Und dann kamen die Jungs

Ihr Lieben,

ihr habt ja neulich den Text von Moe gelesen, der mit seiner Frau Simone fünf afghanische Jugendliche aufgenommen hat. Nun kenne ich Moe und Simone virtuell schon einige Zeit (und konnte wenigstens Simone auch schon einmal kurz im echten Leben drücken). Und habe deshalb BEIDE gefragt, ob sie mir etwas dazu schreiben möchten, was sie gerade erleben.

Heute möchte ich euch Simones Text an die Hand geben. Und euch direkt vorwarnen, dass ihr im Folgenden sicher Dinge lest, die ihr so plastisch noch nie geschildert bekommen habt. Auch ich musste mich danach erstmal setzen und das sacken lassen. Und ich merke: Immer wieder wandern meine Gedanken seitdem zu Moe, Simone und den Jungs.

Doch auch wenn diese Bilder und das Hören der Erlebnisse schmerzhaft für unsere Seelen sind: Wie schmerzhaft müssen sie erst für die Seelen derer sein, die sie erleben? Deshalb möchte ich euch bitten: Nehmt all euren Mut zusammen. Lest Simones Zeilen. Ich bin mir sicher, dass ihr die Flüchtlinge danach mit anderen Augen sehen werdet. Und vielleicht werdet ihr auch noch mutiger sein, wenn es darum geht, euch von Mensch zu Mensch zu verbinden.

Lasst euch nicht in die Propagandanummer einspannen, die gerade viele Medien fahren. Liebe ist immer stärker als Angst.

Und dann kamen die Jungs – von Gastautorin Simone Hoffmann

Ganz unerwartet hat vor Kurzem ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Sowohl für die fünf afghanischen Jungs, die jetzt in unserem Kinderhaus leben, als auch für meine Familie und mich. Damit hätte ich nie gerechnet! Es traten Menschen in mein Leben, die meine Sichtweise für das Wesentliche im Leben ins rechte Licht rückten. Besser gesagt, sie holen das wohl Beste und Menschlichste aus mir heraus! DANKE, für diese wundervolle Erfahrung, Sami, Naweed, Ahmad, Basir und Mustafa!

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Ich bin so froh, dass ihr den Weg zu uns gefunden habt! Dieser hätte wohl kaum härter, einsamer und schrecklicher sein können. Doch ihr seid so stark und habt es geschafft. Denn ihr hattet ein Ziel vor Augen. Ein Leben in Frieden und Gerechtigkeit.

Acht Monate wart ihr unterwegs. Zu Fuß, allein, hunderte Kilometer durch bulgarische Wälder, ständig in Gefahr, ständig in Angst.

Ohne eure Familien, ohne Freunde. Niemand war da, der euch junge Menschen an die Hand genommen hat oder euch eine Umarmung geschenkt hat, wenn ihr Schlimmes erleben musstet.

Als plötzlich ein Loch im Schlauchboot war, musstest du, Naweed, mit ansehen, wie die Schleuser Menschen auswählten, die über Bord gehen mussten.

Nur die Stärksten kamen durch. Ihr habt den Tod gesehen auf eurer Flucht in ein besseres Leben!

Ihr habt tiefe Unmenschlichkeit erleben müssen, als euch in Ungarn das alte Brot über die Zäune vor eure Füße geworfen wurde. Und Männern vor euren Augen die Arme gebrochen wurden. Nie habt ihr euer Ziel aus den Augen verloren, es ging immer weiter!

Wie habt ihr es nur geschafft, zu uns zu kommen? Ihr seid erst 16 Jahre alt und habt allein tausende von Kilometern hinter euch gebracht! Jeden Tag Schmerz, Hunger und Leid erfahren …und dann kommt ihr zu mir, schaut mich mit euren brauen Augen in an und bittet mich darum, Deutsch lernen zu dürfen?

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Sitzt vor mir mit gezeichneten, aber sehr aufmerksamen Gesichtern und wiederholt jedes gesprochene Wort voller Inbrunst und Konzentration. Fasst nach und nach Vertrauen, lasst mich Bilder eurer Liebsten auf euren Handys anschauen und zeigt mir im Atlas eure Route.

Es gibt für mich keine schönere Aufgabe, als euch zu helfen, unsere Sprache zu lernen. Ich möchte euch nämlich kennen lernen, verstehen, mehr von eurer Kultur und eurem Leben erfahren! Ich möchte, dass ihr in unserem norddeutschen Dorf klar kommt und schnell Kontakte knüpft.

Ahmad, einer Deiner ersten Sätze war “Frau Simone, du bist eine sehr gute Lehrerin!” Könnt ihr euch vorstellen, wie gerührt ich war? Bei dem Gedanken daran wird mir immer noch ganz warm ums Herz.

Ich bewundere eure Lebensfreude, eure Lebendigkeit, eure emotionale, liebevolle Art, Menschen zu begegnen. Ihr seid überaus höflich, dankbar und respektvoll. Geht jeden Tag hochmotiviert in die Schule, zum Fitnessstudio und zum Fußballtraining. Habt immer ein Lächeln auf den Lippen und ein liebes Wort für jeden, dem ihr begegnet.

Es ist für mich eine reine Freude und Herzensangelegenheit, Zeit mit euch zu verbringen. Und als ihr mich darum gebeten habt, doch bitte in den Herbstferien Deutsch mit euch zu lernen, war es für mich überhaupt keine Frage!

Auch den Wunsch zu Reiten erfüllte ich euch gern. Denn es macht mich einfach glücklich, euch so unbeschwert zu sehen, nach allem, was ihr erlebt habt.

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Jungs

Ihr seid eine große menschliche Bereicherung und ich bekomme schon wieder feuchte Augen bei dem Gedanken an den Satz, den du, Naweed, mir kürzlich zum Abschied zugerufen hast: “Simone…pass gut auf dich auf!”

Mein Mann Moe und ich sind uns einig, dass wir alles dafür tun werden, damit ihr eure Ziele erreicht! Vor allem aber, dass ihr glücklich werdet! Wir freuen uns so, dass es euch gibt!

Eure Simone

P.S.: Liebe Svenja, jetzt habe ich noch dieses sehr emotionale Erlebnis mit Sami im Kopf.

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Vielleicht erinnerst du dich an den Facebook Post von Moe. Wir waren dabei, als Sami von der Ermordung seines Bruders erfuhr. Dieser stand kurz vor seiner Hochzeit. Du hättest diese Augen sehen sollen. Solch ein Schmerz.

Er zog sich in sein Zimmer zurück und ich wollte so gern etwas für ihn tun, war aber selber am heulen. Dann schoss mir durch den Kopf, ob ich “als Frau” ihn überhaupt trösten darf? Ich handelte intuitiv und setzte mich zu ihm und nahm ihn einfach in den Arm und wir weinten gemeinsam. Es fühlte sich richtig an. Es ist gut, auf seine innere Stimme zu hören und einfach Mensch zu sein. Seitdem haben wir einen ganz besonders innigen Draht zueinander.

Ich bin mir nicht sicher, ob es gut ist, das noch mit in den Text einzufügen? Ist es zu heftig? Ich finde nur diese Erfahrung so wertvoll, auf seine innere Stimme zu hören und alles andere, Kultur, Religion, beiseite zu schieben! Was meinst du?

Liebe Grüße

Simone

Und das habe ich Simone zurückgeschrieben:

Liebe Simone,

ALL das ist zu heftig. Aber ich glaube, dass meine Leser und Leserinnen genau wie ich dieses “zu heftig” brauchen, um die Dinge, die gerade passieren, einzuordnen und zu verstehen.

Nur, wenn wir zulassen, dass wir solche Geschichten hören und dass sie uns berühren, hat die Menschlichkeit und damit auch die Menschheit eine Chance.

Deshalb poste ich Deinen kompletten Text inklusive P.S. – und zeige auch allen den Facebookpost von Moe.

Möge es uns damit gelingen möglichst vielen Menschen die Augen und die Herzen zu öffnen.

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8 Kommentare

  1. Es ist wirklich wahnsinnig spannend, ergreifend, aktivierend, menschlich und authentisch, was uns mit diesen jungen Menschen widerfährt. Kennt ihr das gute Gefühl, gerade für einen guten Zweck gespendet zu haben? Man lehnt sich zurück und denkt.”Boah, das tut gut und ist so wichtig!” . Mit dem Unterschied, dass man jeden Tag dieses Gefühl hat und nicht nur das: Man bekommt auch viel zurück! Sie spenden uns Liebe und Vertrauen – jeden Tag! Und das ist ein verdammt gutes Gefühl!

    Sehr schön geschrieben, meine Süße!

  2. Liebe Svenja. Ich bin froh, dass Du den Text nicht gekürzt hast. Wir alle müssen doch genau wissen, was in der Welt passiert, um uns ein Urteil bilden zu können. Mir persönlich reicht meine Vorstellungskraft aus, was Flucht, Vertreibung, Verfolgung, Folter u.s.w angeht. Aber ich erlebe doch in den letzten Wochen immer wieder, dass Menschen in meinem Umfeld eher von der afghanischen Familie erzählen, die nicht mit einer Maklerin verhandeln wollte, weil sie nicht mit Frauen sprechen. Warum kennen alle diese Geschichte und nicht die von Moe, Simone und den “Jungs”??? Wenn man Simones Text liest kann man nicht anders als mitmenschlich zu fühlen, man will helfen, man hat unendliches Mitleid, und man sieht das “Flüchtlingsproblem” mit anderen Augen. Hoffe ich. Daher finde ich es toll, dass Du Deine “Reichweite” nutzt, um dies viele Menschen fühlen zu lassen. Obwohl Du ja eigentlich einen “unpolitischen” Blog hast. Vielen Dank dafür!

  3. Ja die Beiden leisten wirklich Großes! Ich finde es schön , das gerade zu dieser Zeit hoffentlich einigen die Augen geöffnet werden! Denn wir sind doch alle nur Menschen! Egal ob aus Deutschland oder Afghanistan! Und dieser schreckliche Terror ist für alle erschreckend! Denn mit Islam etc hat das nun wirklich nichts gemeinsam!

  4. Liebe Svenja,
    ganz oft, wenn ich einen Artikel von dir hier lese (und ich lese sie alle), muß ich weinen oder habe zumindest Tränen im Augenwinkel.
    Bin ich eigentlich bekolppt? In einer Zeit, in der ein Unterhaltungsprogramm in vielerlei Hinsicht rund um die Uhr möglich ist? Und ich schau immer bei dir vorbei, lese deine Artikel, stimme dir stumm zu, setze hinter den einen oder anderen Satz still ein Ausrufezeichen und nicke für mich. Ja, genau so ist das nämlich.
    Ich denke, du bist dir deines Einflusses auf uns – deine Leser – sehr bewußt und gehst sehr umsichtig damit um. Du führst uns manchmal zu Winkeln, wo sicherlich nicht nur ich manchmal vielleicht lieber weggeschaut hätte. Weil es schmerzt, weil man anfängt zu überlegen. Was kann ich selbst tun?
    Dann wieder öffnest du dein Herz und läßt uns ein Stück von dir tief drinnen sehen. Du lässt mich so oft sprachlos zurück und ich schlucke und staune und denke: ” Da macht einfach eine mal!” “Da überwindet eine einfach mal alle Für und Wider!”
    Du bist ein ganz großer Ansporn für mich geworden und motivierst mich immer wieder dazu, meinem Sohn vorzuleben, wohinter ich stehe und was ich für richtig und falsch halte und das dann auch laut zu sagen.
    Mach bitte weiter Türen und Fenster weit auf !

    1. Liebe Kristina, all das Kämpfen und Ringen, das frühe Aufstehen und Zweifeln, das “Was mache ich damit” und “Wie finde ich die Worte, die alle mitnehmen” – all das lohnt sich für diese Sätze von Dir. Ich danke Dir aus tiefstem Herzen.

  5. Unglaublich, was Simone und Moe für diese fünf Jungs machen! Ich habe auch zwei Jungs zu Hause, und bin sehr tief betroffen, zu hören, was diese Jungs alles schon erleben mussten.
    Ich bin der Überzeugung, dass wir die Liebe und unsere Herzen nicht verschliessen dürfen, und zwar für alle Menschen!

    1. Ihr Lieben, das sind nicht nur wir, also meine Frau und ich. Es steht ein ganzes Team von Erzieherinnen und Erziehern hinter uns! Ohne meine Crew könnte ich wenig langfristig umsetzen!
      Wenn ihr Lust habt, dann schaut doch mal auf unsere Facebook Seite : Kinderhaus Kiesby . Dort seht ihr, was wir als Team so alles mit den Kids auf die Beine stellen.

      Ich danke euch für euer Interesse!

      Der Mann an Simone’s Seite

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