Ihr Lieben,

mein Blog ist nicht politisch, aber heute ist mein Herz schwer. So schwer, dass ich kein Bild für euch habe. Denn das Bild, das ich eben gesehen habe und das mein Herz so schwer hat werden lassen – das konnte ich nicht fotografieren. Hätte ich es getan, hättet ihr Folgendes gesehen:

Haufen Beitragsbild

Aber es wäre nur eine Momentaufnahme dessen gewesen, was in Deutschland gerade passiert. Und auch wenn ich privat gerne Momentaufnahmen für euch schreibe, so möchte ich das nicht, wenn es um Politik geht. Anstattdessen möchte ich euch einfach kurz erzählen, warum mein Herz schwer ist.

Heute Morgen kam meine ehemalige Nachbarin Uli vorbei, die ich immer mit Lissys zu klein gewordenen Kleidern beerbe. Uli hat drei Mädels, da sind die Sachen gut aufgehoben. Süß wie Uli ist, fragt sie mich jedesmal: „Wenn ich etwas nicht haben will, darf ich es dann weitergeben?“ „Klar“, antworte ich. „Mach damit,was Du willst.“

Direkt nach unserem Treffen bin ich ins Einkaufszentrum gedüst, um die Geburtsagsgeschenke für meine Kinder zu besorgen. Beide werden diese Woche ein Jahr älter, es war höchste Zeit. Auf dem Weg dorthin komme ich am Gewerbegebiet in Dornach vorbei. Da ist nicht nur meine Stammjoggingstrecke, sondern seit Neuestem auch eine Flüchtlingsunterkunft mit 2.500 Betten.

Und genau dort war eine wahre Völkerwanderung im Gange. Lauter Gruppen von Menschen mit Plastiktüten und Rucksäcken. Sicher 100 Personen. Alle sahen so aus, als kämen sie nicht aus Deutschland.

„Sind heute wieder Flüchtingszüge angekommen?“ war mein erster Gedanke. Auf dem Rückweg dann das gleiche Bild. Wieder in Dornach, wieder Menschengruppen, wieder Plastiktüten.

Und dann sehe ich plötzlich, dass ein Haufen mit Kleidern im Gebüsch ausgebreitet liegt. Nicht so, als hätte sich jemand nach einer langen Reise von zu viel Ballast befreien wollen. Sondern so, als hätte jemand geschaut, was ihm gefällt – und ins Gebüsch geschmissen, was er nicht haben wollte.

Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Ach DESHALB waren die alle in Gruppen unterwegs und hatten Plastiktüten. Die waren sicher bei einer Hilfsorganissation eingekleidet worden. Mein erster Gedanke war: „Das kann ja wohl nicht wahr sein, dass die die Klamotten ins Gebüsch schmeißen.“ Denn irgendwer hat die ja auch gespendet, irgendwer sortiert, gewaschen und ausgegeben.

Dann dachte ich an Uli und daran, dass WIR ja auch unseren Kindern nicht alles anziehen. Sondern aussortieren. Dass das eigentlich ganz normal ist (OK, die Sache mit dem Gebüsch ist natürlich trotzdem daneben). Ich meine, Flüchtlinge sind Menschen. Und Menschen haben Meinungen. Und was weiß ich schon darüber, wie Kleidervergaben funktionieren. Vielleicht bekommt da jeder einfach eine Tüte mit einem Sammelsurium und die Sachen passen teilweise gar nicht. I don’t know.

Haufen 2

Und als würde mir jemand ein Zeichen geben wollen, sah ich kurz danach in meiner Facebook Timeline dieses Bild. Meine Freundinnen Carolin und Christiane haben nämlich heute in der Diakonie am Moosfeld in München Kleiderspenden sortiert.

Viele Spenden sind leider unbrauchbar – da ist von String Tangas über Abendkleidung bis hin zu XXXL Größen alles dabei. Gebraucht werden aber überwiegend Wintersachen in S und M. Alles nicht so einfach. Und wenn ich mir den Müllsackberg anschaue, ist die Realität hinter der schnellen Kleiderspende dann eben doch oft viel „realer“, als wir denken, oder?

Denn die Reise der Kleider endet nicht hier. Das, was für die Erstaufnahmeeinrichtungen als unbrauchbar aussortiert wird, geht an seriöse Hilfsorganisationen. Die wiederum sortieren, waschen und die Sachen an andere Bedürftige – auch in anderen Ländern – weitergeben. Ihr seht schon: Das was bei mir am Straßenrand lag, hatte wahrscheinlich eine ellenlange Backstory.

Haufen_1Carolin und Christiane – you rock!

Während ich also über all das nachdachte, wurde mir mit einem Schlag klar, wie wichtig es ist, dass wir in Zukunft auch Hilfs- und Unterstützungs- und Menschlichkeitsangebote machen, die auf einer viel persönlicheren, individuelleren Ebene stattfinden.

Die ein wirkliches kulturelles Miteinander und Verständnis ermöglichen. Wo die, die neu hier sind, etwas über unsere Gegebenheiten lernen. Darüber, was in unserer Kultur als „normal“ gilt und an welche Regeln man sich halten sollte, um andere nicht vor den Kopf zu stoßen. Aber eben auch, was alles möglich ist, wenn man sich in unserer Kultur zurechtfindet. Wie viele Chancen es gibt.

Und wir, die schon länger da sind, müssen vielleicht ERSTMAL schlucken, wenn wir einen Haufen Klamotten am Wegesrand liegen sehen. Aber lasst es uns DANN verstehen, einordnen und vom Besten im Menschen ausgehen. Nicht vom Schlechtesten.

Wir dürfen und müssen immer wieder mit offenen Herzen dastehen. Machen, anstatt zu lamentieren. Zuhören, anstatt vorzuschreiben. Unterstützen, anstatt maßzuregeln. Und einfach miteinander SEIN.

So geschehen neulich im Kinderkunsthaus, das Flüchtlingskinder mit offenen Armen empfängt.

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„17 Flüchtlingskinder haben heute mit der Stiftung Sternenstaub von Valerie Todenhöfer, begleitet von ehrenamtlichen Helfern der Muslime in München das ‪#‎Kinderkunsthaus‬ München besucht. Wir haben die Kinder in ihrer Unterkunft im Münchner Norden abgeholt und auch wieder zurück gebracht.

Diese Kinder haben in ihrem kurzen Leben schon so viel Schlimmes erlebt, das merkt man jedem Kind an. Die Kinder waren unglaublich dankbar und glücklich, da zu sein. Und so stolz auf ihre erste selbstgebastelte Laterne und ihre Kunstwerke. Am Schluss gab es strahlende Gesichter und ein Servus und Danke für uns. Für uns alle ein sehr bewegender Nachmittag.“

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DAS rührt mich. DAS finde ich toll. Und ja: Ich glaube, dass es in Deutschland ganz viele wunderbare Menschen gibt, die Menschlichkeit leben.

Ihr könnt aus diesem Post mitnehmen, was ihr wollt. Ich weiß, es gibt dazu tausend Meinungen. Meine  ist diese: Ich möchte in einem Land leben, in dem Menschen und ihre Bedürfnisse Ernst genommen werden und in dem sie sich frei entwickeln können. Nicht Deutsche, nicht Flüchtlinge, sondern MENSCHEN.

Deshalb habe ich kein Foto für euch gemacht von dem Haufen Klamotten am Straßenrand. Weil es so leicht ist, eine Meinung zu haben. Und manchmal so schwer, sich einen Haufen Gedanken zu machen.

In diesem Sinne

Eure Svenja