Ihr Lieben,

oh, wie ich diesen Text in die Tasten hauen werde. Seit Tagen brodelt es in mir, weil etwas in der Luft liegt. Uns Frauen reicht das Leben, wie es vermeintlich in dieser Gesellschaft für uns vorgesehen oder „normal“ ist, nicht mehr aus. Wir wollen anders leben und mehr von dem umsetzen, was WIR erstrebenswert finden. Es scheint langsam zu sickern und weh genug zu tun: Nach der Geburt der Kinder für weniger Geld und mit einem höheren Stresspegel zum alten Arbeitsplatz mit unflexiblen männlichen Kollegen zurückzukehren ist einfach kein Hauptgewinn.

Täglich bekomme ich Mails von Leserinnen. Da fassen Frauen ihr Leben neu an. Trauen sich was. Beharren auf Meinungen, die keiner hören will („Ja, ich will immer noch ein Café aufmachen!“). Oder wechseln ihren Standpunkt („Nein, ich gehe doch nicht nach einem halben Jahr Elternzeit wieder arbeiten!“). Weil es sich nicht mehr anfühlt, als würden sie etwas verlieren. Sondern als würden sie die richtigen Schritte auf das Leben zumachen, das sie führen wollen.

Hui, da rennen meine Gedanken. Ich bin so euphorisiert von dem, was ich gerade greifen kann. Nämlich eine komplette Veränderung der Gesellschaft. Über die Generation, die lange nach mir geboren wurde, wird das ja schon lange gesagt. Dass die Nomadenmäßig leben und ihre Unabhängigkeit und ihre Freiheit über allem steht. Drei Überstunden? Kommt für sie nicht in Frage. Ein dreimonatiges Sabbatical ist aber jederzeit denkbar.

Jetzt ist genau diese Denkweise dort angekommen, wo ich bin. Inmitten von Frauen zwischen 35 und 50. Oder sogar: und 60. Ihr erzählt es mir jeden Tag. Ihr seid die Freundin, die ich zufällig im Supermarkt treffe. Die Seminarteilnehmerin in meinem Wohnzimmer. Die Leserin, die ich noch nie getroffen habe.

Ihr wollt nicht mehr ins Büro. Ihr wollt nicht mehr fünf Tage die Woche arbeiten und dafür 40 Minuten mit der S-Bahn im Berufsverkehr hin- und wieder zurückfahren. Ihr wollt leben, so wie IHR es wollt. Und dazu gehört auch, die künstliche Trennung von Beruflichem und Privatem zu beenden. Aufzuhören, so zu tun, als wäre es normal, seine Seele aufzuteilen in ein berufliches und ein privates Ich.

Erinnert ihr euch, wie ich im November euphorisch über mein neues Büro geschrieben habe? Die Wahrheit ist: Ich war dieses Jahr erst drei Mal da. Weil es nämlich nicht passt für mich. Also das Büro schon. Aber mein Verständnis von Leben, das passt nicht zum Büro. Weil ich so flexibel wie möglich sein will. Und zwar IMMER. Schon der Gedanke, dass ich Zeiten, in denen ich kreativ sein möchte, in Räume aufteile, geht nicht. Und funktioniert deshalb in der Praxis auch nicht.

Diesen Post zum Beispiel schreibe ich abends um zehn, daheim. Meine Tochter sitzt neben mir im Sessel und ich habe Ludovico Einaudi auf den Ohren. Die Worte fließen nur so aus meinen Fingern. Wie soll ich das denn auf Morgen schieben, wenn ich im Büro sitze? Meine Kreativität, die jetzt sprudelt, anhalten, bis ich im richtigen Raum sitze? Wo der doch nichts anderes ist, als das richtige Mindset, der freie Raum in meinem Kopf?

Danke, dass ihr mich wissen lasst, dass es euch ganz ähnlich geht. Ihr wollt eure Träume leben, ihr wollt im Jetzt sein und nicht gefangen im schlechten Gewissen und Zeitmanagement.

Ihr möchtet mit Menschen zusammen sein, die euch verstehen. Sagen, was ihr denkt. Eure Talente rausfeuern und nicht mehr zaghaft einen Fuß vor den anderen setzen, „irgendwann“ oder „vielleicht“. Ihr habt verstanden, dass ins volle Risiko zu gehen gar kein Risiko ist. Sondern das einzige, was geht und was euch glücklich macht. Nur dann könnt ihr mehr von dem zeigen, was euch als Menschen ausmacht. Was ihr dieser Gesellschaft, euren Mitmenschen und diesem Planeten zu geben habt.

All diese Gedanken gehen mir also durch den Kopf als ich einen Podcast mit Gary Barlow (ja, der von Take That) finde. Er heißt „Inside the Music“, ist ein Video Podcast (also nicht dass ihr denkt ich will euch hier ein langweiliges Hörspiel aufs Auge drücken.) Kostenlos ist er auch noch – auf itunes. Und ganz ehrlich: Wenn ihr ihn nicht schaut, seid ihr selbst schuld. Mich hat es beim Anschauen jedenfalls kaum noch auf meinem Platz gehalten.

Ich meine, ich weiß ja, dass alle Kreativen irgendwie gleich ticken. Aber Gary hat echt all meine Knöpfe gedrückt. In den fünf kurzen Episoden redet er davon, wie sich seine Arbeit dadurch verändert hat, dass er alles von einem Laptop aus machen kann. Dass diese Mobilität und das „unterwegs Sachen machen“ und zwischendurch aus dem Fenster schauen können und sich lebendig fühlen und „on the move“ zu sein etwas mit seinen Ideen macht. Und das ist genau das, was wir spüren. Dass es eine Art zu arbeiten hinter der Art zu arbeiten gibt, die wir kennen. Freier. Beweglicher. Uns mehr entsprechend.

Gary erzählt, wie wichtig es ist raus zu kommen. In die Natur. Wie diese Zeit mindestens genauso wertvoll für seine Arbeit ist, wie die im Studio. (Dagegen wirkt selbst der so „fortschrittliche“ Gedanke eines Home Office Tages in der Woche wie verwelkte Blumen, oder?) Er spricht darüber, dass manche Songs eher am Donnerstag geschrieben werden, als am Dienstag. (Oh wie ich das kenne. Da geht manchmal nichts. Nicht, weil ich Blockaden hätte. Schreiben kann ich immer. Aber weil die Energien noch nicht zusammen passen. Weil ein Puzzlestück fehlt. Nicht auszudenken, wenn mir dann ein Chef gegenübersäße, der etwas von mir wollte. Zum Beispiel den Text, der noch nicht fertig ist, weil ich ihn noch zu Ende denken muss. Es ist schon schwierig genug, die Geduld aufzubringen, auf mich selbst zu warten. Da brauche ich nicht noch jemanden, der mit den Fingern auf die Tischplatte trommelt.)

Gary spricht darüber, dass Songwriting wie ein Muskel ist. Und ich denke: Ja, mit dem Blogposts schreiben ist es ähnlich. Und eigentlich mit allem, was Menschen gerne machen. Wofür sie brennen. Nur dann machen wir Dinge immer und immer wieder – wenn wir sie lieben. Nur dann werden wir immer besser. Aber viele von uns haben keine Zeit für diese Wiederholungen. Anstatt davon und damit zu leben, was wir lieben, verdienen wir unser Geld mit Dingen, die uns im besten Fall nur manchmal langweilen und im schlechtesten Fall kreuzunglücklich machen.

Mir geht es genau wie Gary. Es gibt nichts, was in meinem Leben langweilig ist. Alles ist in ständiger Bewegung. Ich versuche immer die Drums hochzudrehen und der Aussage meines Textes und meines Lebens  anzupassen. Lege die Streicher über die dramatischen Momente und lasse die Hornbläser spielen, wenn ich an eine göttliche Erkenntnis stoße.

So wie jetzt, als Gary uns mitnimmt, in die Räume, in denen er früher seine Musik aufgezeichnet hat. In denen er in Shorts vor seinem Rechner saß. Vor einem Stapel Bücher, auf dem ein billiges Mikro stand. Zeiten, in denen das 6000 Pfund Mikro, in das er heute singt, unerreichbar schienen. Aber gesungen hat er trotzdem. Mit Inbrunst, mit Feuer, mit Wucht. Und dann sagt er was ganz Wichtiges. Drumroll, Streicher, Hörner.

Geld macht Musik nicht besser. Sondern Ohren, die hören.

Auch eure Ideen werden nicht durch Geld besser. Meine sind es nie geworden. Nur durch das Machen, das Analysieren, das Vergleichen und das Anschauen. Das sich mit etwas beschäftigen. Und sich dann noch mehr damit beschäftigen. DAS macht es besser. Das macht Dich zu einem Profi. Zu jemandem, der Geld mit seiner Leidenschaft verdienen kann. Zu jemandem, der angstfrei in einen Raum voller Anzugträger, Blogger, Frauen, Kommunikationsprofis und Geschäftsführer geht und keine Rolle mehr spielen muss, um sich sicher zu fühlen. Der anstatt dessen einen kleinen Schleich Elefanten auf den Tisch stellt und darüber spricht, dass Menschen aus Liebe handeln dürfen, anstatt aus Angst. Aus Liebe zu den Dingen, die sie begeistern.

(c) Bild von Kinderkram Magazin

Bis gestern wusste ich nicht, dass ein Sänger und Songwriter all das auch so kennt. Mir war nicht klar, dass uns alle, die ihr Leben in ihrem Stil leben möchten, diese Gedanken einen.

„You know, I am not here to tell you what to do. I am here to tell you what I have done. Methods I have used every day, to do what I do to get from A to B.“

Von jetzt an werde ich mich noch mehr in den Dienst dieses Geistes setzen. Euch erzählen, wie ich damit mein Leben gestalte und Geld verdiene, besonders gut ICH zu sein. Ihr zeigt mir so deutlich, dass ihr es zu schätzen wisst. Und mit euren Mails und Worten pflastert ihr meinen Weg, als würdet ihr schon wissen, wo er langgeht.

Dafür Danke ich euch von Herzen.

Eure Svenja

P.S.: Und weil die Überschrift lautet „Vom Glück, frei zu leben“, möchte ich euch kurz zeigen, wie dieses Glück bei mir in den letzten Tagen aussah.

Ich hatte Zeit, für meine Kinder mittags zu grillen – obwohl sie nicht zur gleichen Zeit Schule aus hatten. Ich habe mich zu ihnen an dern Tisch gesetzt und mit ihnen geredet. (Das Foto von meinen Kindern dazu möchte ich nicht online stellen, deshalb stellt euch einfach meine Lissy vor, wie sie mir glücklich gegenüber am Tisch sitzt, vor ihr ein fetter Maiskolben.)

Ich hatte Zeit, um mit Frauen in meinem Garten zu sitzen und zu diskutieren.

Zeit, um zu drehen.

Zeit, um Keimlinge vorzuziehen und mich auf dem Weg zu unserem Feld über einen kleinen Marienkäfer zu freuen.

Zeit, um mitten am Tag meine neue Brille abzuholen.

Und Zeit, um im Anschluss an einen geschäftlichen Termin mit meiner Freundin Carolin Eis essen zu gehen.

DAS ist Freiheit. Und auf die will ich nie wieder verzichten.

In diesem Sinne

Eure Svenja

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