Gestern war ich mit meinem Sohn noch kurz bei Müller, um ein Geschenk für seinen Klassenkameraden zu besorgen. In dieser halben Stunde sind mir 3 überforderte Eltern aufgefallen – und wenn ich ganz ehrlich bin: es ist mir wahnsinnig schwer gefallen, mich nicht einzumischen.

Bei dem etwa 5-jährigen Kind, das im Supermarkt schreit und schreit und die Mutter dreht ihm genervt den Rücken zu und sagt demonstrativ laut „Du hast ja auch Tomaten auf den Augen und bist echt zu blöd für diese Welt“.

Bei dem vielleicht 2-jährigen Kind, das von seiner Mutter mit dem Satz „Hau nicht wieder ab“ mit seinem etwa 5-jährigen Bruder nahe des Ausgangs alleingelassen wird. Der ältere Bruder hatte nun die Aufgabe, das Kleinkind davon abzuhalten, aus der Tür zu laufen. Ich habe die ganze Zeit die Luft angehalten und bin erst gegangen, als die Mutter wieder da war.

Aber am schlimmsten war es bei dem ca. 4-jährigen Flo, der – die ganze Hand im Mund – vor den Spielzeugautos stand und unruhig hin und her wackelte. Sein Vater stand distanziert mehrere Meter entfernt und sagte: „Du bekommst nichts“ oder „Sowas hast Du schon“ – woraufhin das Kind jedesmal hysterisch losschrie, mit der freien Hand an der Tasche seiner Nylonjacke tickmäßig hoch- und runterrieb und den Eindruck machte, als wäre es eine gespannte Feder, die gleich SCHNAPP macht. Nachdem das 5 Minuten so lief, kam die Mutter um die Ecke und sagte „Flo, warum schreist Du denn den Laden so zusammen?“

Ganz ehrlich: All das muss nicht sein. Aber auch ganz ehrlich: Ich habe nie verstanden, warum es so ist. Warum sind manche Menschen so lieblos, gehen nie in die Hocke, auf Augenhöhe mit ihren Kindern. Helfen ihnen nicht, Konflikte zu lösen, ein Sozialverhalten aufzubauen und lassen sie – nach meinem Empfinden – mehr oder weniger allein?

Nachdem ich in meinem Post „Das sollen die unter sich regeln“ über Eltern geschrieben habe, die sich meiner Meinung nach nicht kindgerecht verhalten (das ist hier ein wiederkehrendes Thema, denn mir macht das sehr zu schaffen) hat meine kluge und wunderbare und sehr junge Leserin Charlotte mir eine Tür der Erkenntnis geöffnet. Charlotte ist eine angehende Grundschullehrerin und schickte mir folgenden Auszug aus  dem Buch „Pädagogische Psychologie“ von Anita Woolfolk. Und ich kann es nicht anders sagen: beim Lesen der 4. Kategorie stand ich unter Schock und es machte laut Bingbingbing:

So etwas GIBT ES? Also, das, was ich immer beobachte ist ERFASST? Hat eine KATEGORIE? Ist OFFIZIELL? Haltet mich für naiv, aber darüber hatte ich noch nie nachgedacht. Es ist also kein Wahrnehmungskrieg zwischen Richtig und Falsch, sondern es IST einfach.

Als ich in „Deutschland, schäm Dich“ diese Woche über die 24/7 Kitas geschrieben habe, habt ihr euch zahlreich zu Wort gemeldet. Eine Mail hat besonders gesessen, weil sie mir einen Blick hinter die Kulissen gewährt hat. Diese Mail meiner Leserin Petra darf ich nun (Danke, Petra!) mit euch teilen. Hier steht Schwarz auf Weiß, was ich – und ihr sicher auch – immer mal wieder am Rande mitkriege. Aber in geballter Form von jemandem, der seit 20 Jahren vor Ort ist, schnürt es mir einfach die Kehle zu.

Hallo Svenja,

ansonsten bin ich ja ein stiller Leser Deines Blogs, oft freue ich mich was von Dir zu lesen, manchmal nervst du mich auch ein klitzekleines bisschen …alles in allem: ich schaue gerne und recht regelmäßig mal „vorbei“.

Aber der heutige Beitrag spricht mir aus dem tiefsten Herzen: Ich (39 Jahre, alleinerziehend, 2 Jungs 12+10 Jahre) von Beruf Erzieherin! Aus Leidenschaft, Berufung wie auch immer – zumindest nicht um eine Menge Geld damit zu verdienen.

Nun besteht der Rechtanspruch der 2-jährigen, der der 1- jährigen ist beschlossene Sache. So sitzen wir nun in unserer Kita….von morgens halb 8 -16.30 Uhr…..und bekommen morgens die Kinder reingeschoben! Gerade mal 2 Jahre alt, eine Eingewöhnungsphase ist für die Eltern nicht wichtig…wir sind ja da und fangen alles auf! So sind die Kleinen in der Woche volle 45 Stunden bei uns – länger als jeder normale Arbeitnehmer auf der Arbeit.

Wir haben 21 Kinder in der Gruppe im Alter von 2 Jahren bis Schuleintritt und sind 2 Erzieherinnen…es ist ein Alptraum! Der Gruppenraum ist weder für 2- noch für 6-jährige ausgerichtet…wir sind am Trösten, am Wickeln und versuchen alle Bedürfnisse jedes Kindes der Gruppe zu erfüllen….
Wir gehen am Stock….es KANN nicht funktionieren!

Es gibt auch die „normalen“ Kinder, die bei uns in Schulen und Kitas einfach untergehen, mich ärgert das maßlos!! Nur weil sie still und gut erzogen sind, schenken wir unsere Hauptaufmersamkeit den Kindern, die einen erhöhten Betreuungsbedarf haben. Warum?? Weil wir es einfach nicht leisten können und  froh sind, dass ein paar „Normalos“, auf die wir uns verlassen können, einfach mit dabei sind – zur Belohnung müssen sie ständig zurückstecken!

Bei 2 Kindern der Gruppe sage ich: gut das sie den ganzen Tag bei uns sind, ihnen geht es bei uns schlicht und ergreifend besser als zu Hause, das ist voll in Ordnung. Die meisten der Eltern schicken ihre Kinder weil es praktisch ist und sie doch dafür zahlen.

Sie holen die Kinder bei uns ab, essen zu Abend und stecken sie ins Bett bis zum nächsten Tag (schlafen sollen die 2-jährigen mittags auf KEINEN Fall bei uns, dann gehen sie abends zu spät ins Bett)…am WE gehts in irgendeinen Indoorspielplatz und/oder zum Babysitter (wir brauchen ja auch mal frei!) und die Ferien verbringen sie in einem Club mit ganztägiger Kinderbetreuung.

Ich habe für mich beschlossen, dass ich diesen Irrsinn nicht mehr mitmachen möchte, denn das, warum ich meinen Beruf ergriffen habe, hat mit der Realität rein gar nichts mehr zu tun!

Ende des Monats habe ich einen Termin beim Arbeitsamt und ich werde mich umschulen und nach über 20 Jahren etwas anderes machen.

Jetzt habe ich Dich extrem zugetextet, mir fällt zu diesem Thema noch soviel mehr ein, aber ich möchte Dich nicht überstrapazieren ;-)

Ich danke Dir für Deinen Mut Deines Berichtes, das trauen sich nicht viele!!
DANKE DANKE DANKE

Viele Grüße

Petra

Und hier, liebe Leserinnen und Leser, nun meine Fragen: Was bringen Betreuungsplätze, wenn zu wenig Erzieherinnen da sind? Warum verdienen Erzieherinnen so wenig? Wieso wird Familien, in denen das Problem der Kategorie 4 zutrifft, in Deutschland nicht geholfen? Wieso haben wir keinen Plan, für ein Land, in dem Kinder aufwachsen dürfen, wie Kinder? Und warum werden Eltern und Erzieherinnen nicht gleichermaßen darin unterstützt, einen super „Job“ zu machen?

Beim Deutschland-Post haben mir einige von euch geschrieben: Ja, Du hast Recht, aber wo sind die Lösungen? Ich habe keine Lösungen – aber vielleicht ist das auch gar nicht meine Aufgabe. Vielleicht ist meine Aufgabe etwas laut zu sagen, das sonst gerne kleingeredet wird. Wo hinzuschauen, wo sonst gerne weggesehen wird. Ich will nicht in die Politik, aber ich will einen Austausch. Mit euch, mit Frauen die nach vorne machen und – und das freut mich sehr – mit alleinerziehenden Vätern wie René und Pascal, die sich auf den letzten Post zu dem Thema gemeldet haben.

Ich bin mir sicher, dass sich viele Dinge rund um die Erziehung und Betreuung von Kindern ändern müssen. Das hört nach dem Kindergarten nicht auf und wird mit Schuleintritt nur noch stärker deutlich. Wir, die wir die Kinder erziehen und begleiten, sind die einzigen, denen diese Missstände täglich auffallen. Genau aus diesem Grund werde ich hier weiter darüber schreiben – und mit eurer Hilfe verschiedene Sichtweisen und Erlebnisse aufzeigen.

WIR sind die, die was ändern können – indem wir Realitäten aufzeigen und Druck machen. Und Druck machen, das kann ich gut.

In diesem Sinne

Eure Svenja