Ihr Lieben,

alles fing damit an, dass ich gestern ein Interview mit Jesper Juul im Standard las. Eigentlich ging es um ADHS – etwas womit ich wenig Berührungspunkte in meinem Leben habe. Aber plötzlich ging es um mich.

„Ich werde sehr oft gebeten, in meinen Vorträgen etwas zur sogenannten Work-Life-Balance zu sagen. Wenn ich das mache, dauert es zwei Minuten, und keiner will es hören: Die Erwachsenen stehen heute vor einer existenziellen Frage, die im Prinzip einfach ist. Sie lautet: Will ich so ein Leben führen? Will ich gestresst sein, keinen Sex mehr haben und dass dieses System nur deshalb funktioniert, weil wir so gut organisiert sind? Das muss sich ein erwachsener Mensch nämlich fragen. Wenn er zum Ergebnis kommt, dass er so leben will, dann hat das eben seinen Preis. Leider auch für die Kinder. Wir sehen heute, dass die Menschen, die so leben, sich nach acht, neun Jahren trennen, weil sie das Tempo nicht aushalten.“

„Wow“, dachte ich. „Herr Juul kennt die Hälfte der Menschen, die ich kenne. Und mit meinem Mann hat er auch schon gesprochen.“

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Nicht dass wir kurz vor der Trennung ständen. Aber dieses „Wir kommen zu kurz, oft auch als Paar“ ist etwas, was hier wöchentlich auf dem Gesprächsplan steht. Ich könnte das jetzt schön reden oder schön schreiben oder besser noch: verdrängen. Eine Zeitlang geht das sicher. Acht oder neun Jahre kann das ja offensichtlich funktionieren. Danach geht dann einer fremd oder trennt sich oder wird dicker, dünner, läuft Marathon, geht abends mehr aus und kauft sich ein neues After Shave oder halterlose Strümpfe.

PUH.

Schauen wir noch mal genauer hin. Was sind Jespers Kernsätze? Denn es geht ja um mehr als nur um Sex- oder Nähelosigkeit.

„Will ich so ein Leben führen? Will ich gestresst sein, keinen Sex mehr haben und dass dieses System nur deshalb funktioniert, weil wir so gut organisiert sind?“

Klar, unser Leben IST sehr stressig geworden. Und ich rede jetzt nicht von dem „Wir kriegen Kinder und gehen arbeiten und wollen an allen Fronten gut performen“-Stress. Ich rede vom Stress der Welt. Mein Mann nennt das in unseren Gesprächen oft „Pre-war-time“. Und manchmal halte ich es kaum aus, wenn er diesen Ausdruck benutzt.

Ihr wisst ja, wie ich das Internet liebe. Aber diese rasend schnelle Entwicklung aller Kanäle bringt eben auch viele Gefahren mit sich. Nicht nur die Intimität von Ehen ist under attack. Auch die seelische Gesundheit unserer Kinder. Die Entwicklung ihrer Kreativität, das Aushalten von Langeweile, das sich selbst Finden und Kennenlernen.

Alles schwierig, wenn es so einfach ist, sich permanent berieseln zu lassen, auf Minecraft abzuhängen und noch eine Epsiode mit Gronkh, einem der bekanntesten Let’s Player zu schauen. Und mei, wir gönnen es unseren Kindern ja. Bei DEM Stress in der Schule sollen sie doch nachmittags ein bisschen chillen können, oder?

Die Frage ist nur: Wo ziehen wir die Grenze? Und welche nicht absehbaren Gefahren lauern eigentlich hinter den iPad Bildschirmen? Ihr kennt mich, ich bin all against Panikmache, aber voll für Aufklärung.

Als mein Sohn mir das erste Mal erzählt hat, was er sich mit einem anderen Gamer bei Clash of Clans geschrieben hat, war ich erschrocken. Damals wusste ich noch nicht mal, dass es bei solchen Spielen Chatfunktionen gibt. Ich meine, wir reden hier von meinem Sohn, der kein Smartphone und keine Mailadresse besitzt. Der kann ja nicht von Fremden online angesprochen werden. Wie naiv das von mir gedacht war – und wie weit verbreitet dieses Denken ist!

Sicherlich nicht, weil wir uns nicht informieren WOLLEN. Aber mein Gott: Über was sollen wir uns denn noch alles informieren?

Die Frage hätte ich besser nicht gestellt. Denn auf der Suche nach Antworten las ich heute Morgen diesen Artikel im New York Times Magazine. Über junge Frauen, die auf Twitch (einer Plattform, auf der man anderen beim Spielen von Games zuschauen kann) eigene Kanäle hatten. Und dort an einen Stalker gerieten, der sich einen Spaß daraus machte, ihnen SWAT Teams nach Hause zu schicken.

Die Frauen, die eigentlich nur online Spiele gespielt hatten, sahen sich also plötzlich einem bis unter die Zähne bewaffneten Sondereinsatzkommando gegenüber. Sie öffneten die Tür und schauten in lauter auf sie gerichtete Gewehrmündungen. Um das zu verhindern hätten sie ihrem Stalker natürlich noch mehr Nacktbilder schicken können. Talk about being traumatized. (Der Artikel ist absolut lesenswert und verdammt gut recherchiert.)

Merkt ihr, wie sich im Laufe dieses Posts der Stresslevel graduell erhöht? Ich meine: Eben dachten wir noch, es ginge „nur“ um die fehlende Intimität unserer Ehen. Jetzt geht es schon darum, dass wir in einem System leben, das Intimität generell nicht fördert. Kriminalität aber schon.

Wie niedlich dagegen das „Wall Street“ Ellenbogengehabe von Gordon Gekko anno 1987 anmutet! Da waren Schurken noch Schurken und man erkannte sie am zurückgegelten Haar.

Apropos andere Zeiten: Wie gut so eine Retrospektive der good old times tut, erfuhr ich dann ein paar Minuten später beim Guardian.

Da ging es um ein paar Häuser im Frank Lloyd Wright Stil in der Nähe von San Francisco. Die hatte ein pfiffiger Mann namens Eichler Mitter der 60er Jahre entwerfen lassen und in Kalifornien im großen Stil verkauft – und den Besitzern dort den amerikanischen Traum ermöglicht. Denn nicht nur, dass die meisten Bewohner sich so wohl in ihren Häusern fühlten, dass sie dort ihr Leben lang wohnen blieben. Da war noch mehr. Da war Gemeinschaft.

Betty Toole, die hier ihre Familie großgezogen hat, schildert das so:

“Es ist unglaublich, dass wir uns seit 45 Jahren gegenseitig zum Abendessen einladen. Unsere Kinder haben zusammmen in dieser Straße gespielt. Dann sind sie zusammen zur Uni gegangen. Jetzt sind sie erwachsen und versuchen uns dazu zu bewegen, aus diesen Häusern auszuziehen, damit sie endlich wieder einziehen können.“

Tut euch das auch so gut? So eine nostalgische Geschichte zu hören, die von einer Community handelt? Von gelebter Gemeinsamkeit und menschlicher Verbundenheit?

Und dann kam dieser Abschnitt, den ich euch auf Englisch stehen lasse, denn er traf mich mitten ins Herz. Ein 93 Jahre alter Anwohner spricht über das Amerika der 50er Jahre.

San Francisco was “magnificent” in the 50s, says Perloff, who is “93 and a half”, though he looks a good 20 years younger. He swims naked in his pool every morning. “It had everything young people could want: bohemians, a great artists’ colony, poetry, Allen Ginsberg, Mort Sahl, beautiful unbuilt vistas.”

Ich weiß nicht, was es genau ist, dass mich diese Zeilen so berühren. Die Tatsache, dass ein alter Mann aus unserer modernen Zeit auf „seine“ Zeit zurückschaut. Das Gefühl, dass „alles, was junge Menschen sich wünschen konnten“ heute kaum noch Bedeutung in unserem Leben hat (oder von Terroristen gezielt attackiert wird). Oder dass sich der Kreis von dem 93-jährigen zum Anfang meines Posts und damit zu Jesper Juul so lückenlos schließen lässt.

Wer will schon ein Leben innerhalb eines Systems führen, das nur funktioniert, weil es gut organisiert ist. Ich jedenfalls nicht.

Ich will nicht auf Kunst, Kreativität und Sex verzichten, weil ich funktionieren muss. Ich will auch nackt im Pool schwimmen. Jeden Morgen für den Rest meines Lebens. Mich lebendig fühlen und eine wirkliche Verbindung zu denen aufnehmen, die ich liebe.

Wisst ihr, ich hätte es mir auch einfach machen können heute Morgen. Hätte auf Amazon Prime die neue Folge von „The Affair“ schauen können. Mich berieseln lassen können von einer Serie, in der es darum geht, dass eine Ehe aus all den Jesper Juul Gründen nicht mehr funktioniert. Hätte da sitzen können und mich gut fühlen können, weil meine ja noch besteht.

Anstatt dessen habe ich für euch geschrieben. Denn mal ganz ehrlich: Ich glaube aus dieser Nummer kommen wir nur alle gemeinsam raus. Not all is lost.

In diesem Sinne einen innigen ersten Advent

Eure Svenja