Heute beschäftigt mich etwas, dass ich „Blind Spot“ nenne. Was das ist? Hier mal ein Beispiel zum Einstieg: Du leihst einer Bekannten ein T-Shirt. Als Du sie nach einiger Zeit ansprichst, ob sie es Dir zurückgeben kann, sagt sie: Das habe ich Dir doch ins Kindergartenfach gelegt. Problem: Du hast es dort nie gefunden. Zwei Wochen später triffst du die Bekannte in der Stadt – und sie trägt Dein T-Shirt. „Das fand ich so schön, das musste ich mir kaufen. Ich hoffe Du bist mir nicht böse.“ Was jetzt? Sie darauf ansprechen? Das Ganze überspielen?

Sobald ich in eine Situation gerate, für die es keine wirkliche Benimmregel gibt, nenne ich das einen „Blind Spot“. Das sind Momente, in denen aus dem Nichts etwas entsteht, das irgendwie so wenig in mein Muster passt, dass ich damit nicht umgehen kann. Deshalb auch das Foto zum Post – manchmal kommt es mir so vor, als würde ich ganz gemütlich am Frühstückstisch des Lebens sitzen und einfach zu lange in die Sonne blinzeln, bis die sich verdunkelt und ich plötzlich gar nichts mehr erkenne.

Menschen, die bei mir einen Blind Spot auslösen, scheinen nach völlig anderen Regeln zu leben. Nächstes Beispiel: Ich gebe eine Party und mache einen Salat. Der schmeckt so gut, dass ich von einigen Gästen nach dem Rezept gefragt werde. Am Wochenende danach ist wieder eine Party, auf der nicht nur ich eingeladen bin, sondern auch Einige, die sich das Rezept notiert haben. Jeder soll was mitbringen. Als ich sage, dass ich dann nochmal den Salat mache, kommt die Antwort: Du, den bringen schon zwei Andere mit. Heißt für mich: Jetzt muss ICH mir irgendwas anderes überlegen. Ihr versteht was ich meine – natürlich kann Jeder das Rezept machen, wie er lustig ist – aber irgendwie kommt man sich in dem Moment schon ein bisschen vereimert vor. Aber deshalb fange ich doch jetzt nicht an, meine Rezepte unter Verschluss zu halten?! Solche Frauen fand ich schon immer komisch. Geärgert habe ich mich trotzdem.

Egal was für eine gute Idee ich habe oder um was ich mich frühzeitig kümmere: es gibt immer Menschen, die sich dranhängen, anstatt mitzumachen. Meistens sind das die, die ich vorher schon anstrengend fand. Nach ewigem Fragen „Was macht ihr denn in den Ferien? Wann ist denn dieses Tenniscamp? Ach, das wäre ja auch was für meine Julia“ ergattern sie dann den letzten Platz im Tenniscamp, weil sie sagen: „Ach, die Kleine würde so gerne mit Svenjas Tochter zusammen spielen.“ Gar kein Problem, aber was, wenn genau dieses Kind nicht den positivsten Einfluss auf mein Kind hat – und ich eigentlich froh war, dass der Kontakt relativ begrenzt ist.

Das Spannende: Anstatt dass der, der nie was organisiert, nie das Gemeinschaftsgeschenk besorgt oder sich zeitig kümmert, blöd dasteht, steht man selbst blöd da, wenn man genau das bemängelt. Also lässt man es und ärgert sich weiter.

Blind Spot Menschen haben wenig Feingefühl, eine große Portion Egoismus und das Durchrutsch-Gen. Sie rutschen eben immer irgendwie mit dem kleinsten Aufwand durch – oft auf Kosten Anderer. Die Liste ist endlos: Die Mutter, die für das Schulbuffet immer 10 Brezn oder O-Saft oder Gummibärchen mitbringt, anstatt was selberzumachen. Aber sich die Teller dann dreimal mit den leckersten Sachen voll lädt. Die Lehrer-Freundin, die sich mit ihrer Unterrichtsvorbereitung immer an Dich wendet: „Du kannst doch so gut malen“ und die Bekannte, die Dich bittet, für Sie eine Rede zum 70sten Geburtstag ihres Vaters zu schreiben, weil „Du es ja so mit Worten hast“.

Alle mal herhören: JEDER Mensch hat Talente, kann einen Kuchen backen oder ein Bild malen, wenn es nötig ist. JEDE Mutter kann ihr Kind vom Schwimmen abholen und mit ihm zum Spielplatz gehen (und muss nicht kurz dort anhalten und zu den anderen Müttern sagen: „Ach, es wäre ja so schön wenn mein Sohn hierbleiben könnte. Aber ich muss ja mit seiner Schwester zum Impfen.“) Menschen, die ihre Talente leben, sich um ihre Kinder kümmern und Dinge organisieren und planen tun das NICHT, um Blind Spot Menschen das Leben zu erleichtern.

Also, liebe Blind Spotler: Wenn wir uns zufällig im Cafe treffen möchte ich nicht, dass ihr euch neben mich setzt mit den Worten: „Ich hoffe ich störe nicht.“ Ich möchte nicht, dass eure Tochter sagt: „Aber ich kann doch mit Svenja hierbleiben, wenn Du schon gehen musst, Mami“ und ihr dann sagt: „Ja, da musst Du die Svenja fragen ob das geht.“ Ich möchte nicht auf eure Kinder aufpassen und eure Hochzeitskarten schreiben, ich möchte mich nicht verpflichtet fühlen irgendwas für euch zu erledigen oder Zeit mit euch zu verbringen. Wenn ich euch helfen und euch unterstützen möchte, dann biete ICH EUCH das an.

Manchmal muss man Dinge einfach aussprechen. In diesem Sinne wünsche ich euch einen „Frei von der Leber weg“ Tag!

P.S.: Und das hier kann ich euch einfach nicht vorenthalten. Anna schrieb gerade:

„Eine Nachbarin, mit der ich mal gut befreundet war, ist genau so ein Blind Spot Mensch (deshalb war ich auch mit ihr befreundet und bin es nun nicht mehr. Besser für mich)! Ein Messer, was ich nach dem Grillen bei ihr vergessen habe“ ist ja sooo toll und scharf, das behalte ich jetzt“. Ein Aufsatzteil vom Staubsauger (hat sie sich bei mir ausgeliehen) „Och weißt du was, bestell Dir das doch nochmal. Ich bezahl Dir das dann. (Hat sie auch gemacht, aber trotzdem). Ich habe was bei Boden bestellt und sie hat das Paket angenommen, weil ich nicht Zuhause war: „Warum sagst du denn nichts, hättest mir doch was mitbestellen können!“