Go far

Es gibt so Tage, da surfe ich durch facebook und plötzlich stolpere ich über eine Statusmeldung und denke. HA: Dazu fällt mir ein Blogpost ein. Gestern lautete diese Statusmeldung:  Bildschirmfoto 2014-07-20 um 16.05.01

Interessant, dachte ich. Ob das stimmt? Und habe geantwortet:

Bildschirmfoto 2014-07-20 um 17.23.45

Keine Ahnung, ob die Männer entspannter sind. Die Frauen sind es auf jeden Fall. Zumindest die, die in der Mitte des Lebens nicht auf dem Sofa sitzen und sich jeden Abend eine Tüte Chips reinschieben um danach keinen Sex zu haben. Auch die, die ihrem Mann noch zuhören und immer wieder Dinge für ihn tun, auf die sie gar keine Lust haben, die aber für eine gute Beziehung einfach Sinn machen. Und die sich dabei keinen Zacken aus der Krone brechen und auch keine Feminismusdebatte anstrengen. Häufig sind das so weltbewegende Dinge wie die Pfandflaschen wegzubringen, weil der andere darauf Wert legt, dass das erledigt ist. Und sich freut, wenn genug Getränke da sind.

Es sind ja oft die ganz kleinen Sachen, die ein Leben miteinander möglich machen. Und dann natürlich die ganz großen. Sich Freiheiten zu lassen, sich etwas zu gönnen, den anderen nicht zu bedrängen. Ihn zu stützen, wenn er wackelt und ihn zu bejubeln, wenn er fliegt.

Die größte Sache in meiner Mitte des Lebens ist definitiv die Erkenntnis, dass ich nur dann zufrieden bin, wenn es mir gut geht. Wenn ich auf mich achte, mir Zeit für mich nehme und immer wieder auch mich an die erste Stelle in meinem Leben setze. Nicht egoistisch und ohne Rücksicht auf meine Liebsten. Sondern geplant, durchdacht und mit Ansage.

So wie Familie beflügeln kann, kann sie nämlich auch bremsen. Kann also durchaus sein, dass Männer sich heute mit der Midlife Crisis leichter tun. Schließlich haben viele Frauen erkannt und akzeptiert, dass sie in erster Linie für das Wohlergehen aller zuständig sind. Da kann man diskutieren, wie man will – das lässt sich mit der ganz einfachen Handprobe beweisen. Bitte mal alle aufzeigen, die Kinder haben und innerhalb der Familie den Hauptteil der Erziehung, der schulischen Angelegenheiten, der Betreuung, der Orga und des Haushalts inklusive Einkaufen, Kochen und Putzen übernehmen.

Das, was den Männern bleibt, ist also die Midlife Crisis, weil sie zu viel arbeiten und zu wenig Freizeit haben. Aber das scheint mir eine Krise zu sein, die sich durch das Internet verändert hat. Es gibt viele neue Berufe und sowohl Arbeit als auch Freizeit finden zunehmend im Netz statt. Vielleicht verschwimmen so die Grenzen und eine Midlife Crisis macht gar nicht mehr so viel Sinn. Da müsste man ja fast aufschreiben, wie viele Stunden des Tages man beruflich im Netz ist und wie viele privat. Und wer sich erst mit einer zweispaltigen Liste selbst davon überzeugen muss, dass jetzt einmal Zeit für eine Midlife Crisis wäre, der lässt es vielleicht lieber gleich.

Die Frauen in meiner direkten Umgebung gehen weg von der Midlife Crisis und hin zur Midlife Chance. Die Kinder werden älter, man selbst wieder beweglicher. Wer das Haus abends verlassen kann, ohne Tage vorher 5 Babysitter abtelefoniert zu haben, der macht das nämlich auch. Wer Zeit hat, zu stricken, zu malen, zu lesen, Sport zu machen und wegzufahren, der genießt das total. Und wer jahrelang hauptsächlich für Andere da war und kaum Freiraum hatte, der nimmt ihn sich jetzt.

Dazu brauchen wir aber keinen neuen Mann (ganz ehrlich: was sollen wir denn mit DEM????). Schließlich haben wir uns den, den wir haben, selbst ausgesucht und sind schon einige hohe Wellen zusammen gesegelt. Wir müssen uns also nicht aus einem Partnerschaftskorsett befreien, denn da zwickt nichts. Sondern lieber von den Mustern unserer Kindheit. Vom Streben nach Perfektion, weil unsere Eltern nur Leistung anerkannt haben. Von dem Gefühl nie gut genug zu sein, jedem helfen und immer hier schreien zu müssen, wenn Aufgaben verteilt werden. Vom falschen Körpergefühl und von Zwängen im Kopf.

Wir atmen tief ein und atmen tief aus und dann wuchten wir diesen überflüssigen Ballast mit einem Ruck hoch und hängen ihn an die dicken Fleischerhaken, die an einer langen Gedankenkette mitten in unserem Kopf hängen. Wie halbe Schweine spießen wir sie auf, lassen sie ausbluten und trinken dazu eine Caipirinha oder gehen zu einem Yogaseminar. #unsdochegalwasanderedenken #selbstüberraschtdassdasplötzlichgeht

Tja. Und da geht sie dahin, die Midlife Crisis. Denn wir haben begriffen, dass wir beides können. Familie haben und dabei mit uns alleine sein. Manchmal sprinten wir zügig auf ein bestimmtes Ziel zu. Manchmal laufen wir auf einer endlos scheinenden Straße. Aber wir haben verstanden, wann uns was gut tut. Oder anders gesagt:

go far

In diesem Sinne eine schöne Woche

Eure Svenja

7 Kommentare

  1. Gefällt mir sehr, liebe Svenja! Ich habe auch erst kürzlich daran gedacht, was jetzt alles möglich ist, weil die Kinder aus dem Gröbsten raus sind. Und wie angebunden ich mir noch vor 12 Jahren, ein Kind im Kinderwagen, eins im Bauch vorkam. Die Großeltern atmen auch gerade auf;-) Weil die Kinder wissen, wie Pizza aufbacken geht, und wo die Schmutzwäsche hin muss. Für alles andere gibt es Whatsapp:-)
    Liebe Grüße, Anna

  2. Liebe Svenja, dein Post kam gerade mal wieder zur richtigen Zeit und ich hatte gerade eben wirklich Pipi in den Augen, ich schreibe gerade meine Abschlussarbeit und fühle mich da wirklich wie auf einer endlosen Straße. Auch wenn das ja nicht das eigentliche Thema des Posts war, hat mich dieser Satz doch sehr berührt. Vielen Dank für deine Worte, da fühlt man sich doch gleich besser.
    Viele Grüße

  3. Hi Svenja,

    besten Dank für deinen aufmunternden Post. Sicher, ich bin ein Mann, einen Teil deiner Worte kann ich aber ebenfalls sehr gut nachvollziehen. Meine Frau leistet enorm viel, gerade jetzt, während unser Jüngster noch Muttermilch genießt.

    In meinen Augen dein schönstes Wortbild: Den Ballast ausbluten zu lassen und dazu Caipirinha zu trinken. Klingt nach einem guten Plan!

    In diesem Sinne, bleib frisch!

    Beste Grüße,
    Nic

  4. Irgendwie hast du recht, alles lockerer nehmen, gelassener, grosszügiger. Aber ein bisschen spüre ich da so den allgegenwärtigen Retrotrend durch: Frauen begnügt euch, seid für den Mann da, ihr seid für das Glück der Familie zuständig. Klingt ein bisschen nach 50er Jahre. Für eine gute Stimmung in der Familie sind beide zuständig. Ein grantiger Mann macht auch keine gute Stimmung und die Lust auf Sex schürt der auch nicht. Und warum keine zünftige Feminismusdebatte und das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern ignorieren, wenn es einem überall ins Auge springt? Damit es den Frieden nicht stört? Weil Feminismus nicht sexy ist?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Deine Daten in der Kommentarfunktion werden nur für diese verwendet. Weitere Informationen findest du in der .