Ihr Lieben,

ich bin Mitglied in einem ziemlich coolen Verein – bei den Ironbloggern München. Unser Motto „Mia san Blogger und mia meng Bier.“ Ähem.

Wer bei uns mitmacht verpflichtet sich, einmal die Woche zu bloggen – ansonsten zahlt er in eine Kasse ein. Die wird dann irgendwann bei bestem Biergartenwetter oder in einem bayerischen Gasthof geplündert und in eine ordentliche Maß Bier oder eine Radlermaß umgesetzt.

Anlässlich unseres zweijährigen Bestehens haben wir eine Blogparade gestartet. Jeden Tag im Juli schreibt ein anderer Ironblogger über das Thema „München“.

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Wie man das Thema auslegt, bleibt jedem einzelnen überlassen. Gestern hat Nadine von KulturNatur darüber geschrieben, warum die Alpen schon in München anfangen. Morgen übernimmt dann Doris von doschu.com. Und alle gesammelten Beiträge und Infos zur Blogparade findet ihr hier.

Ich wusste direkt, worüber ich schreibe. Über mein München.

34 Jahre lang habe ich auf dem platten Land gewohnt. In Westfalen. In Paderborn. Wenn man das jemandem sagt, dann kommt meist: „Das ist ja auch katholischer als der Papst.“ Nur dass ich evangelisch bin. Und das war bei weitem nicht das einzige Problem.

Nicht falsch verstehen. Ich liebe meine Heimat. Die Senne, mit ihrer sandigen Heide und den Kiefern. Das Gefühl, sich ganz selbstverständlich in einem Mikrokosmos zu bewegen, der einem so vertraut ist, dass es sich fast anfühlt, wie ein Wohnzimmer.

Aber: In jedem Geschäft kenne ich eine Verkäuferin. Und ihren Exfreund. Und weiß, was sie auf der letzten Party anhatte. Irgendwie war mir das oft zu eng.

Jede Straße ist von einer Erinnerung besetzt. An der Ecke habe ich jemanden geküsst. Da war mal mein Frisör. Hier ein cooles Restaurant. Und dort habe ich bei gutem Wetter immer die Füße in die Pader gesteckt.

Was mir auch nie lag: Paderborn hat so eine kleine selbsternannte westfälische „Oberschicht“, die sich selbst feiert. Da ist wenig Platz für Offenheit. Alles Dinge, die ich gar nicht richtig begriffen habe, bis ich umgezogen bin.

Plötzlich war mir klar: Es gibt ganz viele Menschen, die Lust auf Neues haben. Ein paar davon hatte ich zwar auch in Paderborn getroffen. Aber dass Paderborner generell herzlich auf Menschen zugehen, kann ich nicht wirklich bestätigen. Schade, denn das hätte viel mehr Spaß gemacht. Ich fühlte mich als Exotin: Immer für einen Schenkelklopfer gut die Svenja, aber dazugehört habe ich nie. Westfalen sind eben weder kölsche Frohnaturen noch grantelnde Bayern.

GRANTELNDE BAYERN? Ganz ehrlich: Zehn Jahre bin ich nun hier – und habe noch nicht einen getroffen. Anstatt dessen bin ich mitten unter Menschen, die Lust aufs Leben haben. Klar: Die Bussikultur gibt es wirklich und die Schickeria auch. Alles wie damals im Fernsehen, als Monaco Franze uns einen Einblick in die Münchner Hochkultur gab.

Aber was es vor allem gibt, ist eine unglaubliche Lebensqualität. Während es in Paderborn im Gasthof standardmäßig eher Gerichte wie Schnitzel Hawaii und Strammer Max gab (überhaupt ging niemand in einen Gasthof, da waren nur alte Leute), gibt es hier vom besten Schweinebraten der Welt über den sauleckeren Obatzda (Camembert vermischt mit Butter vermischt mit Gewürzen und dann ORDENTLICH Zwiebeln obendrauf) bis hin zu ofenfrischen Riesenbrezn einfach das beste Essen der Welt.

Und das Bier. Eine Radlermaß in einem Biergarten zu trinken ist kein Durstlöscher, das ist ein Lebensgefühl. Und ich habe auch nach zehn Jahren in München noch jeden Tag das Gefühl, vor Glück nicht klar denken zu können.

Wenn ich auf dem Markt einkaufen gehe, ist es der Viktualienmarkt. Wenn ich Lidschatten brauche gehe ich zu Ludwig Beck am Rathauseck. Wenn ich Haushaltswaren brauche zu Kustermann. Alles Institutionen des Einzelhandels. Wenn ich mit der S-Bahn in die Stadt fahre, steige ich am Marienplatz aus. Fahre ich mit dem Auto, parke ich in der Nähe der Maximilanstraße. Und auf dem Weg zurück fahre ich frontal auf den Friedensengel zu, links von mir der Englische Garten.

In meiner Stadt sind das Deutsche Museum, die Pinakotheken, die Oper, die Allianz Arena und der Olympiapark. Wenn ich am Wochenende einen Ausflug mit meinen Kindern mache, gehe ich zum Nymphenburger Schloss, in den botanischen Garten, den Hellabrunner Tierpark, das BMW Museum oder Tretboot fahren am Fuß des Olympiaturms. Zur Flugwerft, in den Wildpark Poing, ins Kinderreich des Deutschen Museums oder ins Kinderkunsthaus. Versteckt um die Ecke des Lenbachhauses kann ich mir riesige Dinosaurierskelette anschauen. Oder ich gehe zu einer der zahlreichen Veranstaltungen, die hier permanent stattfinden.

Vielleicht entscheide ich mich auch gegen die Stadt. Denn ich kann in einer Stunde am Tegernsee sein und den Starnberger See erreichen. Den Ammersee, den Staffelsee oder den Schliersee. Ich kann auch einfach morgens spontan entscheiden auf einen Gipfel zu steigen und auf der Hütte oben den besten Kaiserschmarrn der Welt zu essen, während zwei Meter entfernt von mir Kühe grasen und ich als Begleitmusik dem Läuten ihrer Glocken lausche.

Aber viel wichtiger: Ich bin angekommen. Zugereist hin oder her: Ich lebe in einer Großstadt, die meinem Temperament entspricht. Die traditionelle Werte hat und trotzdem Platz für Innovation. Ich fühle mich zuhause. Wenn ich Hilfe brauche, kann ich sicher zwanzig Frauen anrufen, die sofort einspringen. Denn da, wo ich in München lebe, wird Nachbarschaftshilfe groß geschrieben. Wir wissen: Wir können uns aufeinander verlassen, nicht nur im Notfall. Sondern auch wenn die Parzelle im Selbstversorgerfeld zwei Gehminuten von unserem Haus gegossen noch werden muss.

All das gibt es sicher auch woanders. Aber in dieser Kombi, mit diesem Charme: neverever.

München: Du hast alles gehalten, was ich mir von Ferne erträumt hatte. Denn ich liebäugel schon lange mit Dir. Schon mit 12 wusste ich: Du bist was Besonderes. Du musstest gar nicht viel tun, um mich zu überzeugen. Es liegt ja auch auf der Hand.

Danke, dass ich mit Dir jeden Tag etwas Neues entdecken darf. Danke für die Isar und die zahllosen Stunden, in denen meine Kinder mit Gummistiefeln am Ufer entlanggestakst sind. Danke für die Sonnenaufgänge und -untergänge vor einer traumhaften Kulisse. Nicht umsonst heißt es, Du bist die „nördlichste Stadt Italiens“.

Oder um das alles mal in Bilder zu packen: Danke für letzten Sonntag.

Da waren wir erst bei unserem Lieblingsitaliener Pizza essen.

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Und weil der direkt neben dem Englischen Garten ist, sind wir zum Eisbach vorgelaufen. Vorbei am Isar Kanal, in dem sich die Jugendlichen stromabwärts treiben lassen.

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Und dann in Schwimmsachen an der Haltestelle auf die nächste Tram warten, um wieder stromaufwärts zu fahren.

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Vorbei an Fußball spielenden Jugendlichen und trommelnden Halbstarken.

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Haben uns ans Ufer gesetzt und sind dann oben am Eisbach eingestiegen, um uns wieder bis zu unserer Decke treiben zu lassen.

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Und dann haben wir all den anderen Menschen zugeschaut, die das machen – und dabei das Leben und ihre Stadt feiern.

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Danach gabs noch ein Eis am Chinesischen Turm. Und als mich ein junger Skater fragt, wo die nächste U-Bahn Haltestelle ist, und ich die Antwort weiß, während im Hintergrund die Blaskapelle spielt, ist mir klar:

Dass meine Familie und ich nach einem normalen Sonntag so strahlen, das schaffst nur Du.

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Denn Du bist nach dem Jahrzehnt, das ich hier verbracht habe, nicht nur meine Heimat, sondern eine absolute Herzensangelegenheit.

In diesem Sinne

Eure Svenja