Meine weise 8-jährige Tochter

Ich kann nicht singen. Jedenfalls nicht gerade. Aber gestern war ich auf einer Geburtstagsparty und die Hauptattraktion war eine gemietete Karaokemaschine. Wenn man nicht singen kann und ein Mikro in die Hand gedrückt bekommt, gibt es zwei Möglichkeiten, zu reagieren. Entweder man sagt:“ Nein, nicht ich, um Gottes Willen. Ich kann nicht singen. Da ist die Party schneller zuende, als sie angefangen hat.“ Oder man nimmt das Mikro und singt.

Warum ich euch das heute schreibe? Weil es so viele Momente im Leben gibt, wo das Leben uns ein Mikro hinhält und wir es nicht ergreifen. Meistens hält uns Angst zurück. Angst, etwas nicht zu können, uns zu blamieren, schief zu singen, das Falsche zu sagen, nicht kompetent zu erscheinen. Kurz: Nicht der zu sein, der wir gerne wären – ein Mensch ohne Fehler und mit lauter guten Eigenschaften. Wie sollte es auch anders sein, wo wir doch von klein auf dazu angehalten werden, uns zu benehmen. Aber was genau heißt das eigentlich – sich benehmen? Sich so regelkonform zu verhalten, dass man in der Gesellschaft von Menschen klar kommt.

Wie ihr wisst bin ich auch für Regeln – und spätestens seit ich Kinder habe, weiß ich auch genau, warum die so wichtig sind. Wogegen ich allerdings bin, sind Regeln im Kopf. Die, die uns zurückhalten, „weil Soundso dann ja denken könnte, dass….“. Oder weil „das nicht geht, weil Soundso davon Wind bekommen könnte, und dann…“.

Ehrlich gesagt: Kaum ein Mensch schert sich darum, ob wir etwas machen oder nicht. Menschen sind mit sich selbst beschäftigt. Der einzige Mensch, für den wir so wichtig sind, wie wir es eben sind, sind wir selber. Wenn wir also mit 80 im Schaukelstuhl sitzen und irgendwas nicht getan haben, wird kein Hahn danach krähen. Außer uns.

Solltet ihr also gerade ein Leben leben, in dem ihr euch nicht wohl fühlt, ändert etwas. Niemand will in einer Ehe feststecken, in der verdrängt, anstatt gewachsen wird. Und ihr haltet wegen der Kinder oder um eure Mutter nicht zu enttäuschen daran fest? WASTE OF TIME. Ihr seid gefangen in einem ungesunden oder gar kranken Körper, der nichts mit eurer Seele zu tun hat oder damit, was ihr denkt und fühlt? Und ihr macht Nichts dagegen, weil eine Double-Cheese-Pizza mehr Macht hat, als der gesamte Wille, den ihr aufbringen könnt? SCHADE UM JEDEN TAG. Oder habt ihr diesen Job, der euch unglücklich macht – aber der Arbeitsvertrag ist unbefristet und die Bezahlung stimmt? Moment mal, habe ich „unglücklich“ gesagt? DAS IST NICHT EUER ERNST.

Aber nochmal zurück zu unserem 80-jährigen Selbst. Was meint ihr, was das zu uns sagen würde, wenn es heute zu uns sprechen könnte? Was wäre der Ratschlag, den wir uns selber geben? Vor allem, wenn man bedenkt, dass es nicht wirklich viel von Bedeutung gibt, was man am Ende seines Lebens zurücklassen kann. Erfolgreiche Geschäftstermine, eine brillante Karriere, endlich diese 2 Kilo verlieren, wichtige Leute kennenlernen, die Kinder auf die bessere Schule schicken, ein teures Auto fahren und Markenkleidung tragen. Schon beim Lesen wird klar, dass die Dinge, an denen Viele ihren Wert Hier und Heute messen, im Rückblick vollkommen wertlos sind.

Eine Freundin und vierfache Mutter hat mir neulich einmal gesagt: „Immer wenn ich denke „Mensch, Du hättest auch eine tolle Karriere hinlegen können und ein aufregendes Leben führen können“ wird mir bewusst, dass es das für mich einfach nicht gewesen wäre. Wenn ich später mal auf mein Leben zurückschaue, weiß ich, dass ich zufrieden sein werde, wenn ich Eines im Übermaß hinterlasse: Liebe. Daran und nur daran messe ich den Wert meines Lebens.“

Aber wie macht man das – Liebe hinterlassen? Indem man seinen Leidenschaften folgt, gegen Wände rennt, wieder aufsteht und weitermacht. Indem man sich Dinge traut, Schwellen überschreitet, das Ungewisse wahrnimmt und trotzdem vorwärts geht. Indem man Zeit mit den Menschen verbringt, die einen fördern und fordern. Und indem man die Menschen fördert und fordert, die man liebt.

Gestern vormittag lagen mein Mann, meine Tochter und ich auf einer Decke am See. Fantastisches Wetter, wenig Menschen und Zeit für uns. Und dann der Moment, als Lissy aus dem Nichts sagt: „Paps, weisst du was? Das ganze Leben ist eigentlich eine Schule.“ So viel Weisheit aus dem Mund einer 8-jährigen. Wahnsinn.

Ja, das ganze Leben ist eine Schule. Deshalb dürfen wir Fehler machen. Mal in der letzten und dann wieder in der ersten Reihe sitzen. Wir dürfen lernen von denen, die schon was können. Und allen helfen, die langsamer sind.

Das ganze Leben ist eine Schule. Wir können auf unseren Plätzen sitzen und machen, was die Lehrerin sagt. Oder wir können uns auf den Tisch stellen und Karaoke singen. Wir müssen nur erst zum Mikro greifen.

In diesem Sinne

Eure Svenja