Als meine Tochter 3 und mein Sohn 1 waren, haben wir nachmittags oft spontan Halt an Spielplätzen in der Nachbarschaft gemacht. Wir waren gerade erst nach München gezogen und ich habe mich anfangs schon gewundert, warum alle Mütter hier so jung und so wahnsinnig engagiert sind. Bis ich irgendwann kapiert habe, dass ich die einzige Mutter auf dem Spielplatz bin – der Rest waren Au-Pair-Mädchen. Die Mütter kamen gegen 18:00 mit hochgesteckten Haaren und hellen Leinenkostümen eingelaufen, küssten ihre Brut und setzten sich dann telefonierend an den Sandkastenrand – während das Au-Pair weiter mit den Kindern spielte. Die Stilettos ließen sie gleich an – hätte ja sein können, dass man nochmal weg muss.

Einmal setzte sich genau so eine Mutter neben mich auf die Bank – natürlich nicht, ohne vorher einmal mitleidig an mir hoch- und runterzuschauen. Ich war in praktischen Muttiklamotten da und hatte einen Babybjörn mit einem schlafenden Kleinkind vor dem Bauch. Also eindeutig ein Exemplar von „armer Frau, die mit Geburt ihrer Kinder ihre Karriere eingestampft hat“. (Welche Karriere? HAHAHA!) Ich versuchte das lässig zu ignorieren und schaute meiner Tochter weiter beim Rutschen zu – und die Dame neben mir ihrem Au-Pair-Mädchen, wie es mit ihrer Tochter spielte. Bis unsere Töchter gleichzeitig auf uns zusteuerten.

„Ich habe Durst“ sagte Lissy. Mhhh, dachte ich, die Apfelschorle ist leer. Nach 3 Stunden auf dem Spielplatz an einem sonnigen Tag kein Wunder. Alles was ich noch hatte, war der Rest meiner Cola light. Also gab ich Lissy den letzten Schluck – besser als nichts, dachte ich. Doch da stand sie, die Tochter meiner Banknachbarin. Sie starrte erst mich an und dann Lissy und die Cola, und dann wieder mich.

„Wieso trinkt die Cola?“, fragte sie. „Weil sie Durst hat“ sagte ich. „Aber warum darf die das trinken und ich nicht?“ Ja, dachte ich, das ist mal eine kluge Frage. Und weil es warm war und ich genervt, weil der Babyspeck noch nicht weg war und ich mich unwohl fühlte neben dieser Frau im Kostüm sagte ich: „Es gibt Mütter, die ihren Kindern das erlauben. Und es gibt Mütter, die das verbieten. Ich bin eine Cola-Mutter, ich erlaube das.“ Und bei einem Seitenblick auf die Frau neben mir, die mich jetzt noch unmöglicher fand, als vorher, wurde mir eins klar. Es gibt Momente in denen scheiße (sorry, das musste sein) ich auf Solidarität unter Frauen – nämlich genau dann, wenn die IMMER NUR VON MIR AUS GEHT. Was ist eigentlich so schlimm daran, zuzugeben, dass wir nicht perfekt sind? Ich trage kein Leinenkostüm zum Spielplatz und ich habe nicht genug Apfelschorle mitgenommen. Ich bin nicht perfekt und meine Kinder wissen das. Aber keine Mutter, die ich so gut kenne, dass wir ehrlich miteinander reden, ist in irgendeiner Art perfekt.

Wir ALLE schreien manchmal die Kinder an. Oder füttern sie mit Fertigpizza ab, weil wir EINFACH KEINE LUST MEHR HABEN oder zu müde sind oder unser Ehemann mit uns schlafen will und deshalb alles schnell gehen muss. So ist das halt im wirklichen Leben. Es gibt Tage, da ruft man „Zähne putzen nicht vergessen und dann ab ins Bett“ nach oben anstatt eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen – und hofft, dass die Kinder deshalb keinen seelischen Schaden davon tragen. Weil man jetzt einfach mal FÜNF Minuten für sich braucht.

Manchmal löst eine SMS einer Freundin von der Wiesn „Wir sind im Hippodrom – kommst Du noch? Juchhuuuu!“ eine Sehnsucht aus, der man mit zwei Kindern eben nicht nachgehen kann. Oder wie meine Freundin Veronica so schön sagt: „Kinder beschneiden einem ganz schön die Flügel.“ Daran muss man sich erstmal gewöhnen – und deshalb ist es mit der Stimmung nicht immer zum Besten bestellt.

Und das mir – ich bin Wassermann. Ich liebe Freiheit und Unabhängigkeit. Es ist ja schon ein Wunder, dass ich einen Mann gefunden habe, der so toll ist, dass ich mir vorstellen kann, für immer mit ihm zusammen zu sein. Eigentlich Kategorien, in denen ich nicht gerne denke. Und genau deshalb bin ich manchmal eine Cola-Mutter. Eine, die es erlaubt, dass NOCH eine Comic-Serie geschaut wird. Eine, die ohne hinzuschauen ruft „Das sieht ja toll aus“, „Das hast Du gut gemacht“ und „Ja, Du darfst barfuß raus“. Hauptsache ich muss nicht in den Keller und die Sandalen suchen.

Auf der anderen Seite bin ich auch die, die im Sommer den aufblasbaren Riesenorka und das Krokodil mit an den See nimmt und beides von Hand aufbläst. Ich bin die, die mit ihren Kindern ins Schwimmbad, in den Zoo, auf die Alm und an die Isar fährt. Die daran denkt, die Moonboots für den Winter vorzubestellen und die für Kinderunterwäsche, die nicht kratzt, meilenweit fährt. Meine Kinder haben Regeln, auf die sie sich verlassen können, werden immer pünktlich abgeholt und geliebt (nicht unbedingt in der Reihenfolge).

Ich weiß, dass alle Frauen das Cola-Gen in sich haben – und manchmal denke ich mir: Wie viel leichter wäre es, wenn wir uns das einfach eingestehen könnten. Voreinander und vor uns selbst. Ist doch nicht schlimm, oder? Ich erinnere mich jedenfalls nicht daran, dass meine Mutter früher jeden Nachmittag mit mir gespielt und mir alle Wünsche erfüllt hat. Vielleicht einer der Gründe, warum sie genau das für meine Kinder heute tut.

Ich halte das Cola-Gen für ein Überlebensgen aller Frauen, die ihren Alltag in der Mitte des Lebens irgendwie bewältigen müssen. Deshalb heute mein Appell: Sagt, dass ihr etwas nicht schafft! Bittet jemanden um Hilfe! Gründet Fahrgemeinschaften! Oder macht den Fernseher mal an. Eure Kinder werden das alles überleben – Hauptsache euch geht es gut!

In diesem Sinne – her mit Nutella und Nintendo – Freiheit ich komme.

Eure Svenja