy finde. )

Was ist also passiert im Urlaub in der Türkei, dass ich genau zur Halbzeit meiner 100days Challenge das Gefühl habe, dass ich mich neu erfinde? Oh, so Einiges.

Yoga zum Beispiel ist passiert. Und zwar an 7 Tagen von 9 (am Anreisetag musste ich schlampern, deshalb 9 anstatt 10). An den anderen beiden Tagen habe ich mich mit den neonpinken Strümpfen 5 Kilometer bei über 30 Grad im Schatten über den hügeligen Laufpfad gekämpft. Die gute Nachricht: der hippe Personal Trainer und seine Assistentin, an denen ich immer vorbeigejoggt bin während sie Kurse mit Namen wie „Attack“ abhielten, hatten auch unsere Strümpfe an, Mädels. Die schlechte Nachricht: ich habe für 5 km 38 Minuten gebraucht, war knallrot und der Schweiß lief in Strömen.

Das tat er beim Yoga zwar auch, aber nichtsdestotrotz habe ich mich jeden Tag bis auf den Anreisetag in meine Yogaklamotten geschmissen und meine Wirbelsäule verlängert, mich inwärts gerichtet, meine Hände zum Herzen gebracht und auf meinen Atem geachtet.

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Beweisfoto 1: auf dem Weg zum Yoga (während alle anderen zur Strandbar gehen)

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Beweisfoto 2: nach dem Yoga, mit Laptop und Yoga-DVD

Das hört sich strange an? Sagen wir mal so: das Stadium der Kniebeugen hatte ich ja schon im Alter von 38-42 durchlaufen. Jetzt suchen mein Körper und mein Geist nach Dingen, die mir auf eine andere Art gut tun. Und je mehr ich darauf achte, was mein Körper mir sagt, desto klarer wird: Er sagt nicht „Ich möchte, dass ich vor Erschöpfung nicht mehr stehen kann.“ Eher so Sätze wie:

„Tu mir was Gutes.“ „Hör auf mich.“ oder „Denk an mich.“

Jaja, ich weiß, das klingt schon wieder superesoterisch. Und es geht auch direkt so weiter. Es ist nämlich noch etwas passiert. Das Gefühl anzukommen. Bei mir. In meinem Körper. Nicht mehr äußerlich zu messen, sondern von innen zu spüren wie er sich anfühlt. Und eins kann ich euch sagen: ich habe mich noch nie so sehr wie 56 Kilo gefühlt und dabei 64 gewogen.

ICH FÜHLE MICH EINFACH GRANDIOS.

Weil ich mich bewege. Weil mir Sport gut tut. Weil ich auf mich achte. Weil ich die Bedürfnisse meines Körpers nicht mehr nach hinten, sondern nach GANZ vorne stelle.

Die ganzen Jahre bin ich an mir selbst vorbeigelaufen. Nichts gegen Kniebeugen. Die mache ich heute auch noch. Aber nur, wenn mir danach ist. Heute ist es mir wichtiger, dass ich mich innendrin gut anfühle und deshalb Lust habe, mit meinem Mann zu schlafen und mich in den Sand zu hocken und mit meinen Kindern Sandburgen zu bauen.

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Und ja, das darf man in einem Satz sagen, wenn der Grund derselbe ist. Ein Körper, der zu mir passt.

In mir entsteht gerade eine unbändige Lust, meinen Körper zu hegen und zu pflegen. Ihn noch einmal ganz neu kennen zu lernen. Ihm und meiner Seele ganz viel Gutes zu tun. Da kam mir meine selbstverordnete facebook- und Internetpause während des Urlaubs gerade recht.

10 Tage habe ich nicht geschaut, was die ganze Welt macht. Sondern war im Blue Waters Club in Side am Pool,

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am Meer,

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in der Beachbar

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und auf dem Bootssteg.

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Und immer wieder saßen dort die Handyaddicts mit den gesenkten Kopf. Mitten in der schönsten Szenerie – anstatt miteinander zu reden, zu schwimmen,

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zu toben,

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zu spielen und Spaß zu haben.

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Dass das schon lange Usus ist und ich selbst auch viel im Internet bin ist keine Frage. Aber eine andere Frage kam angesichts dieser Menschen in mir auf. Besonders hat sich in diesem Zusammenhang ein junges, übergewichtiges Paar eingebrannt. Die saßen immer schon morgens an der Poolbar, tranken süße Saftcocktails und starrten auf ihr Handy. Unterhaltung miteinander fand Null statt. Ich habe sie auch nicht ein einziges Mal schwimmen sehen. Da fragt man sich dann schon kurz, warum die überhaupt zusammen in den Urlaub gefahren sind.

Wir haben den Urlaub ganz anders verbracht. Miteinander. In dem Bewusstsein, dass gemeinsame Zeit und Menschen, die einen lieben, das größte Geschenk sind. Und ich merke: ich möchte das nicht ablegen. Ich möchte weiter die Dinge voneinander trennen. Das echte Leben ist das echte Leben. Und das Internet ist toll – wenn ich es bewusst benutze.

Ich mag einfach nicht mehr so viel rennen, wenn ich mich anstatt dessen auch in einen nach unten gerichteten Hund zurückziehen kann, wenn ihr Yogaschwestern wisst, was ich meine.

In diesem Sinne freue ich mich jetzt erstmal, dass ich wieder da bin. In meinem schönen Haus. Mit den Menschen, die ich liebe. In der Stadt, die ich Heimat nenne. Und bei euch, die ihr mir wirklich gefehlt habt. Auch wenn ich am Pool liegend in Gedanken schon jede Menge Zwiegespräche über all diese Themen mit euch geführt habe.

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Alles Liebe

Eure Svenja

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