Ihr wisst ja, dass wir gerade ein bisschen Urlaub machen. Im Bayerischen Wald, in einem Wellnesshotel – mit den Kindern. Jetzt passen die Worte Wellnesshotel und Kinder nicht wirklich optimal zusammen. Das eine beinhaltet viel Ruhe, das andere viel Lärm. Aber ich bin auch nicht der normale Wellnesstyp. Ich buche keine Anwendungen, habe keine Massagen und gehe auch nicht zum Yoga. Mein Wellness besteht darin, mit den Kindern ins hauseigne Schwimmbad zu gehen und wenigstens zwischendrin im kuscheligen Bademantel am Poolrand zu liegen.

Nun gefällt mir das Hotel so gut, dass ich dachte: Super, darüber schreibe ich einen Post. Aber dann kam gestern Abend. Hier im Hotel war „Kinderkino“. Heißt: Alle Kinder dürfen in einen Raum voller Fatboy-Sitzkissen abhängen und es wird ein Film an die Wand gebeamt. Geboten wurde „Nachts im Museum, Teil 2“. Da das Hotel eben kein ausgesprochenes Kinderhotel ist, war neben meinen Kindern noch genau ein Mädchen da.

Uwe und ich haben die Kinder also abgeliefert und dann unten an der Bar noch was getrunken. Danach sind wir wieder hoch und haben den Rest des Filmes mit den Kindern zusammen angeschaut. Das kleine Mädchen, das mitschaute, war 5 – und hüpfte anstatt den Film zu gucken die ganze Zeit auf einem Gymnastikball durch die Gegend. Der Ball lag da rum, weil der Raum offensichtlich tagsüber für Sportkurse genutzt wird. Weil das laut und nervig war, sagte Uwe zu ihr: „Kannst Du das bitte mal lassen?“ Ihre Antwort war: „Ich bin die Tochter vom Chef, ich kann mir alles erlauben.“

WIE BITTE? Ich musste schlucken – und war natürlich im ersten Moment geneigt zu denken: verzogenes Gör. Die Sorte kenne ich gut. In München wohnen wir ja in der Nähe vom Herzogpark und gehen zum Fitness zur Allwetteranlage von Sport Scheck. Da treiben sich in den Kinderkursen ohne Ende Herzogpark-Zöglinge (oder sollte ich lieber sagen „Erben“?) rum. Die Tennislehrer verzweifeln manchmal, weil diese Kinder ihren Regeln und Anleitungen nicht Folge leisten – sie sind so etwas nicht gewohnt. Anstatt dessen geben sie Anweisungen und fühlen sich im Status ganz klar weit überlegen. Und das geht schon mit 4 Jahren los. Mir reicht es, diese Kinder in den Pausen diverser Sportveranstaltungen zu erleben. Die Themen sind hart an der Grenze – es geht nie um Spaß, immer nur darum, wer mehr Taschengeld, das coolere Shirt und ganz wichtig: reichere Eltern hat. Darum dreht sich eigentlich alles. Wer reichere Eltern hat, hat nämlich gewonnen.

Aber glaubt mir, gewonnen hat der oft gar nicht – ganz im Gegenteil. Ich sitze ja da draußen, mit den anderen Müttern während der Tanzstunden und Ballstunden unserer Kinder. Viele haben noch kleinere Geschwisterkinder dabei. Die dürfen dann den ganzen Aufenthaltsraum verwüsten, alles ausräumen, rumkrümeln, Sachen auf den Boden werfen, die da nicht hingehören und laut sein. Als ich anregen wollte, dass man das doch am Ende bitte auch wieder aufräumt sagte eine 4-jährige zu mir: „Das muss ich nicht machen, das macht das Personal.“

Aber es gibt auch Dinge, die diese Kinder nicht dürfen: Aufmerksamkeit einfordern, während sich ihre Mütter über das monatliche Schulgeld (mindestens 1.500 € pro Kind pro Monat) für die Privatschule unterhalten. Oder über den nächsten Cluburlaub (mindestens 1.500 € pro Kopf pro Woche). Oder über das Au-Pair, was nur 8 Stunden am Tag arbeiten will, nur 6 Tage die Woche (für ganze 500 € im Monat). Wenn also ein Kind die Aufmerksamkeit seiner Mutter braucht, weil es auf die Toilette muss, geht das nur mit einem Begleitseufzen der Mutter (da muss man ja aufstehen). Wenn ein Kind was trinken will, kommt meist der Satz: „Das kannst Du Zuhause machen“ – hieße ja auch, das man aufhören muss, sich zu unterhalten und etwas zu trinken besorgen muss.

Eine gute Freundin von mir hat einen treffenden Begriff für solche Kinder geprägt: wohlstandsverwahrlost. Das bedeutet VIEL Geld, VIEL Fremdbetreuung, VIEL Luxus. WENIG Regeln, WENIG Aufmerksamkeit, WENIG Liebe.

Ich habe es glaube ich schon einmal geschrieben: Wir haben nach der Scheidung meiner Eltern zweitweise von Sozialhilfe gelebt und waren froh, wenn wir von Verwandten abgelegte Sachen auftragen konnten. Da gab es viele schwierige Momente. Aber das war  nun wirklich keine Phase meines Lebens, die ich missen möchte. Wir hatten auch so viel Spaß. Spätestens wenn man gar kein Geld hat, rücken ganz andere Sachen in den Vordergrund. Füreinander da zu sein zum Beispiel, das steht an absolut erster Stelle. Es gibt ein sehr großes Zusammengehörigkeitsgefühl. Ein Miteinander, das schöner ist, als das Gefühl, etwas zu besitzen.

Als wir da also gestern im Kino neben unseren Kindern auf den Sitzsäcken saßen und über den Film gelacht haben, habe ich versucht, das Kind als das zu sehen, was es ist. Ein Produkt seiner Eltern. Nicht das Kind ist nervig, sondern die Eltern nicht da, um ihm beizubringen, was es fürs Leben braucht. Soziale Intelligenz und Anpassungsfähigkeit, Empathie und die Möglichkeit, sich in Gruppen angemessen zu verhalten. Das kleine Mädchen fing irgendwann an, den Gymnastikball immer wieder auf die Wand zu schmeißen, auf die der Film gebeamt wurde. Dann wurde es müde, legte sich auf seinen Sitzsack und schaute immer wieder zu uns rüber. Und plötzlich war dieses vorher so nervige Mädchen einfach nur noch ein Mädchen, das auch gerne mit seinen Eltern auf dem Sitzsack gesessen hätte – und sich anstatt dessen an zwei Stofftieren festklammerte und ziemlich alleingelassen wirkte.

Das Hotel hier ist wirklich schön. Das Essen ist klasse und die Inneneinrichtung sucht ihresgleichen. Nach meinem Kinderkinoerlebnis gestern kann ich es euch heute aber trotzdem nicht mehr guten Gewissens empfehlen – und hoffe, ihr versteht das.

Eure Svenja