Ihr Lieben,

die amerikanische Talkmasterin Oprah Winfrey fragt ihre Interviewpartner oft diese eine Frage: „What do you know for sure?“ Heißt übersetzt so viel wie: „Bei was bist Du Dir ganz sicher? Was hast Du in diesem Leben gelernt? Was ist die Essenz all Deiner Lebenserfahrungen?“

Genau diese Frage möchte ich heute für euch beantworten. Denn für mich hat sich in den letzten Tagen eine Ereigniskette aufgetan, die mich stringent zu dieser einen Erkenntnis geführt hat. Zu meinem Elixier.

Vielleicht habt ihr heute Morgen meinen Post zur neuen Buchverlosungswoche gelesen. Der Knesebeck Verlag hätte durchaus einen fröhlicheren Auftakt verdient. Aber was sollte ich tun? Das war mein erster Post nach dem Freitag von Paris. So nenne ich ihn. Den Freitag von Paris. Denn was woanders auf der Welt an diesem Freitag passiert ist, habe ich nicht wahrgenommen.

Davon erfahren habe ich in der Lobby des Ibis Hotels Arnulfpark, hier in München. Da saß ich mit meinen Bloggerfreundinnen Sue und Stephie. Wir waren – wie alle um uns herum – sprachlos. Das Lauteste waren die Incoming Messages der Französin, die sich zu uns setzte. Ihr Telefon stand nicht still und ihre Sorgenfalten waren tief. Und mir fehlte mein Mann, der fließend Französisch spricht und ihr beigestanden hätte.

Am nächsten Morgen sollte das starten, worauf ich mich seit Wochen gefreut hatte. Mein „Erfolgreich bloggen“ Seminar hier in München. Die Idee, mein Seminar für ein Gastspiel nach Bayern zu verlegen, hatten Carolin, Christiane und ich gemeinsam entwickelt. Wir alle brachten tolle Frauen mit und so wusste ich schon vorher, dass die Runde sehr inspirierend sein würde.

Und auch wenn einige von uns nach der Parisnacht wenig geschlafen hatten und mit rotgeweinten Augen dort saßen – wir wollten zusammen was bewegen.

Meine Begrüßung startete ich mit dem Dank, dass ich GERADE DIESEN Tag im Kreis von Frauen verbringen darf, die etwas reißen wollen. Die Lust haben auf Lernen und Wachstum, auf Offenheit und Austausch. Und damit alle Werte vertreten, die die Attentäter von Paris der Menschheit nehmen wollen.

Ich war froh, dass ich gerade an diesem Tag gestärkt wurde von positiver Energie, die nach vorne drängt. In einem Raum war, wo Angst keine Chance hat.

for sureDanke (von oben links) Kristin, Sue, Adriane, Cornelia, Eva, Katja, Stephie, Carolin, Bea, Svenja, Christiane, Julia, Julia und Martina.

Also haben wir mit dem Seminar angefangen und ich habe erzählt, wie ich blogge und warum ich erfolgreich bin und wie ich alles im Hintergrund analysiere. Wie ich jeden Morgen um 4:30 aufstehe, mir neue Formate ausdenke und Texte. Wie ich versuche, mich permanent weiterzuentwickeln und auf die Besucherzahlen schaue und daraus neue Strategien ableite. Strategien, die unter anderem dazu führen, dass meine Leserzahl in den letzten knapp 9 Wochen von 64.000 Lesern nach der Sommerpause auf 135.000 Leser heute Morgen gestiegen ist.

Und während ich das alles erzähle und merke, dass vielen vorher nicht bewusst war, wie viele Überlegungen hinter so einem nach außen „leicht“ wirkenden Blog stecken, meldet sich Julia zu Wort und stellt mir diese einfache Frage.

Was treibt Dich eigentlich so an, dass Du an diesem Erfolg so hart arbeitest?

Und während sie noch weiterspricht und ich weiß, ich sollte eigentlich zuhören, schießen mir die Tränen in die Augen. Denn eigentlich hat sie mich gefragt: „What do you know for sure?“ Und die Antwort darauf ist ganz einfach. Deshalb gebe ich sie ihr auch.

Mein Vater hat meine Mutter verlassen, als ich acht war. Wir standen da, ganz allein. Meine Mutter ohne Anstellung, wir Kinder ohne Vater und wir alle ohne Geld. Ich werde dieses Gefühl nie vergessen. Alles zu verlieren. Keinerlei Sicherheit mehr zu haben. Oder anders gesagt: Alles, was vorher sicher und for sure war innerhalb einer Sekunde auf Nimmerwiedersehen zu verabschieden. Zu wissen, dass NICHTS mehr sein wird wie vorher. Und noch nicht zu wissen, was dieses Trauma mit mir machen wird.

Wie oft ich eine harte Schale tragen werde, um mich zu schützen. Etwas sagen werde, was andere verletzt, weil ich es nicht mehr schaffe, mich zu öffnen. Mit Männern schlafen werde, die mich nicht wirklich lieben, auf der Suche nach einer falschen und vergänglichen Geborgenheit. Weil mich dieses Verlassen werden und dieses Wegnehmen des Urvertrauens so bis ins Mark erschüttert, dass ich mein ganzes Leben lang brauchen werde, um diese Wunden zu heilen. Denn das geht nur, wenn ich mutig genug bin, sie allen zu zeigen. Sie nicht mehr zu verstecken und sie zu einem Teil meines Lebens zu machen.

Denn das sind sie. Ein Teil meines Lebens. Und sie treiben mich unglaublich an. Ich schreibe Bücher über Kinderspiele, weil meine Kindheit von einem Tag auf den anderen vorbei war. Ich blogge über Rezepte, weil ich mir nach der Scheidung meiner Eltern mittags oft selbst was kochen musste und es auch alleine gegessen habe. Weil ich auch abends nicht mit der Familie am Tisch saß, sondern meine Mutter um neun mit dem Auto aus einer fernen Stadt kam. Die lag zwei Fahrstunden entfernt, aber wenigstens hatte Mama wieder Arbeit.

Ich gebe Frauen mein Wissen über das Bloggen weiter, weil ich verstanden habe, dass wir jederzeit die Fähigkeit besitzen müssen, unser Schicksal selbst zu bestimmen. Unser Leben selbst in die Hand zu nehmen. Uns neu aufzustellen.

Vielleicht wirkt meine Themenvielfalt für euch manchmal konfus. Für mich ist sie es nicht. Denn all meine Themen kommen direkt aus meinem Trauma.

Gäbe es das Trauma nicht, hätte ich auch meinen Mann nicht geheiratet. Er ist der Erste, der mich für das liebt, was ich bin. Er ist der Erste, der sich die Mühe macht, genau hinzuschauen und der mich mit all den Verletzungen annimmt, die mich ausmachen.

Der meine Ungerechtigkeit erträgt und meinen Zorn, weil ich so kämpfe, um mich selbst. Der mich im Ganzen sieht. Die Leichtigkeit, das Talent, die Inspiration und alles was ich zu geben habe genauso wie das mir-selbst-im-Weg-stehen und das mich-nicht-öffnen-wollen.

Manchmal schickt mir dieser Mann eine Mail oder eine SMS oder eine Sprachnachricht und schon seine Betreffzeilen erschüttern mich im Mark. Denn er macht nicht Halt vor der Mauer, die ich gebaut habe. Er will, dass ich so groß bin, wie ich sein kann, wenn ich alle Ängste und all die falschen Glaubenssätze ziehen lasse.

Auf Facebook habe ich den Post einer jungen Frau gelesen, die in dem Pariser Konzertsaal war, als das Undenkbare geschah.

„As I lay down in the blood of strangers and waiting for my bullet to end my mere 22 years, I envisioned every face that I have ever loved and whispered I love you. Over and over again. Reflecting on the highlights of my life. Wishing that those I love knew just how much.“

Puh. Wishing that those I love knew just how much.

Uwe, Du bist so weit vorne, dass ich oft nicht hinterherkomme. Du bist so offen, dass ich mich frage, wie das geht. Du bist mein Elixier und mein sicheres Zeichen, dass Gott mich wirklich liebt. Und wenn ich mir nur eins wünschen könnte, dann wäre es, dem Bild was Du von mir in Deinem Herzen trägst, schon heute ähnlicher zu sein.

Dieses Lied ist für Dich, weil Du nicht geduldig, sondern kompromisslos auf die wartest, die ich eigentlich bin. Und mich währenddessen als die liebst, die ich jetzt schon sein kann.

Deine Svenja