Die Mutter der Bostoner Verdächtigen

Svenja Walter

Bis vor ein paar Tagen war Boston mir egal. Dann explodierten zwei Bomben und meine facebook Freundin aus Boston schrieb: “Gott sei Dank, wir sind alle sicher.” Und dann: “Mein Sohn hat bis 15 Minuten vor der Explosion am Ziel gestanden und den Läufern zugesehen.”

Plötzlich war Boston gar nicht mehr so weit weg. Und während die ganze Stadt den zweiten Täter jagte, bin ich heute Nacht aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen. Was macht man da? Auf facebook surfen. Dabei entdeckte ich, dass ein anderer facebook Freund von mir – auch ein Amerikaner – zu einem Blogbeitrag verlinkt hatte, der da hieß: “I’ve met the Boston bombers”.

Als Bloggerin nutze ich Blogs wie Nachrichtenseiten. Man kann schnell recherchieren, wie “echt” ein Blog ist, wie oft derjenige postet, welche Themen er drauf hat, wie lange er schon postet. Dazu sieht man sich dann noch ein paar Social Network Profile an und sieht meist ziemlich schnell: das passt – oder eben nicht.

“I’ve met the Boston bombers” wurde von einer Bloggerin namens Alyssa Lindlay Kilzer verfasst. Ich halte sie für glaubwürdig und möchte ihre Geschichte deshalb mit euch teilen.

Alyssa kannte die Mutter der beiden Verdächtigen namens Zubeidat Tsarnaeva und hat über einen Zeitraum von mehreren Jahren Gesichtsbehandlungen von ihr bekommen. Zuerst in einem Spa, in dem Zubeidat arbeitete. Nachdem sie dort entlassen wurde bei ihr zuhause im Wohnzimmer.

Und so nimmt uns die Bloggerin mit in ein Haus, in dem immer viel los ist. In dem jede Menge Schuhe auf der Treppe stehen, immer Krach ist und dauernd gekocht wird. Eine ganz normale Familie, in diesem Fall mit muslimischem Background. Wir erleben, wie die Söhne Gast-Parkausweise in die Autos von Zubeidats Kosmetik-Kundinnen legen oder auch schon mal deren Autos umparken, während die ihre Gesichtsbehandlungen genießen. Wir hören von der Krebserkrankung des Vaters und Familienoberhauptes. Wir bekommen auch mit, wie Töchter zwangsverheiratet werden und die Mutter, bevor sie auf die Straße geht, erstmal ihre Burka anlegt. Die sie zuhause übrigens nie trägt.

Mit anderen Worten: es menschelt. Durch Alyssas Augen bauen wir eine Beziehung zu dieser Familie auf. Als es dann heißt, dass die eine Tochter unglücklich verheiratet ist und geschlagen wird, habe ich bereits das Gefühl mitten in ihrem Wohnzimmer zu stehen. Die Luft ist stickig von all dem Kummer und ich muss unbedingt lüften – oder einfach mal raus.

Aber Alyssa erzählt weiter. Davon, wie die Mutter immer religiöser wird, ihre politischen Ansichten immer radikaler. Wie sie Zubeidat bei einem ihrer Besuche fragt, warum sie ursprünglich  in die USA gekomen sind. Und Zubeidat ihr erzählt, dass die Familie ihre Heimat verlassen hat, weil sie und ihr Mann dort Anwälte und politische Aktivisten waren. Nachdem ihr Mann “etwas getan hat”, mussten sie fliehen.

Während Alyssas Kosmetik-Behandlungen beginnt Zubeidat auch, Verschwörungstheorien zu äußern. 9-11 sei von der amerikanischen Regierung geplant worden, um die amerikanische Bevölkerung dazu zu bringen, Muslime zu hassen:

“Das ist wirklich wahr,” sagte sie. “Meine Söhne wissen alles darüber. Du kannst es im Internet nachlesen.”

Über diesen Moment schreibt Alyssa: “Ich muss sagen, dass ich mich ziemlich ängstlich und verletztlich fühlte, als sie das sagte. Immerhin war ich Amerikanerin und lag praktisch nackt in ihrem Wohnzimmer.”

Wegen Zubeidats Bemerkungen zu 9-11 und ihrem ansteigenden religiösen Eifer ist Alyssa dann im Januar 2012 auch das letzte Mal bei ihr gewesen.

Warum ich euch diese Geschichte erzähle? Weil wir Mütter sind. Wenn solche Dinge geschehen, wie in Boston, dann ist es unsere Aufgabe als Mütter einen größeren Zusammenhang zu sehen. Etwas daraus zu lernen, um unsere Kinder zukünftig noch besser zu beschützen. Auch Täter haben Familien. Auch deren Mütter wollen das Beste für ihre Kinder. Aber: auch deren Mütter treffen Menschen, denen auffällt, dass etwas nicht richtig läuft. Würden wir als Gesellschaft besser funktionieren, mehr miteinander reden und uns vor allem besser zuhören, könnten meiner Meinung nach viele solcher Entwicklungen im Ansatz gestoppt werden.

Jemand, der in Amerika äußert, 9-11 sei eine Verschwörung der Regierung, ist in Deutschland wahrscheinlich gleichzusetzen mit jemanden, der behauptet, den Judenmord habe es nie gegeben. Da darf man schon genauer hinschauen. Verzeihung, nicht darf: MUSS.

Normalerweise hätte ich heute Morgen die Spiegel-Website angeklickt, um mich über die Fortschritte in Boston zu informieren. Da hätte ich gelesen, was überall steht:
 

“Kaum einer ihrer Bekannten kann sich einen rechten Reim auf den Wandel der beiden machen, die tschetschenische Wurzeln haben. Da ist zum Beispiel Gilberto Junior, der Automechaniker um die Ecke, bei dem Dschochar regelmäßiger Kunde war. Am Dienstag, also am Tag nach dem Anschlag, sei der 19-Jährige noch bei ihm gewesen, erzählt Gilberto. Der Junge sei komisch drauf gewesen, “ich dachte, er wäre auf Drogen”. Zarnejew habe ständig auf den Fingernägeln gekaut, seine Beine hätten gezittert: “Der war total nervös.” Drei Tage später endet Zarnejew Flucht unter der Plane des Boots.

Warum haben die Brüder gemordet? Warum haben sie Boston terrorisieren wollen? Sie seien doch in Amerika aufgewachsen, sagt Obama auf seiner Pressekonferenz, hätten hier studiert. Warum? Und es sei ebenfalls noch nicht geklärt, ob die beiden Männer Hilfe von Mittätern erhalten hätten. Tatsächlich wurden nahezu zeitgleich zur Polizeiaktion in Watertown drei weitere Leute in Gewahrsam genommen – in New Bedford, einer Küstenstadt im Südosten Massachusetts.

Waren die Zarnejews Islamisten? Welche Rolle spielte Religion für die Brüder? Da gibt es viele Unklarheiten. Tamerlan zum Beispiel soll bei YouTube einige radikalislamistische Videos als Favoriten verlinkt haben; über Dschochar hingegen sagte eine Kommilitonin dem “Boston Globe”, er sei “nicht so religiös” gewesen, vielmehr ein normales Stadtkind: “Er sagte nie irgendwas über Russland versus die USA.”

Ist dem Spiegel eine Quelle wie der Blog von Alyssa zu unsicher? Finden die Journalisten solche Quellen nicht? Oder denkt man am Ende, dass so eine Beschreibung nicht in eine objektive Nachricht passt, weil sie rein subjektiv ist?

Ich, als Mutter, habe die Beschreibung jedenfalls besser verstanden, als alles andere, was bis jetzt in Deutschland über Boston geschrieben wurde.

In diesem Sinne

Eure Svenja

13 Kommentare

  1. Der Beitrag von Alyssa ist ein nachvollziehbarer Einblick, aber würde journalistisch verbreitet der Panikmache und Ausgrenzung dienen.

    Es bleibt so: JEDER verdammte Gedanke ist erlaubt, und fast(!) JEDE verdammte Meinung darf laut vertreten werden. Verboten sind Bomben.

    Weder der Islam trägt eine Verantwortung, noch eine Mutter, auch nicht die USA. Verantwortung müssen die beiden Täter übernehmen.

    Unter den Konsequenzen des Terrors leiden aber alle. Islam verliert Reputation, Mutter verliert Söhne und USA verliert Frauen und Kinder. China leider auch.

    Alyssas Post zeigt nicht, wo es IMMER herkommt, sondern wo es herkommen kann: Von ÜBERALL. Aus jeder Ecke.

    Das wussten wir aber schon.

    Stefan

    1. Mein Ansatz ist nicht, dass die Mutter schuld ist. Aber es wird nicht jemand über Nacht Terrorist. Jede Lebensgeschichte hat eine Genese. Und ein Umfeld. Es kann nicht überall herkommen, sondern da, wo nicht hingeschaut und zugehört wird. Manchmal und meistens leider seit Generationen.

      1. Das FBI hatte mindestens einen von den beiden bereits vor 2 Jahren im Visier. Was denn noch? Wirst Du jetzt etwas Stasi-Fan, Nachbarschafts-Aushorcherin und Killlerspielspieler-Verdächtigende?

      2. Da hast Du mich missverstanden. Ich meinte innerfamiliär – innerfamiliär wird nicht zugehört, nicht in Frage gestellt, nicht hingeschaut. Wenn die Eltern schon wegen “etwas, was sie getan haben” das Land verlassen müssen hat sich ja in der nächsten Generation nicht viel geändert. Die Söhne müssen nicht das Land verlassen, sondern werden wegen “etwas, was sie getan haben” erschossen und eingesperrt. Da findet keine Entwicklung statt, nichts wird gelöst. Anstatt dessen werden Dinge interfamiliär auf die nächste Generation übertragen. Und deshalb müssen dann sehr viele unschuldige Menschen sterben oder werden verletzt. Das finde ich bitter.

      3. Ach so.

        Kinder folgen sehr oft den seltsamsten Eltern, denn diese sind immer Vorbild. Egal wie gut oder böse sie sind. Naturgesetzt? Nicht nur. ‘Du sollst Vater und Mutter ehren’ wird seit 100en von Jahren korrupt und falsch interpretiert, und in vielen Religionen und Kulturen fordert es bedingungslose Huldigung der elterlichen Werte. Es müsste sich durchsetzen, dass Kinder ihre Elter in Frage stellen dürfen. Doch dass [ Achtung, Paradoxon! ] müssten sie von ihren Eltern lernen. Das dauert.

        Empfehlung: Alice Millers Buch ‘Evas Erwachen’ – herausragende Darlegung, warum sogar selbst die Psychologie, -therapie und -analyse dieser Aufklärung seit Anbeginn im Wege steht, äh stand. Mittlerweile ist Alice Miller ja anerkannt.

      4. Wenn Du es ungezwungen wagst, Deinen Kindern locker flockig zu sagen: “Oma ist manchmal ganz schön doof, was?!” hast Du einen ersten Schritt getan.

        ;)

      5. Vielen Dank fuer die interessanten Beitraege. Ich stimme Svenja voll und ganz zu. Eltern sind Vorbilder und muessen sich bewusst sein, was und wie sie ihren Kindern die Welt vermitteln. Eure Beitraege sind total aufschlussreich und wichtig.

  2. Schuld ist sicher nicht die Mutter, und über Schuld sollten wir auch nicht hier reden dafür sind wir viel zu weit weg. Aber an der Geschichte dieser Kundin der Mutter erkenne zumindest ich ganz deutlich, das die Familie ein wichtiger Bestandteil auch solcher radikaler Ansichten und Traditionen ist. Was die Mutter oder die Familie radikaler in ihren religiösen Ansichten gemacht hat kann ich nicht beurteilen doch es wird sehr deutlich das dies ein langsam fortschreitendender aber stetiger Prozess in der Familie war und die Familienbande dort sehr groß waren. Anhand der Kultur und der Religion ist auch zu sagen das dort Eltern auch und gerade Mütter einen sehr hohen Stellenwert haben und ihre Meinungen und Ansichten anstandslos durch die Kinder übernommen werden. Und zumindest von der Frau die diese Geschichte gepostet hat kam ja schon 2012 die Ansicht das sich die Familie “radikalisiert”. Da will niemand etwas bemerkt haben? Fast nicht verständlich. Schade um die zwei Jungs, sie haben studiert und hätten sich ein Leben und eine Familie aufbauen können. Diese Sinnlosigkeit ist es die ich nie verstehen werde.

  3. Liebe Svenja,
    ich danke Dir für die Verlinkung zum Blog von Alyssa und von einem Einblick in die Familie, die uns die Bloggerin aus eigener Erfahrung bringt. Ich habe den Originalblogpost so gelesen und wäre vermutlich gar nicht auf diesen gestoßen. Und nun denke auch ich nochmals anders darüber nach.

    Ganz liebe Grüße
    sue

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