Jeden Sommer lasse ich Social Media weg. Anfang August schmeiße ich alle Apps vom Handy und surfe vier Wochen lang nicht auf Insta, Facebook und Co. Dieses Jahr blieb sogar mein MacBook überwiegend geschlossen. Aus gutem Grund, denn viel online zu sein und speziell in sozialen Netzwerken zu surfen löst zunehmend Gefühle in mir aus, die ich nicht haben will.

Ich fühle mich schon nach kurzer Zeit verloren und unruhig, gleichzeitig aber komischerweise fast gelangweilt. Einige Posts machen mich regelrecht aggressiv und triggern mich. Bei anderen komme ich mir vor wie ein Loser.

Wer mich kennt weiß: Ich habe ein schönes Leben und keinen Grund für solche Gefühle. Außerdem ist mir schon klar, dass nicht alle dauernd im Urlaub, immer hübsch angezogen und dauerhaft gut drauf sind. Trotzdem: Es lässt sich nicht leugnen. Social Media macht mir ein schlechtes Gefühl. Ich wollte herausfinden, woher das kommt. Macht Social Media etwa depressiv? Hat es gravierende Nachteile für mein Gehirn, in sozialen Netzwerken unterwegs zu sein?

In meiner 4-wöchigen Auszeit habe ich mich auf die Suche gemacht. Habe Vorträge recherchiert und Bücher gelesen, um herauszufinden, was die moderne Technologie und die sozialen Netzwerke mit meinem Gehirn machen. Es hat viel Zeit gekostet, bis ich endlich Bilder gefunden hatte, die ich wirklich verstehen und verinnerlichen kann. Jetzt habe ich alles beisammen für a) ein wesentlich besseres Verständnis und b) eine grundlegende Verhaltensänderung.

Meine Ausgangssituation

Ich bin Onlinerin und verdiene mein Geld damit, Menschen online zu begegnen. Ich mache das gern und mag die Chancen, die wir durch soziale Netzwerke haben. Dauerhaft komplett abzuschalten, kommt für mich nicht in Frage. Ich fände es auch genauso künstlich inszeniert, wie die permanente Erreichbarkeit. Ich möchte lernen, mit dem Angebot, das da ist, sinnvoll umzugehen. Je mehr ich verstehe, wie mein Gehirn auf neue Technologien reagiert, desto leichter wird das. Hier meine Erkenntnisse, für euch zusammengefasst.

1. Wir lieben Informationen.

Wenn ihr mit einer Freundin im Café sitzt und sie gerade etwas Interessantes erzählt, hört ihr zu. Bis jemand am Nebentisch ruckartig aufsteht, ein Kind hinter euch anfängt laut zu weinen oder der Kellnerin eine Tasse runterfällt. Egal, wie sehr ihr zuhören wolltet, ihr werdet schnell abgelenkt. Und das ist auch gut so.

Wir alle streben nach Informationen. Immerhin waren sie Jahrtausende lang der Garant für eine hohe Überlebenswahrscheinlichkeit. Wer den Säbelzahntiger zuerst im Busch entdeckt hat, hat es vielleicht noch bei lebendigem Leib zurück in die Höhle geschafft. Jedes Verhalten, das uns Informationen beschafft, fühlt sich also erstmal optimal an.

Es geht sogar so weit, dass sich molekulare und physiologische Mechanismen, die in unserem Gehirn ursprünglich dazu dienten, die Nahrungssuche zu unterstützen, jetzt auf die Beschaffung von Informationen ausgeweitet haben. Was heißt das genau? Unser Gehirn hat im Lauf der Evolution gelernt, dass Informationen und Nahrung ähnlich wichtig für uns sein können.

2. Wir sind schnell überreizt.

Auch wenn wir Informationen lieben, sind wir schnell überreizt, wenn wir über längere Zeit zu viele Eindrücke wahrnehmen. Nach einem Tag im Vergnügungspark sind wir platt, nach einem Nachmittag im Freibad erschöpft. Dann brauchen wir eine „Informations-Auszeit“. Und jetzt kommt’s.

Was uns grundlegend vom Steinzeitmenschen unterscheidet, ist, dass wir uns Ziele setzen können. Das funktioniert aber nur, wenn wir Pausen machen. Wir brauchen Zeit, um Wahrgenommenes miteinander zu kombinieren. In der Reflexion können wir komplexere Prozesse begreifen und in Gang setzen.

Nehmen wir uns diese Zeit nicht, bleiben wir wie Steinzeitmenschen, die zusehen, wie der Tiger aus dem Gebüsch springt, die ganze Sippe aufisst und nichts daraus lernen. Wir sind wie Smartphone-User, die beim Laufen in ihr Handy schauen, und dabei in einen Brunnen fallen.

Genau darauf setzt die Onlinewelt. Auf Reize, die uns komplett in ihren Bann ziehen. Seit klar ist, dass die Information an Wert gewonnen hat, wird die Braut hübsch gemacht. Wer Informationen am ansprechendsten verpackt und die beste Unterhaltung bietet, der bekommt die Aufmerksamkeit unseres Gehirns.

Aber auch bei uns hat sich etwas verändert. Weil wir wissen, dass es überall spannende Informationen gibt, haben wir eine neue Erwartungshaltung entwickelt. Unser Handy ist ständig griffbereit, um nichts zu verpassen. Selbst in intensiven Unterhaltungen schielen wir nach aufpoppenden Benachrichtigungen. Wir lieben Apps voller Anreize zum Aufgabenwechsel und verplempern unsere Zeit vor dem Schlafen oder im Wartezimmer deshalb mit Onlinespielen.

Aber das entspannt uns nicht, sondern bringt uns noch mehr  an den Rand unserer kognitiven Fähigkeiten. Wenn wir uns übergeordnete Ziele setzen,  sind wir oft nicht mehr in der Lage, diese stringent zu verfolgen. Gefühlslage: „Es ist einfach alles zu viel.“ Warum hängen wir dann trotzdem mit dem Daumen dauernd am Handy? Und in den sozialen Netzwerken ab?

3. Wir lieben Menschen.

Hauptsächlich, weil wir denken, dass wir die Kommunikation mit anderen Menschen verpassen, wenn das Handy nicht greifbar ist. Soziale Netzwerke kreieren die Illusion von Verbundenheit und ständiger Erreichbarkeit. Das triggert uns enorm. Dabei haben echte Beziehungen einen ganz anderen Wert als Online-Beziehungen.

Um alles unter einen Hut zu kriegen und möglichst stabile Beziehungen aufzubauen, versuchen wir deshalb möglichst viele Sachen gleichzeitig zu machen. Wir chatten mit Online-Freunden, obwohl wir mit echten Freunden am Tisch sitzen. Schauen gemeinsam mit der Familie fern, während wir am Kindle ein Buch lesen. Und sind mit einem Auge auf YouTube unterwegs, um mit dem anderen am Handy Instagram zu checken. Aber: Genau das können wir eigentlich nicht.

4. Wir sind nicht für Multitasking gemacht.

Noch krasser: Multitasking gibt es nicht. Das, was wir so nennen, ist tatsächlich ein häufiges Hin- und Herswitchen zwischen verschiedenen Tätigkeiten.

Es gibt im Internet viele Videos, die unsere begrenzte Aufnahmefähigkeit beweisen.

Aber wenn unser Gehirn nicht dafür gemacht ist, mit vielen Informationen gleichzeitig umzugehen, was bedeutet das dann für unser Wohlbefinden? Wie gehen wir um mit E-Mails und Chats, mit Benachrichtigungen in Form von Tönen, Vibrationen, Aufleuchten und Bewegungen? Besonders, wenn sich auf etwas konzentrieren zu können genauso relevant zur Erreichung von Zielen ist, wie etwas ignorieren zu können?

5. Wir kommen nicht mehr klar.

In ihrem Buch „Das überforderte Gehirn“ erklären der Neurowissenschaftler Adam Gazzaley und der Psychologe Larry D. Rosen, wie all diese Umstände dazu führen, dass wir wichtige Fähigkeiten verlieren. Wir können uns kaum noch auf eine einzige Aufgabe konzentrieren und sind zunehmend ungern mit unseren Gedanken allein. Um dem entgegenzuwirken müssen wir erstmal verstehen, was genau passiert, wenn wir online gehen.

Früher gab es Websites, die für eine Hauptaussage standen. Das hat sich mit den sozialen Netzwerken geändert. Hier sind viele Menschen unterwegs und wir freuen uns über ständige Abwechslung und Informationsvielfalt. Heute a) langweilen wir uns schneller, wenn wir bei einer Seite mit einer Aussage bleiben und b) haben – egal auf welcher Seite wir unterwegs sind – schneller Angst, etwas zu verpassen. Deshalb steigen wir auf mediales Task Switching um. Denn das verkürzt die Langeweile und wir verpassen gefühlt weniger.

Tatsächlich ist aber mit Zunahme der Technologie noch etwas anderes passiert. Früher waren wir wie ein Eichhörnchen auf einem Baum voller Eicheln. Wir fanden ein gutes Buch, eine informative Website, eine interessante Dokumentation (einen Baum voller Eicheln) und blieben dort. Wir aßen unzählige Eicheln und freuten uns, dass wir so viele Eicheln zur Verfügung hatten. Irgendwann, wenn die Eicheln weniger wurden, erinnerten wir uns, dass am Ende der Wiese ein anderer Baum voller Eicheln steht. Aber wir wussten auch: da hinzulaufen birgt Gefahren. Also blieben wir so lange auf unserem Baum, bis es gar nicht mehr anders ging. Bis unser Buch ausgelesen war und wir in die Bibliothek mussten.

Während das Eichhörnchen noch heute über die Wiese und die Straße zum anderen Baum laufen muss, müssen wir nur auf einen der geöffneten Tabs klicken, zum Handy greifen oder einen Second Screen zur Hand nehmen. Und genau diese Verkürzung der Belohnungszyklen lässt wieder unsere Langeweile schneller ansteigen, so dass wir eher woanders hin wechseln. Ein Teufelskreislauf.

Ist Social Media schlecht für unsere Gesellschaft?

Die technologischen Einflüsse haben also die Erreichbarkeit erhöht. Wir haben dadurch schneller Angst, was zu verpassen und langweilen uns auch schneller. Das Resultat: Die für unser Gehirn optimale Verweildauer an der Quelle wird verkürzt. Heißt: Wir laufen schon über die Wiese, obwohl noch genug Eicheln auf dem Baum sind.

Das Schlimme daran ist, dass wir das alles gar nicht kapieren. Wir sehen nicht, wie verletzlich unser Bewusstsein ist und was für Auswirkungen dieses Verhalten auf unsere Leistung hat. Nicht nur unsere Produktivität sinkt, auch unsere körperliche und seelische Gesundheit nimmt Schaden.

Genau aus diesen Gründen fühle ich mich oft online rastlos und Insta macht mich aggressiv. Dann sammle ich Ideen auf Pinterest, ohne sie je umzusetzen. Denn irgendwo wartet ja immer der nächste Onlineschuss. Aus vielen eurer Mails und Kommentare weiß ich: Ich bin damit nicht allein. Wir alle zahlen einen hohen Tribut fürs Task Switching.

Wir können unser Verhalten ändern.

Wer sein Verhalten dauerhaft verändern will, dem empfehle ich das oben bereits erwähnte Buch „Das überforderte Gehirn“. Nicht unbedingt immer leichte Kost, aber für mich war es sehr wichtig, mich in der Tiefe damit zu beschäftigen, was gerade mit unseren Gehirnen passiert. Ich habe durch das Buch auch eine neue Perspektive darauf gewonnen, was dieses Verhalten mit (meinen) Kindern macht.

Adam Gazzaley und Larry D. Rosen geben viele Anregungen, wie wir unsere seelische Gesundheit und unseren Frieden zurückerlangen können. Viele davon hören sich an wie gut gemeinte Ratschläge aus vergangenen Zeiten. Deshalb sind sie nicht minder aktuell. Hier ein Auszug:

  1. Das Handy mal wieder außerhalb der Reichweite aufbewahren.
  2. Alle Einrichtungen, mit denen Technik DICH erreichen kann, abstellen (Töne, Benachrichtigungen, Weiterleitungen von Mails, Newsletter etc.)
  3. Regelmäßiges Meditieren, Naturerlebnisse, kognitive Übungen, sportliche Betätigung.
  4. Mach Dir klar, dass Multitasking nichts bringt und blocke Dir schon im Vorfeld die Zeit, um länger an einer Informationsquelle dran zu bleiben – oder nur einer Tätigkeit ungestört nachzugehen.
  5. Beschränke die Erreichbarkeit neuer Informationsquellen.
  6. Begrenze die Ablenkungen am Arbeitsplatz.
  7. Benutze in der letzten Stunde vor dem Schlafengehen keine technischen Geräte.

Mein Resümee

Um mich dauerhaft gut zu fühlen und mich weiter auf eine Tätigkeit konzentrieren zu können, muss ich noch überlegter mit sozialen Netzwerken umgehen. Was für mich besonders schockierend war: Ich mache eigentlich schon viele Dinge richtig. Wenn ich morgens arbeite, schaue ich locker vier Stunden am Stück nicht aufs Handy. Ich habe kein Whatsapp, ich habe alle Benachrichtigungen ausgestellt. Ich lese keine Mails. Und genau deshalb bekomme ich auch so viel hin und erreiche viele meiner Ziele.

Was ich nicht auf dem Schirm hatte war, dass ich nachmittags nach getaner Arbeit oft in ein „Belohnungsverhalten“ verfallen bin. Meine Zugriffe auf Social waren nicht gesteuert und nicht kontrolliert. Ich hätte nie sagen können, wie oft ich auf eine Seite gehe oder wie viel Zeit ich dort verbringe. Apps wie Moment helfen euch dabei, das mal aufzuzeichnen, um euer Verhalten zu überprüfen.

Noch eins, weil ich es sehr bezeichnend fand. Als ich in meiner Sommer-Social-Pause auf eine wichtige Nachricht wartete, musste ich einmal kurz die Insta App installieren. Daraufhin wurde mir folgende Benachrichtigung angezeigt.

Wenn die Plattformen selbst schon solche Maßnahmen ergreifen, heißt das für mich, dass viele Menschen ihr Verhalten zu Ungunsten der Plattformen geändert haben. Der Leidensdruck scheint hoch zu sein. Diese Nachricht war auch genau der Moment, in dem ich wusste: Ich möchte für euch darüber schreiben. Und ich möchte mein Verhalten dauerhaft ändern und viel bewusster mit Technologie umgehen.

Und jetzt bin ich gespannt, was ihr dazu sagt. Ob ihr ähnliche Erfahrungen gemacht habt und wie ihr mit euren Online Zeiten, Benachrichtigungen und den ganzen blinkenden Aufmerksamkeitsnummern umgeht.

In diesem Sinne

Eure Svenja