Bin ich eigentlich die einzige Frau, die in Ermangelung von Ganzkörperspiegeln in Hotels auf den Badewannenrand steigt?

Neulich musste ich neue Jeans kaufen. Also ging ich mit meinem 7-jährigen Sohn in die Riem Arcaden zu G Star und probierte mehrere Modelle an. Immer wenn ich mit einer neuen Hose aus der Kabine trat, zeigte Ludwig den „Daumen hoch“ und sagte: „Die steht Dir gut, Mami.“ Und wenn ich die nächste anhatte kam: „Die finde ich noch besser.“

Nun, was will man auch anderes erwarten von einem Jungen, der mir neulich ins Ohr flüsterte „Du bist eine beeindruckende Frau, Mami“ als ich seinen zweiten Handschuh fand.

Neben mir probierte eine Frau Jeans an, die sich nicht wohl in ihrer Haut fühlte. Da wird mir ja schon beim Hinsehen ganz kribbelig. Woran ich das erkenne? Immer wenn sie aus der Kabine trat, zog sie zuerst ihr Shirt lang (Aber wie soll man dann was von der Jeans erkennen?) und stellte sich auf Zehenspitzen – um größer und schlanker zu wirken.

Nun trage ich seit ich Zwanzig bin (mit Ausnahme meiner Schwangerschaften in denen ich ja immer 30 Kilo zunahm) die gleiche Jeansgröße. Weite 30, Länge 32. Langweiliger geht es nun wirklich nicht. Das ist die klassische 38, nicht mager, keine Reiterschenkel, aber eben auch keine erwähnenswerte Taille. Jeans anzuprobieren ist für mich also nur etwas, was erledigt werden muss und keine Herausforderung. Da sitzt die Tasche mal höher oder mal tiefer, das Bein ist unten eng oder gerade oder an ganz verrückten Tagen auch mal weit. Aber das war es dann schon mit den Varianten.

Die Dame neben mir hatte ein ganz anderes Erlebnis. Sie schaute gar nicht auf die Jeans. Sie sah nur sich, denn sie fühlte sich zu dick. Immer wenn sie aus der Kabine trat, sagte sie nach einem Blick in den Spiegel: „Sehe ich fett aus in der Jeans?“, woraufhin die Verkäuferin eilig versicherte, dass sie super aussähe und keinesfalls fett.

Ähem.

In einer Jeans gut auszusehen oder eben nicht, hat ja nicht unbedingt was mit dem Körpergewicht, sondern erstmal mit der Form der Jeans zu tun. Es gibt Skinny Jeans, die sehen bei mir aus, als wären sie zwei Nummern zu klein und meine Beine steckten in Jeansdärmen. Presswurst plus schäbige Querfalten. Es gibt glänzende Stoffe, eher Legging-geformt, durch die man jedes Fitzelchen meiner verdrängten Cellulite sieht. (Ja Uwe, ich weiß, ich habe keine – aber Du bist auch parteiisch und willst mit mir schlafen.)

Es gibt Jeans, „die gehen nur mit hohen Schuhen, aber das trägt man jetzt so“. Also ich bestimmt nicht, denn in meinem Leben sind hohe Schuhe so selten wie ein Tag an dem keiner die Treppe runterstürmt und ruft: „Mama, der Ludwig hat schon wieder…“ oder „Mama, die Lissy ist voll gemein“.

Wie gerne hätte ich meine Kabinennachbarin zur Seite genommen und gesagt:

Meine Liebe, das Problem ist nicht Deine Figur – das Problem ist, was Du siehst. Du bist eine wunderbare Frau, Du hast einen Popo, ein tolles Top an und wahrscheinlich Dein Herz auf dem richtigen Fleck. Mach meinen ersten Satz, wenn ich so ein Geschäft betrete, zu Deinem ersten Satz: „Ich brauche was mit Stretchanteil. Ich habe zwei Kinder und muss öfter mal in die Hocke.“

Du bist keine Zwanzig mehr und Du musst Dich nicht in Modelle zwängen, die nicht für Dich gemacht sind, Dir nicht stehen und Dir Dein Selbstbewusstsein rauben – weil Du genau das dann auch im Spiegel siehst. Trag doch einfach Jeans, die sich gut anfühlen, damit Du Dich gut in ihnen fühlst.

Und wenn Du mal einen schlechten Tag hast, ziehst Du genau diese bequemen Jeans an, stellst Dich vor den Spiegel und denkst: „Passt!“ Denn genau das ist der Trick – eine Jeans, in der Du Dich im Geschäft schon fett fühlst, wird auch im Alltag nicht Dein Freund. Aber eine, die Dich aus dem Spiegel anlacht, weil sie bequem ist und zu Deiner Figur passt – die kaufst Du, ziehst Dein schönes Top dazu an und trägst Dein Herz wieder auf dem rechten Fleck. Das kleidet nämlich eh mehr als alles andere.

In diesem Sinne

Deine Svenja