Meine Erfahrung mit afghanischen Jugendlichen – von Gastautor Moe Bazooband

Ich heiße Mohammed Bazooband, genannt Moe. Ich bin 40 Jahre, habe 3 Töchter, bin persischer Herkunft und lebe seit 34 Jahren in Deutschland. Ich bin Pädagoge und leite ein privates Kinderheim im schönen Schleswig-Holstein. In Nordfriesland habe ich auch meine Kindheit und Jugend verbringen dürfen.

Da mein Bruder Ali und ich die ersten fünfeinhalb Jahre unseres Lebens in den USA aufwuchsen, war unsere „Muttersprache“ nicht Persisch, sondern Englisch. Amerikanisches Englisch. Ich betone das, weil wir in der Grundschule deshalb anfangs Kommunikationsschwierigkeiten hatten. Nicht etwa weil wir Perser waren. Doch die liebe Frau Schaumann, meine sehr süße, herzliche und etwas ältere Klassenlehrerin, war eben auf „british“ eingestellt.

Die persische Sprache lernten mein Bruder und ich erst nach Nord- und Plattdeutsch. Immer am Wochenende, zwei bis drei Stunden, so nebenbei.

„Baba, was soll ich denn damit?“ sagte ich zu meinem Vater. Mein „Baba“ konterte mit dem „Das-sind-deine-Wurzeln“-Argument.

Mein Bruder und ich haben sehr schnell Deutsch gelernt. Ja, wir waren auch fleißig zu Hause. Haben viel in unserer Freizeit gelernt. Denn unsere Eltern haben uns von Anfang an gesagt: “Ihr Süßen, wenn ihr euch hier schnell wohlfühlen wollt, dann müsst ihr deren Sprache sprechen – also lernt…Bitte!“

Dass ich dann innerhalb von zwei Monaten fließend Deutsch sprechen konnte lag vor allem an Pia, einem Mädchen in meiner Klasse, in das ich mich Hals über Kopf verliebte. Ich lernte die Sprache schnell, um mit ihr sprechen zu können. Hatte dann aber ehrlich gesagt erstmal jahrelang nicht den Mut, mit ihr zu reden.

Doch der Hauptgrund, weshalb mein Bruder und ich sehr schnell Deutsch lernten (samt Plattdeutsch – man bedenke, dass die bekanntesten Rummelpott-Lieder zu Silvester „op platt“ sind) ist, war aber dieser: Wir durften in einem Milieu der offenen Menschlichkeit gedeihen.

Ja, die Nordfriesen waren anfangs sehr zurückhaltend und murmelten viel vor sich hin. Aber wenn sie einen mochten, dann leidenschaftlich und für immer und ewig! Wir waren viel von Menschen umgeben, die freundlich, kommunikativ und empathisch waren.

Klar, einige waren natürlich genau das Gegenteil. Aber gefühlte neun von zehn Menschen waren offen und hilfsbereit. Als Kind hatte ich zwar nicht das Gefühl, dass ich voll integriert bin – also so integriert wie die Petersen-Kinder oder zwei Häuser weiter die Carstensen-Kinder. Aber die Nordfriesen haben mir auch nie das Gefühl gegeben, unerwünscht, fremd oder lästig zu sein.

Deshalb entwickelten sich in meinem kleinen Kopf keine Blockaden und keine Ängste. Denn dass ich mich nicht traute, meine Grundschulliebe Pia anzusprechen, hatte selbstverständlich andere Gründe ;-)

Nichts behinderte mein Lernmilieu. Ich fühlte mich frei und irgendwie nordfriesisch. Entspannt, gelassen und geerdet.

Aber wie kam ich nun in Berührung mit meinen afghanischen Jugendlichen?

Moe

Seit mittlerweile 13 Jahren bin ich sehr nah dran an Kindern und Jugendlichen. Ich versuche ihnen Halt, Wärme, Geborgenheit und eine Perspektive zu schenken. Das ist der Job eines Pädagogen und ich liebe diesen Job.

Ich liebe es zu sehen, wie sich diese kleinen Wesen, die oft viele Beziehungsabbrüche und viel Leid hinter sich haben, zu selbstwirksamen, lebensbejahenden jungen Menschen entwickeln. Das schaffe ich natürlich nicht alleine, sondern habe ein tolles Team hinter mir.

Moe(2)Moe und Simone

Meine Frau Simone ist die Hauslehrerin unserer Einrichtung und hilft den Kindern und vor allem den Lehrern dabei, Schulängste abzubauen. Und stellvertretend für alle anderen wertvollen Mitarbeiter: Ole, ein junger Erzieher, der von oben bis unten tätowiert ist und den Kindern ungemein viel Liebe, Originalität und Authentizität schenkt.

Die Arbeit mit den Kindern fühlt sich jeden Tag wertvoll an. Aber machen wir uns nichts vor – sie ist auch kräftezehrend. Denn wir haben es mit jungen Menschen zu tun, die in ihrem Leben kaum Verlässlichkeit, Liebe und Wärme erfahren haben. Daraus resultiert oft eine egozentrische Überlebensstrategie, der emotionale Überlebenskampf der Einzelperson. Angeeignet aus dem Mangel heraus, um nicht unter die Räder zu geraten bei der emotionalen Kälte und Gleichgültigkeit in der Herkunftsfamilie.

Es dauert zwischen drei und acht Jahre, bis diese jungen Menschen ihre alten Verhaltensmuster ablegen. Das Lebensmotiv des nackten emotionalen Überlebenskampfes hinter sich lassen und sich wieder wirklich auf Menschen einlassen können.

Acht von zehn Kindern schaffen es. Sie sind mit sich und ihrer Vergangenheit im Reinen. Das ist ein sehr guter Schnitt. Vor allem wenn man bedenkt, wie lange es selbst bei uns „Nichtheimkindern“ dauert, unser junges Leben sorgenfrei zu starten. Wenn es denn überhaupt klappt.

Um den jungen Menschen so einen Start zu ermöglichen, müssen wir Pädagogen, Erzieher und Lehrer sehr viel Energie aufbringen. Manchmal sind wir so erschöpft wie nach zwei Stunden härtestem Krafttraining im Fitness-Center. Nur dass sich unsere Aufgabe eben Tag für Tag so anfühlt. Nicht nur körperlich, sondern auch emotional.

Vor zwei Monaten bekam ich nun einen Anruf eines ranghohen Verwaltungsbeamten des Kreises. „Herr Bazooband, Sie sind doch Perser, äh Deutscher, na ja, Sie wissen schon. Und Sie sind doch Fachkraft für Traumatologie und so… Könnten Sie uns helfen?“

Wie immer – und das kann oft schlimm enden – erwiderte ich : „Na klar!“. Ohne überhaupt zu wissen, was in welcher Dimension auf mich, meine Mitarbeiter und vor allem auf meine Familie zukommen würde.

Da ich in einem Gebäude aufgrund von Konzeptänderungen noch sieben Plätze frei hatte, beschloss ich zunächst einmal fünf afghanische Jugendliche aufzunehmen. Afghanen, weil ich irgendwo gehört hatte, dass sie Farsi sprechen – oder zumindest eine verwandte Sprache. Und ich doch vor über 30 Jahren mit „Baba“ auch diese Sprache gelernt hatte. „Das kann doch nur gut sein!“, dachte ich.

Es kam der Tag, an dem ich die Jugendlichen in einer Erstaufnahmestelle in Flensburg abholte. Es roch streng. Ich sah viele junge Menschen, die verschreckt, erschöpft und perspektivlos wirkten. Als ich sie mit meinem nordfriesisch angehauchten Persisch begrüßte – und das war wohl das Letzte, was sie in Flensburg erwarteten – sprangen mehrere auf. Ihre Augen waren feucht benetzt vor Freude. Voller Hoffnung, dass nun ein Mensch kommt, der ihre Sprache spricht. Und auch die von Thomas, Katrin und Dörte, die sich bis dahin liebevoll um diese gezeichneten, gebrochenen Menschen kümmerten.

Moe(1)Sami und Moe in der Schwimmhalle

Vorgestern sagte einer dieser Jungen, den ich an diesem Tag vor eineinhalb Monaten abholte: „Amu (so nennen sie mich liebevoll, das bedeutet „mein lieber Onkel“ auf Persisch). Wir sind durch all dieses Leid gegangen. Wir haben den Tod vor Augen gehabt und wurden damit belohnt, dass wir dich kennen lernen durften! Allah o akbar, das war Gottes Wille!“

Je länger ich mit den Jugendlichen zusammen war, desto mehr lernte ich Menschen kennen, die MIR bedingungslos Liebe, Geborgenheit und noch mehr Lebensfreude schenkten. MIR, dessen Job es doch war, IHNEN genau das zu geben – und nicht etwa zu erhalten!

Moe(5)Naweed und Sami vor dem Fitnessstudio

Ich möchte heute nicht die Geschichte ihres Leides erzählen. Vielleicht ein anderes Mal. Aber ich möchte die Geschichte erzählen, dass es diese jungen Männer sind, vor denen Menschen wie Du und ich oft Angst haben. Vielleicht weil vieles so unerklärlich und befremdlich wirkt.

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Doch genau diese jungen Männer leben die christlichen Werte, die in unserer (denn ich gehöre auch dazu) deutschen Kultur als essentiell erachtet werden. Und sie halten sie mir jeden Tag vor Augen.

Moe(6)Ahmad, der Stolze, im Bowlingcenter

Diese jungen Männer, Samiullah, Mustafa, Ahmad, Naweed und Basir, sind es, die IN MIR die Religiosität, die Ur-Liebe, die Barmherzigkeit und die Christlichkeit wieder belebt haben.

SIE sind es, die mir gezeigt haben, dass man nichts am Leib tragen braucht, um die Liebe in einem Menschen zu entfachen. Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor?

Ich denke: GENAU DAS ist Christentum. Sie leben unsere Werte. Sie schenken uns bedingungslose Liebe und wir stehen da mit offenem Mund und fangen an zu glauben!

Deshalb möchte ich alle wundervollen Menschen unter uns um etwas bitten. Die, die das Fremde nicht hassen, aber vielleicht Ängste und Bedenken haben gegenüber Flüchtlingen oder anderen fremden Menschen und Kulturen.

Macht es wie die Nordfriesen – begegnet diesen Menschen mit Freundlichkeit, Offenheit, Herzlichkeit, Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit. Schafft ein Milieu des Zusammenseins.

Nur weil ihr mich vor 34 Jahren so aufgenommen habt, konnte aus dem kleinen Mohammed ein Erwachsener Mohammed gedeihen. Einer, der das Land und die Leute lieben gelernt hat. Der nicht nur ein Teil der deutschen Kultur ist. Sondern der mit seiner ganzen Herzenswärme und allem, was ihm möglich ist, versucht einen Teil dieser deutschen Kultur positiv zu prägen.