Für diesen Post habe ich meinen inneren Zensor mal locker ausgeschaltet, denn sonst brauche ich gar nicht erst anfangen. Schließlich geht es um Sex. Und wer will darüber schon in der Öffentlichkeit schreiben? Aber bevor ich jetzt anfange, darüber nachzudenken, wer das alles lesen wird, schüttele ich einfach nochmal meine Gedankenbettwäsche schön frisch auf und sage euch, wie es ist.

Vor einiger Zeit habe ich eine nicht repräsentative Umfrage in meinem Freundeskreis durchgeführt. Die Frage lautete: „Vor wem würde es Dir leichter fallen, einen Striptease zu machen – vor Deinem eigenen Mann oder vor einem wildfremden Mann?“ Die erste Reaktion war immer gleich: Meine Freundinnen haben gelacht. Laut und herzhaft. Und dann haben sie ein bisschen verschämt geguckt und gesagt: „Natürlich vor einem Wildfremden!“ Nicht unbedingt die Antwort, die man von Frauen mit Mann und Kindern, Haus und zwei Autos erwarten würde, oder? Und wir reden hier von Frauen, die GLÜCKLICH verheiratet sind. Wie kann es also sein, dass es DENEN schon in Gedanken schwerfällt, vor ihren Männern besonders sexy zu sein?

Als meine Kinder noch klein waren und mein Schlafentzug groß, überraschte mein Mann mich irgendwann mal mit dem Satz: „Ich bin nur zu zwanzig Prozent glücklich in unserer Ehe!“ WAAAAS? 20 Prozent – das ist weiß Gott nicht viel. Und ich hatte diesem Mann gerade zwei gesunde Kinder geschenkt. Was erwartete der eigentlich noch? Mein innerer Protestmarsch rannte bereits los und ich konnte gar nicht so schnell reden, wie ich dachte. Das nutzte mein Mann und fragte mich, wann wir eigentlich das letzte Mal zusammen geschlafen hatten.

Mhhhh, mal überlegen. Vielleicht vor zwei Wochen??? „Vor zwei Monaten“ sagte er. Die Zahl blieb fett im Raum stehen und wog noch schwerer als die 20 Prozent. Wie konnte es sein, dass mir das entgangen war??? Mir, die ich Sex mit meinem Mann liebte? Das musste recherchiert werden.

Also ging ich auf die Website des Mannes, dessen Bücher als erstes erscheinen, wenn man bei amazon den Suchbegriff „Leidenschaft“ eingibt: David Schnarch. Und auch wenn ich sonst nicht so der Typ dafür bin – ich habe dort einen Online-Test gemacht, in dem es um Sex in Beziehungen geht. Und wenn ihr bis hier gelesen habt, solltet ihr das vielleicht nachher auch mal tun. Einfach so, um zu schauen, wo ihr so steht – außer ihr küsst euch IMMER beim Sex und schaute euch jedesmal in die Augen beim Orgasmus. Ja, genau – darum geht es nämlich.

Nicht um Stellungen und Techniken, sondern um Nähe und Intimität – und um den Bogen mal kurz zu schließen: ein Striptease ist ziemlich nah und intim. Was Frauen am Anfang der Beziehung können und womit sie die Männer locken (und ja, ich meine das ganz evolutionsmäßig) ist ein Übermaß an Nähe und Intimität. Stundenlang liegen wir im Bett und machen alles, was man sich zu zweit nur vorstellen kann. Immer tolle Unterwäsche und frisch enthaart, frisch gewaschen und duftig eingecremt. Aufmerksam und liebevoll. Aber warum fällt uns das irgendwann dann genau mit diesem Mann schwer? Obwohl wir ihn viel mehr lieben und viel mehr zusammen erlebt haben?

Ich glaube, genau das ist der Punkt. Wir haben eine andere Art von Nähe aufgebaut, auf einem viel intimeren, tieferen Level. Mein Mann kennt mich wie kein anderer Mensch auf der Welt. Mit wirklich allen Schwächen und den eben nicht allzu prominenten Aspekten meiner Persönlichkeit. Genauso nah ist ER MIR – und genau das bringt beim Sex manchmal Nachteile. Hier mal ein Beispiel.

Wenn wir einen Abend Zuhause verbringen und ich früher ins Bett gehe, weil mein Mann noch arbeitet und ich dann schon schlafe, wenn er ins Bett kommt, hängt bei uns der Haussegen schief. Woran ich das erkenne? Am Atmen. Mein Mann atmet dann anders am nächsten Morgen. Mehr so Seufzer-enttäuscht-leichtverstimmt-vorwurfsvoll als wie sonst müde-wohlig-verschlafen. Und das zu erkennen bevor sich in mir überhaupt irgendein Verlangen regen kann, setzt mich unter Druck – und bewirkt den Gegenteil vom Wunsch nach Nähe. Spannend oder?

Heißt das jetzt, dass die Nähe in dem einen (Alltags-, Gefühls-, Real-life-) Bereich eine Gefahr für echte Intimität ist? Das wollte ich nicht hinnehmen. Also habe ich David Schnarchs Bücher gelesen und verdammt viel gelernt. Zum Beispiel, dass es immer einen gibt, der in der Beziehung mehr Sex will – sagen wir mal 4 Mal die Woche. Und dass das so ist, weil der andere weniger will – sagen wir mal 2 Mal die Woche. Interessanterweise könnte aber der, der 2 Mal die Woche Sex will in einer anderen Beziehung ein wahres „Sexmonster“ sein – weil ein anderer Partner vielleicht nur einmal Sex im Monat will. Ich habe gelernt, dass unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse zeigen, dass man sich weiterentwickelt. Mehr noch: Schlechter oder langweiliger Sex gehören absolut dazu und kündigen eine neue Stufe in der Beziehung an. Und wenn man das nicht verdrängt und anstattdessen angeht, kann man jede Menge neuen, noch intimeren und wirklich sexy Sex haben. I tell you.

Jetzt aber Schluss mit der Ratgeberbeweihräucherung und nochmal zurück ins echte Leben. Wünscht ihr euch nicht auch manchmal, ihr hättet wieder diese tolle körperliche Verbindung mit eurem Partner? Ihr wärt wieder euer bestes sexy self? Ich kenne kaum Frauen, die das nicht mindestens genau so vermissen, wie ihre Männer – wenn sie mal ganz ehrlich sind. Viele gehen dann irgendwann fremd und verwechseln die Schmetterlinge mit echter Intimität. Aber HEY, das sind nur Hormone. Bevor ihr in Tagträume verfallt oder Schlimmeres passiert, möchte ich auch darum bitten, genau hinzuschauen.

Ihr habt einen tollen Mann an eurer Seite – einen mit Ecken und Kanten, aber einen der euch liebt. Es lohnt sich IMMER für ein tolles Leben miteinander zu kämpfen. Ich habe diesen Post geschrieben, damit ihr darüber einmal nachdenkt – was euer Mann euch alles gibt – nicht nur, was er vielleicht fordert. Wie viel Liebe und wie viel Herzergreifendes ihr schon miteinander „durch habt“. Und wo ihr noch gemeinsam hin wollt. Es ist JETZT an der Zeit, etwas für euch beide zu tun. Mir ist es nicht leicht gefallen, diesen Post zu schreiben – aber ich weiß, dass ich euch nur dann erreiche, wenn ich selbst emotional bin und mein Herz öffne. Und deshalb erkläre ich dieses Wochenende zum offiziellen „Ehe-Aufpäppel-Wochenende“ – egal wie eure Situation gerade ist, ein bisschen Pflege kann jede Beziehung gebrauchen. Und weil es passend dazu draußen herbstlich stürmt, sage ich jetzt nur noch: Licht aus, Kerzen an. Mädels, da geht noch was!

Eure Svenja