Dass Menschen meist nur das sehen, was sie sehen wollen, ist ja nichts Neues. Zum Beispiel gestern. Da habe ich meinen Mann abends vom Flughafen abgeholt. Während ich warte, kommen schon ein paar Fluggäste aus dem Gate. Unter anderem ein relativ kleiner, drahtiger Mann, der drei wirklich süße Kinder dabei hatte. DAS fällt mir natürlich auf.

Die Kinder hatten alle die gleichen Jacken an – dunkelblauer Stepp mit dickem Fellrand an der Kapuze. „Die sehen ziemlich teuer aus“, dachte ich noch. Das kleine Mädchen hatte lange blonde Haare, die beiden älteren Kinder waren Jungen. Dann fiel mir auf, dass der Mann eine Luis Vuitton Handtasche umgehängt hatte. Definitiv eine Damenhandtasche. Als er raus zum Parkplatz wollte, jammerte das kleine Mädchen auf seinem Arm „Mami“. Er sagte irgendwas zu ihr und alle gingen raus.

Als Polizistentochter halte ich jeden Mann, der eine Damenhandtasche trägt, für grundsätzlich verdächtig und habe mir gleich mal sein Gesicht eingeprägt – auch wenn der Mann sehr vertraut mit den Kindern umging.

Fast forward. Ich sitze endlich mit Uwe im Auto und er sagt: „Hast Du gesehen, dass ich mit Olic und seiner Familie geflogen bin?“ Ich: „Mit wem?“ Er: „Na mit Olic, dem Bayernspieler.“ Nein, dass hatte ich nicht gesehen. Dafür einen drahtigen jungen Mann (a.k.a. potenzieller Kindsentführer und Handtaschendieb auf der Flucht). Spätestens jetzt wisst ihr: Fußball interessiert mich nicht so wirklich. Aber das ist heute nicht mein Thema.

Ich frage mich: Wie kommt es eigentlich, dass wir so selektiv wahrnehmen? Und: Was selektieren wir eigentlich? Natürlich ist die Antwort die gleiche, die auf solche Fragen immer passt: Es liegt alles an der Evolution. Wir haben die Sachen gespeichert, die für unser Überleben wichtig sind. Deshalb ist mir an Olic nur das aufgefallen, was für eine Frau wichtig ist. Er ist klein (zu klein für mich, meine Kinder sollen größer sein) und er hat gesunde, gutaussehende Kinder (scheint ja doch was dran zu sein am Erbgut). Wenn es nicht seine sind, hat er sie vielleicht entführt (potenzielle Gefahr für meine Brut). Alle Personen tragen teure Sachen (hoher Status – wieder gut fürs Überleben der Sippe).

Nun ist es aber so, dass gestern am Flughafen noch etwas anderes passiert ist. Und zwar blätterte ich beim Warten im Zeit-Magazin und blieb bei dem Artikel „Schrecklich frei von Erwartungen“ hängen. Er handelt von einer Mutter, die ein Kind hat, das bald sterben wird. Dieses Kind ist noch sehr klein und die Geschichte bricht einem wirklich das Herz. Doch dann kam ich an eine Stelle, an der ich echt sauer geworden bin.

Da stand: “Niemand bittet Dracheneltern (so nennt die Autorin Eltern, die ihre Kinder an den Tod verlieren) um Rat; wir sind zu furchteinflößend für die anderen. Unsere Trauer ist eine Urerfahrung. Sie ist unpassend, befremdlich. Die Gewissheiten der meisten Eltern sind uns egal, sie klingen, ehrlich gesagt, irgendwie lächerlich.“

Dazu MUSS ich was sagen. Alle Menschen, die Eltern werden, wollen das Beste für ihr Kind. Natürlich macht man sich immer Gedanken und natürlich kann auch ich mir nichts Fürchterlicheres vorstellen, als dass eines meiner Kinder vor mit stirbt. Aber – und ja, ich tue das Ungeheuerliche, ich schreibe ABER – in der Argumentation passt für mich etwas nicht. Meine Einstellung war schon immer: „Für jeden ist das Problem, dass er gerade hat, das Schlimmste. Nicht weil es immer unlösbar ist, sondern weil es eben das eigene Problem ist – und das beschäftigt einen natürlich mehr, als das Problem eines anderen.“

Ich habe schon ganz unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Problemen kennen gelernt. Einen sehr reichen Mann, der von dem Gedanken besessen war, sein Geld zu verlieren. Einen sehr alten Mann, der eine fantastische erste Ehe hatte und jetzt in einer zweiten Ehe feststeckte, die die Hölle war. Eine junge Frau, die samt Neugeborenem von ihrem Mann verlassen wurde – über Nacht. Eine Frau, die Bulemie hatte und das vor allen anderen versteckte.

Auch das waren große Probleme für diese Menschen. Sie waren objektiv größer als alle Probleme, die ich jemals hatte. Aber keiner dieser Menschen hat über mich geurteilt und meine „Gewissheiten“ lächerlich genannt. Versteht mich richtig – ich fühle aufrichtig mit jeder Mutter, die bald ihr Kind verliert. Aber dass wir „solche“ Eltern abweisen oder dass unsere Gewissheit unangebracht scheint, DAS finde ich unangebracht.

Jeder von uns weiß doch, dass das Leben sich von heute auf Morgen ändern kann. Wir sehen das, was wir sehen wollen, denn wir alle hoffen, das unser Leben etwas Besonderes und Schönes für uns bereit hält. Wir alle wollen ein Stück vom Glück und wir alle sind uns viel ähnlicher, als wir denken.

Ich würde mich freuen, wenn ihr heute einen Gedanken aus diesem Post mitnehmen würdet: Wir sehen, was wir sehen wollen. Wie wäre es, wenn wir uns nur für heute einfach mal auf das Schöne konzentrieren würden? Auf all das, was uns Gutes wiederfährt? Und auf all das Gute, das wir bewirken können! Wir könnten versuchen, in einem grimmigen Menschen auch etwas Positives zu sehen – vielleicht ist es ja für heute unsere Herausforderung, ihn aufzuheitern? Wie wäre es, wenn wir der alten Frau zulächeln, die alleine im Café sitzt?

Es gibt da draußen sehr viele Menschen, die sich – wie die „Drachenmutter“ – abgeschnitten fühlen von dem, was wir so leichthin das „normale Leben“ nennen. Lasst uns ihnen zeigen, dass sie nicht alleine sind. Und lasst uns ihnen dabei helfen, etwas zu sehen, das sie vielleicht vergessen haben: Sie sind Menschen wie Du und ich.

In diesem Sinne

Eure Svenja