Ihr Lieben,

das ist spannend. Ich dachte ich komme zurück, blogge wie immer und stürze mich wieder ins Onliner-Leben. Weit gefehlt. Denn Social Media macht mich aggressiv. Und deshalb muss ich damit aufhören.

Angefangen hat das vor knapp einem Jahr, als ich gemerkt habe, dass mich die Geburtstagsanzeigen auf Facebook nerven. „Dein Freund XY hat Geburtstag“. Und schon wird mir suggeriert, dass ich ihm jetzt gratulieren muss. Das Problem ist aber, dass ich nicht will.

Ich will auch nicht sagen müssen „Ich habe Deinen Geburtstag vergessen“, wenn ich einen Tag zu spät dran bin und sich das Geburtstagskind bereits überschwänglich für die zahlreichen Glückwünsche in der Timeline bedankt. Warum? Weil ich diesen Mensch a) weder persönlich kenne noch b) jemals wusste, wann sein Geburtstag ist und c) diesen deshalb gar nicht vergessen haben kann.

Innerhalb des letzten Jahres ist mir immer klarer geworden, weshalb mir Social Media so auf den Sack geht (sorry, aber das trifft es so gut). Weil Social Media falsche Tatsachen vorspiegelt und wir uns deshalb in Verhaltensweisen wiederfinden, die uns nicht gut tun. Irgendwann habe ich das schon mal geschrieben: Wir sind nicht mehr auf dem Schulhof und können nicht mehr jeden Tag in der Pause mit unseren Peers abhängen. Wir haben alle ein normales Leben – und wenn es dauernd von „Hi, wie geht es Dir“ und „Was ich Dir unbedingt noch erzählen muss“ gestört wird, nervt das total. Aber es kommt noch viel dicker.

Neulich fuhr ich mit dem Bus. Vor mir stand eine junge Frau mit Kinderwagen, vertieft in ihr Smartphone. Ihre vielleicht  einjährige Tochter machte bei dem Versuch, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, ein Geräusch, das mir durch Mark und Bein ging. Ein schepperndes, hohes, kräftiges „Eh!“ – mit viel Luft explosiv rausgedrückt. Wahrhaft ein Ton, den ich noch nie bei einem Kind gehört hatte. Eher eine Mischung aus Lauten, die man an einem Affenhügel erwartet und dem, was ein Vorarbeiter beim Bau loslässt, wenn er sieht, dass einem Kollegen gleich ein Stahlträger auf den Kopf knallt.

Schlagartig war mir klar: Diesen Ton hat das Kind erfunden, weil es der einzige ist, mit dem es zu seiner Mutter vordringen kann, wenn die sich mit dem Handy beschäftigt. Die Reaktion der Mutter: Sie durchschnitt mit ihrer Hand die Luft, wie um zu sagen „Es reicht!“ und wendete sich so ab, dass das Kind nicht mehr sehen konnte, ob sie am Smartphone ist. Daraufhin verdrehte das Kind wie wild seinen Kopf, um irgendwie wieder in Sichtkontakt zu treten – und macht dabei immer wieder das Geräusch.

Ich war baff. Da war ein Kleinkind, das seine Sprache schon jetzt dem Phänomen der Technikversunkenheit anpasste – bevor es überhaupt sprechen konnte. Moment mal – war das ein Déjà-vu? Ich begann auf meinem eigenen Blog zu stöbern und entdeckte einen Post von 2011 in dem stand:

Andererseits sah ich neulich beim Mediamarkt eine Frau, die sich null um ihr Kind im Buggy kümmerte. Das Mädchen war vielleicht anderthalb, die Mutter Anfang 20. Obwohl das Mädchen nonstop jammerte, beugte sich die Mutter nicht einmal zu ihr runter, sondern steuerte völlig desinteressiert durch die Regalreihen. Irgendwann war es der Mutter wohl zu anstrengend und sie reichte dem Mädchen – wieder ohne es anzuschauen – ihr Handy. Die Kleine war SOFORT komplett still und drückte gekonnt auf den Knöpfen herum und hatte offensichtlich bekommen, was sie wollte. AUFMERKSAMKEIT. Nur dass es nicht die Zuwendung durch ihre Mutter war, sondern die durch ein technisches Gerät. Das war spooky und erschreckend gleichzeitig.

Gebannt las ich weiter und fand heraus, dass ich schon damals das Gefühl hatte, dass wir in die Facebook Falle rutschen. Viele von euch haben mir als Antwort auf meinen Happy to be back Post geschrieben, dass auch sie keine Lust mehr haben, ihr eigenes Leben dauernd zu verpassen, weil sie online sind. Ich glaube dahinter steckt noch viel mehr.

Durch die Like-Kultur erziehen uns die Netzwerke dahin, dass wir uns unhöflich fühlen, wenn wir kein Feedback geben. Eben als würden wir im Schulhof in einer Runde stehen, jemand erzählt etwas und wir geben ihm dann keine „soziale Antwort“. Äußern keine Zustimmung, keine Ablehnung, spenden keinen Beifall. Wir tun einfach so, als ob er nie etwas gesagt hätte. Aber niemand will sich so fühlen, als würde er extra jemandem NICHT zuhören – oder nicht zum Geburtstag gratulieren.

Tatsächlich bin ich aber gar nicht unhöflich, wenn ich nicht alle Facebook Einträge in meiner Timeline like. Nicht alle Posts meiner Bloggerkolleginnen lese. Nicht weiß, was gerade trendet und welches Video viral geht. Ich bin noch nicht einmal nicht up to date, sogar beruflich nicht. Denn mein Wissen über soziale Netzwerke nährt sich nicht aus dem täglichen Abhängen auf sozialen Netzwerken. Sondern aus einer Mischung vergangener Erfahrungen und Interaktionen, Common Sense und Fachartikeln.

FOMO (fear of missing out, also die Angst was zu verpassen) ist als grundlegender Bestandteil in die Netzwerke eingeflochten, ist Teil ihrer gewollten Architektur. Genauso wie Momente, in denen wir Dopamin ausschütten, ein Bestandteil vieler Apps ist. Damit wir sie möglichst oft nutzen und viel Zeit mit ihnen verbringen.

Und jetzt? Poste ich zwar weiterhin meine Blogartikel auf Facebook, teile auch noch Bilder auf Instagram und Pinterest. Aber ich fühle mich nicht mehr schlecht, wenn ich den Feed nicht lese und nicht weiß, was andere posten. So wie ich meine Mails eben nur noch einmal die Woche beantworte, so nutze ich Social Media jetzt, wie ICH es will – und nicht wie andere es von mir erwarten. Denn der Preis für „normales“ Social Media Verhalten ist mir zu hoch. Sorry – aber ich bezahle nicht mit Lebenszeit. Das ist keine Währung.

Wer bei diesem Thema tiefer einsteigen möchte – diese drei Videos fand ich spannend und informativ:

1.) Dr. Cal Newport war nie auf Social Media und es hat seiner Karriere nicht geschadet – im Gegenteil. Er rät dazu, Social Media sein zu lassen, um wieder Platz für tiefergehendes Arbeiten mit mehr Substanz und Fokus zu haben.

2.) Zwei Größen ihres Fachs – Seth Godin und Gary Vaynerchuck – sprechen über die Zukunft des Internets. Ok, das ist echter Nerdy Talk und schnell und auf Englisch und nur für Wenige interessant. Aber ich könnte ausflippen wenn ich die beiden reden höre. Ab Minute 19:20 geht es darum, warum Seth nur einen Blog hat – und keine Social Media Präsenzen.

Oh und was ich gut fand: Er meint jeder sollte einen Blog haben und täglich schreiben. Und Recht hat er. SO habe ich angefangen. Und irgendwann kamen die sozialen Netzwerke – und mein Output und mein Fokus haben sich über alle Kanäle verstreut. Dieses gebündelte tägliche Schreiben, das war toll. Und auch hier stimme ich zu: Wenn wir Social Media so nutzen, wie es gedacht ist, machen wir keinen Unterschied und hinterlassen keinen nennenswerten Fußabdruck.

3.) Ganz anders, aber spannend. Die Journalistin Kati Krause spricht darüber, wie sie eine Depression hatte – und wie sich Social Media in dieser Zeit für sie angefühlt hat.

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