Gelacht habe ich früher über sie – die Frauen, die bei Liebesfilmen weinen und immer wenn es menschelt gleich sentimental werden. „Meine Güte – es ist doch nur ein Film“, dachte ich. Oder: „Was ist denn das für eine Tussi – kann man seine Gefühle bitte weniger im Griff haben?“

Dann wurde ich schwanger. Kurz vor der Entbindung machte ich mit meinem Mann einen Wochenendausflug. Es war ein herrlicher Sommertag und wir fuhren mit dem Auto durch ein nettes westfälisches Städtchen, als ich ihn sah – den Obdachlosen.  Er saß auf einer Bank in der Sonne, neben sich eine Bierflasche. Es war 12 Uhr mittags.

Und plötzlich dachte ich: „Wie kann das sein, dass dieser Mensch hier sitzt und Bier trinkt und ganz alleine ist? Er muss doch auch eine Mutter haben, die sich irgendwann einmal genauso auf ihn gefreut hat, wie ich mich jetzt auf mein Baby freue.“ Dann ging alles ganz schnell. Der Kloß im Hals wurde größer und meine Mundwinkel fingen an zu zucken. Ich konnte nichts dagegen machen: Ich fing unvermittelt an zu weinen. Mein Mann – sowas von mir gar nicht gewohnt – stoppte direkt den Wagen. Selbst vor ihm, der mich so gut kannte, war mir der Gefühlsausbruch fast peinlich. Das war so gar nicht ich. Wahrscheinlich alles die Hormone.

Kurz nach der Entbindung erwischte ich im Fernsehen „Nur die Liebe zählt“. Beim ersten Heiratsantrag war ich hinüber. Total gerührt – und ja, Tränen in den Augen. Umschalten half auch nichts. Da lief ein Bericht über aidskranke Kinder in Afrika. Solche Bilder hatte ich schon tausendmal gesehen. Aber plötzlich war alles anders. Ich hatte ein Kind und da waren Kinder in Not. Irgendwas hatte Klick gemacht. Ich konnte plötzlich mitfühlen. Eine Verbindung herstellen. Und hatte meine Gefühle nicht mehr im Ansatz unter Kontrolle.

Acht Jahre später weiß ich damit umzugehen. Ich kann die Situationen vorhersagen, an denen ich wieder mal „nah am Wasser“ gebaut bin. Beim Kindergartenfest, wenn 100 glockenhelle Kinderstimmen auf einmal ein fröhliches Lied singen. Wenn ich das stolze Gesicht meines Sohnes bei der Siegerehrung vom Tenniscamp sehe. Oder wenn wir uns von der Kindergärtnerin verabschieden müssen, weil meine Tochter in die Schule kommt.

Nur manchmal, da erwischt es mich kalt. So wie gestern Morgen im Auto. Im Radio lief Antenne Bayern und die hatten die Aktion „Kinder können sich bewerben, um mit IHREM Bayernspieler beim Spiel FCB gegen Real Madrid ins Stadion einzulaufen“. Der Moderator rief also diesen kleinen Jungen an, der sich im Internet beworben hatte. Sein Lieblingsspieler ist Arjen Robben. Und ja, den findet er auch toll, obwohl er den Elfmeter verschossen hat. Und dann kommt er, der Moment in dem der Moderator sagt: „Und DU darfst heute Abend mit den Spielern aufs Feld laufen!“

Und der kleine Junge schreit los und juchzt und freut sich und KANN ES NICHT FASSEN, dass ER heute Abend dabei ist. „Woran können wir Dich erkennen?“ ruft der Moderator dazwischen. Der kleine Junge jubelt: „Ich habe helle Haare und einen Seitenscheitel links.“

Und ich? Ich sitze im Auto, heule und freue mich so, als hätte ich selbst gewonnen.