Ich bin doch nicht blöd

Auf facebook werden ja seit neuestem Videos in meiner Timeline abgespielt, ohne dass ich sie anklicke. Und das ist nicht immer lustig.

Heute Morgen, als ich arglos die Nacht nachlesen wollte, war da eine Mutter zu sehen, die immer wieder mit einem Kissen auf ihren Säugling eindrischt. In der Wiederholungsschleife.

Mich macht das wütend und traurig und hilflos. Nicht nur, weil da offensichtlich ein Baby ist, das Hilfe braucht. Sondern auch, weil ich den Zusammenhang der Situation nicht kenne.

Sicher, eine Rechtfertigung gibt es für so ein Verhalten nicht. Aber als Mensch möchte ich sofort mehr über die umgebende Situation erfahren, um sie einordnen zu können.

Was ist davor passiert? Was wird danach geschehen? Was hat die Frau erlebt, dass sie so reagiert?

Die Fähigkeit, etwas einzuordnen ist mittlerweile wohl das Wichtigste, was Menschen haben müssen, um überhaupt noch klarzukommen. Denn im Internet werden Klicks gesammelt und wer die meisten sammelt ist der König.

Natürlich gibt es Seiten, die diese Klicks verdienen. Die eine Geschichte recherchieren, sie mit Menschlichkeit und Würde erzählen und alle Beteiligten zu Wort kommen lassen. Fast fühlt man sich, als wäre man dabei gewesen. Kein Wunder, dass solche Geschichten einen Pulitzer Preis bekommen. (Schaut ruhig mal rein – ich habe den Bericht Snow Fall über einen Lawinenabgang auf Empfehlung von Thorsten 2 ½ Stunden gebannt gelesen und war begeistert von diesem Stück multimedialer Geschichte).

Und dann gibt es diese anderen Momente, in denen ich über etwas stolpere, das einen ganz kleinen Ausschnitt einer Geschichte zeigt, mich aber emotional triggert. Gefunden bei Misha auf seinem Blog indub.io. Bevor ich euch jetzt erzähle WAS ich da gefunden habe, kurz ein Wort zu Mishas Blog.

Misha hatte lange einen anonymen Blog – denn er schrieb über seine Kindheit bei den Zeugen Jehovas. In die Sekte hineingeboren hat er der Sekte nach 20 Jahren den Rücken gekehrt. Kein Wunder, dass seine Posts sich also oft mit dem Wahrheitsgehalt beschäftigen. Mit dem, was nach außen gezeigt wird und dem was wirklich ist. Und das finde ich deshalb so spannend, weil ich denke: Jemand der 20 Jahre in einem Umfeld aufwächst, das viel vorgaukelt was NICHT ist, der muss ja ganz feine Antennen haben.

Aber zurück zu Mishas Post „Wie wir in sozialen Netzwerken emotional manipuliert werden“ der mich triggerte. Ihr wisst, ich lebe vegan. Vorwiegend aus Gesundheitsgründen. Vor Massentierhaltungsvideos bin ich immer zurückgezuckt. Zum einen, weil ich mir sowas schlecht anschauen kann, ohne dass es echt wehtut. Zum anderen, weil ich zu lange im Medienbusiness hinter die Kulissen schauen konnte, um zu wissen, dass nicht alles, was man auf Film hat, auch so ist, wie es aussieht.

Natürlich gibt es Massentierhaltung und natürlich geht das GAR nicht. Aber: MassentierhaltungsCONTENT wird immer wieder bewusst manipulierend eingesetzt, damit Klicks generiert werden. Denn Klicks sind Geld wert. Misha zeigt und analyisert in seinem Post ein Foto sogenannter „Calf Hutches“. Das sind enge Plastikhütten, die zur Aufzucht von Kälbern verwendet werden.

Die Frage ist nicht, ob das richtig oder falsch oder artgerecht ist – sondern die Frage ist: Was ist die umgebende Situation? Wie sehen die Calf Hutches von hinten aus (das Foto zeigt sie nur von vorne)? Wozu genau werden sie verwendet? Undundund.

Ihr merkt schon, worauf ich hinaus will. Es ist nichts Gutes daran, wenn eine Mutter auf ihr Baby mit einem Kissen einschlägt. Es ist auch nichts Gutes daran, wenn Kälber in kleinen Plastikboxen gehalten werden. Egal aus welchem Grund das passiert, als Mensch empfinde ich sofort: das ist falsch. Und weil ich es so gewohnt bin, klicke ich. Oder teile. Und ganz ganz selten, lese ich auf anderen Seiten nach, warum das so ist. Oder WAS das überhaupt ist.

Ich habe mich daran gewöhnt, dass mir Infos in Happen vorgesetzt werden. Und je emotionaler die Infos besetzt sind – gut oder schlecht – Katzencontent oder Massentierhaltung – desto eher schaue ich hin.

Doch was mir durch Mishas Post nochmal ganz deutlich geworden ist: je emotionaler die Infos besetzt sind, desto weniger recherchiere ich auf eigene Faust. Weil das Gefühl mich so trägt, dass mir das schon reicht. Und das ist gefährlich.

Es gibt viele Seiten, die diese Technik ganz aggressiv einsetzen – die Geschichten für uns auswählen, sie schlucken, verdauen und wiederkäuen und sie uns danach unter einer marktschreierischen emotionalen Überschrift hinkotzen.

Bildschirmfoto 2014-04-16 um 10.12.52„21 Bilder, die Dir Deinen Glauben an die Menschheit zurückgeben“

Ganz ehrlich – die 21 Geschichten, die diese Bilder erzählen, kennt ihr doch schon, ohne auf den Link zu klicken. Die habt ihr doch selbst erlebt. In eurem Leben. Weil eine Freundin euch aus einem Tief geholfen hat oder die Nachbarin euch nach der Geburt eures ersten Kindes immer warmes Mittagessen vorbeigebracht hat, als ihr nicht richtig auf die Beine kamt.

Es gibt so viele echte schöne Geschichten, die einem das Herz wärmen. Manche gibt es auch im Internet. Und ja, diese emotionalen Videos schaue ich auch gerne. Auch wenn sich oft Marketing oder Werbung dahinter verstecken. Aber gutes Storytelling, da steh ich einfach drauf.

Was aber gar nicht geht ist, wenn etwas falsch oder einfach nicht vollumfänglich so dargestellt wird, dass es an meine Mitmenschlichkeit und mein Mitgefühl appelliert. Mehr noch: wenn ich einer Meldung, die nicht die ganze Geschichte erzählt, emotionsgeschwängert aufsitze und mich schlecht fühle, wenn ich nicht Gefällt mir klicke oder kommentiere.

Auf den Artikel mit der Überschrift „Diese Bilder werden euer Leben verändern – ob ihr wollt oder nicht“ klicke ich ab jetzt nicht mehr. Das habe ich mir fest vorgenommen. Das ist nämlich meistens Lebenszeitverschwendung.

Genauso wenig, wie ich leichtfertig Likes verteilen werde. Das ist mir – ganz ehrlich – beim Entspannen im Grundrauschen des Internets ein bisschen abhanden gekommen. Dabei weiß ich doch, dass Likes die Währung des Internets sind – und mit Geldscheinen schmeiße ich ja auch nicht um mich. Ich bin doch nicht blöd.

Und ihr?

Eure Svenja

P.S.: Wenn ihr mehr von Misha Lesen wollt, liket ihn doch einfach auf facebook

4 Kommentare

  1. Das ist mal ein super Post. Geht mir genau SO. Als ich das Foto mit den Kälberhütten sah, war ich entsetzt. Aber man sollte immer auch hinter das Bild schauen um sich wirklich eine Meinung zu bilden. Und danke Thorsten für die Anleitung.

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