Früher, als ich noch keine Kinder hatte, habe ich mich auf Geschäftsreisen manchmal gefragt: Was sind das eigentlich für Frauen mittleren Alters, die eine Stunde vor Abflug morgens um 8 an ihrem Gate sitzen und wild in ihren Laptop tippen? Haben die kein Zuhause? Sind die auf der Durchreise? Gerade von ihrem Freund rausgeworfen worden und nowhere to go? Ansonsten gibt es doch wohl keine Erklärung dafür, 1 Stunde seiner Lebenszeit auf einem Flughafen zu verschwenden. „Armes Hascherl“ habe ich gedacht und fand mich im Vergleich grandios. Ende Zwanzig, das Leben noch vor mir, frei wie ein Vogel.

Fast forward. Ich bin 41 Jahre alt. Noch ganz ordentlich anzusehen, aber eben mittleren Alters. Alles, was ich mir so dringlich gewünscht habe, ist eingetreten. Ich habe einen Mann, ich habe Kinder. Ich habe sogar einen Autorenvertrag mit Deutschlands führendem Ratgeberverlag. Und einen Blog, den viele Menschen lesen, weil sie mögen, was ich schreibe.

Doch da gab es neulich so einen Sofa-Moment bei uns im Wohnzimmer, der gab mir zu denken. Mein Mann briefte mich für einen Artikel, den ich für ihn schreiben sollte. Und während ich notierte, was er Kluges von sich gab (und es war tatsächlich erschreckend, WIE klug das war), dachte ich: „Interessant. All das hat er irgendwo gelernt und erlebt, als ich nicht dabei war.“ Obwohl, das war nicht ganz das, was ich dachte. In meinem Kopf und ungeschönt klang es eher wie: „Ich bin so neidisch, dass Du ständig so aufregende Sachen erlebst und ich komplett hinter meinen Möglichkeiten zurückbleibe.“

Laut herausgeplatzt hörte sich das dann so an: „Ich habe das Gefühl, ich bin eingesperrt, brate Fischstäbchen und stehe still.“

Mein Mann lachte laut auf. „Darüber solltest Du mal was schreiben“, sagte er. Dann sah er meinen Blick.

„Schatz“, sagte er.  „Du bist grandios. Und viel klüger als ich.“ Ich dachte: Wie kann es dann sein, dass ich mich überhaupt nicht so fühle?

Ja, ich habe alles. Doch „alles“ hat einen Preis. Wer sich committed, alle Energien mit einer Person zu teilen und eine Familie zu gründen, der muss auf Dinge verzichten. Und das ist weiß Gott nicht immer einfach.

Wenn wir klein sind, werden wir darin bestärkt, Dinge auszuprobieren. Wenn wir älter werden öffnet sich der „Du kannst als Frau heute alles schaffen“-Horizont. Der ist klasse und deshalb probieren wir viel aus. WGs, Jobs, Plateauschuhe, Männer. Wenn endlich „der Eine“ auftaucht, haben wir es geschafft. Unsere Hochzeit ist der Tag, an dem alle Energien und Hoffnungen zusammenlaufen. Heute weiß ich, dass die anwesenden Ehepaare gedacht haben: „Wenn die wüssten.“

Das was aussieht, wie die Krönung unseres bisherigen Lebens, ist ein Aufbruch in unruhige Gewässer. Wir wissen jetzt auf welchem Schiff wir segeln. Aber wir wissen noch lange nicht, dass Sonne Brandblasen machen kann, Wellen Übelkeit verursachen und Piraten keine Legende sind. Es gibt sie und sie versuchen permanent unser Schiff zu kapern.

Gleichzeitig ist das Schiff aber unser Inbegriff von Wohlfühlen, gut aufgehoben sein, beschützt werden. Hier können wir sein, wer wir wirklich sind. Ungeschminkt, in Jogginghose aber auch hemmungslos im Bett. Man kennt sich schließlich und braucht weder Anlaufzeiten, noch Erklärungen.

Wenn ich also einen Satz sage wie „Ich brate Fischstäbchen und stehe still“, weiß mein Mann, was die Stunde geschlagen hat. Dann muss ich einen Termin machen, früh aufstehen, einen Blazer anziehen und um 8 in der Flughafenlounge sitzen. Auf den Knien meinen Laptop, gegenüber Männer in dunklen Anzügen, mit blankgewienerten Schuhen, der Tageszeitung und einem Coffee to go.

Dann muss ich raus, pumpe mir Benzin in die Adern. Wohlwissend, dass hier jeder nur eine Rolle spielt und das wirkliche Leben ganz woanders stattfindet. Bei meinen Kindern und den Fischstäbchen. Und mit einem Mann, der es mir jeden Tag dankt, dass ich unseren Kindern eine strukturierte und glückliche Kindheit beschere. Und das ist alles, aber bestimmt kein Stillstand.