Ganz werdenIch, auf der Yogamatte

Frauen in den „mittleren Jahren“ mit Kindern werden komisch. Und ich sage euch auch warum. Weil sie in den meisten Fällen so lange nicht ausgelebt haben, was sie ausmacht, dass sie keine Lust mehr haben, darauf zu verzichten. Also fangen sie an zu sticken und zu stricken, Yoga zu machen und Tomaten anzupflanzen. Sie studieren Psychologie oder beginnen zu reiten. Alles, um sich selbst mal wieder zu hören.

Denn oft war das in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren schwierig. Es gibt so viele Bedürfnisse, die wir Frauen vor unsere eigenen stellen MÜSSEN, damit unsere Familie funktioniert. Damit die Karriere des Mannes auf den Weg und das Kind aus dem Gröbsten raus kommt. Wir organisieren Umzüge, Einschulungsfeste und Übernachtungsparties. Meist ganz allein, oft bis tief in die Nacht. Springen ein, wo wir gebraucht werden. Und die Einsatzgebiete sind so zahlreich und verschieden, dass wir uns verdammt oft fragen: „Wo war heute eigentlich Zeit für mich?“

Eine Frage, die wir meist viel zu spät beantworten. Zweimal im Jahr mit Freundinnen ein Wellnesswochenende zu machen, ist nämlich kein Ausgleich für all das Zurückstecken. Eine wirkliche Antwort formulieren wir erst, wenn wir uns endlich wieder Raum nehmen, kreativ zu sein. Nicht im Rahmen vom Adventsbasteln in der Schule, sondern für uns. Um uns wieder „bei uns“ zu fühlen. Einzuatmen, auszuatmen und unseren Körper bewusst zu spüren.

Sorry, wenn das erstmal esoterisch klingt. Aber jeder der trotz Brustentzündung gestillt, trotz Magendarmgrippe einen Kindergeburtstag durchgezogen und trotz komatöser Müdigkeit mit seinem Mann geschlafen hat, weiß, was ich meine.

Das Problem ist: Nicht ausgelebte Kreativität und nicht empfundener Selbstausdruck sind nicht gutartig. Du kriegst vielleicht keinen Krebs, wenn Du länger nicht malst oder schreibst oder auf einer Decke liegst, in den Himmel starrst und Dir Geschichten ausdenkst. Aber Du fühlst Dich ein bisschen wie unglücklich verliebt. Von Dir selbst entfremdet und mit einem großen Verlangen im Herzen.

Es ist nicht einfach, wieder anzufangen. Der Alltag ist ja noch da und alle sind verblüfft, wenn Du Dir plötzlich für solche Dinge Raum nehmen willst. Aber Du hast keine Chance. Du hast auch keine Wahl.

Ich habe irgendwann begriffen: Das Schlimmste, was mir passieren könnte, ist NICHT mit meiner Kreativität und meinem Ausdruck nach außen zu gehen und gedisst zu werden. Es ist NICHT mich zu zeigen in all meinen Farben und dafür nicht von jedem geliebt zu werden. Sondern etwas ganz anderes.

Das Schlimmste was mir passieren könnte, ist mich nicht auszudrücken.

Das, was ich in diese Welt bringen könnte, nicht zu bringen. Das nicht zu tun, was ich innen spüre. Das nicht rauszulassen, was raus will.

Als Scheidungskind ist das eine meiner tiefsten Wunden. Denn wenn mein eigener Vater nicht mit mir zusammenleben will, der mich so gut kennt, dann muss das heißen, dass ich nicht genug bin. Dass irgendwas fehlt und mein Innen nicht schön genug ist.

Durch euch habe ich begriffen: Wir müssen unsere Wunden nicht alleine heilen. Auch ich nicht. Das ist nicht, wie es funktioniert.

Wir werden wieder GANZ im Austausch, im Miteinander. Wir müssen begreifen, dass wir alle im selben Boot sitzen. Dass wir uns alle so gerne trauen würden, mehr wir selbst zu sein. Und GENAU dafür geliebt zu werden.

In diesem Sinne einen wunderschönen Tag

Eure Svenja