Das Letzte, was ich diese Woche wollte, ist einen Post über Sex zu schreiben. Aber irgendwie führte eins zum anderen und das Ganze ging von witzig über hitzige Diskussionen bis hin zu tragisch – und jetzt kann ich einfach nicht anders, als mit euch darüber sprechen. Denn eins ist klar: Dieses Thema geht uns alle an.

Zur Einführung schaut euch doch mal dieses Video an. Darin erklärt eine junge Frau, wie man ein perfektes „Selfie“ von sich macht. Wer mit dem Jargon noch nicht vertraut ist: Ein Selfie ist ein Selbstporträt. In Zeiten der Smartphones mit Kameras die man wechselseitig nach vorne oder auf sich selbst schalten kann ist das eine in allen Alterstufen sehr beliebte Fotovariante. Und wie ihr sehen könnt, haben solche „How to take a perfect selfie“-Videos auch gerne über 1 Millionen Abrufe und mehr.

Nach so viel Technik dürft ihr jetzt mal kurz über mich lachen. Das hier war mein Versuch, meinem Mann ein Selfie von mir zu schicken und zu sagen: Boy do I miss you. Klassisches Duckface und not sexy at all (Gott sei Dank hat er es nie bekommen).

How_to_be_sexy

Zu meiner Verteidigung: ich war am Abend vorher mit den Mädels aus, hatte was getrunken, bin ungeschminkt und liege im Bett meiner Tochter – nur falls ihr euch fragt, was für ein Tier unter meinem Kopf liegt. Aber jeder hat mal einen schwachen Moment und deshalb hat wohl auch jeder so ein halbpeinliches Selfie von sich.

Nun ist so ein Selfie wirklich kein großes Problem, denn man kann es löschen und vergessen. Und ich wette, das habt ihr auch schon einmal gemacht. Was ihr aber sicher noch nicht gemacht habt, ist: ihr habt noch nicht getwerkt. Solltet ihr also den großen Aufreger um Miley Cyrus VMA Auftritt verpasst haben und auch die Bilderstrecke in der Intouch (von der ich erst dachte, das Ganze ist eine Erklärung, wie man sich zum Analsex vorbereitet) überblättert haben, kommt hier jetzt eure Chance, das noch schnell zu lernen.

Wie, ihr wollt das nicht machen, wenn ihr in einem Club tanzt? Aber das Video hat doch über 15 Millionen Hits? Das ist jetzt TOTAL angesagt. Und damit könnt ihr die Männer richtig wild machen. Das ist euch zu heftig? Das sieht aus wie Beischlaf? Das ist nicht sexy, sondern billig?

Stimmt. Und IHR seht das, weil ihr schon Sex hattet. Weil ihr „alte Hasen“ seid. Aber eure Kinder, die sehen den Unterschied nicht. Denn sie wachsen in einer Welt auf, in der solche Videos ganz normal sind. Wo wir uns früher gefragt haben, wie das wohl genau geht mit dem Küssen, kann man heute einfach mal kurz auf youtube surfen und findet praktische Anleitungen.

Da hat Dr. Sommer natürlich ausgedient. Spooky dabei ist wohl vor allem der Wechsel zwischen Hot Kissing und den Instruktionen. Und noch schlimmer: Die Anweisung, dass Frauen nicht zeigen dürfen, was sie wollen, sondern immer dem Mann die Führung überlassen müssen. Und noch viel schlimmer: Dass das Ganze den Eindruck vermittelt, dass Sex wohl ein Spiel und auf Knopfdruck an- und ausschaltbar ist.

Wenn man natürlich so genau weiß, wie das läuft, muss man auch in anderen Regionen vorbereitet sein. Nach dem folgenden Video wusste ich nicht nur um den Unterschied zwischen Bikini und Brazilian Wax, sondern auch, dass man bei der Intimrasur Conditioner anstatt Rasierschaum verwenden kann und Haare am Arsch hat. (Sorry für den Ausdruck, aber wie soll man das eleganter formulieren, wenn man fassungslos ist.) Eine Frage hätte ich da allerdings noch: Wie kann dieses junge Mädchen dermaßen hemmungslos über so ein Thema reden, während offensichtlich Gärtner um sie herum arbeiten??? Und – hat die keine Freunde, die sie am nächsten Tag in der Schule dafür auslachen? Oder ist das etwas, wofür man sich heute gegenseitig auf die Schulter klopft, weil die Anzahl der Likes stimmt? I don’t get it.

Warum ich euch das alles schreibe? Weil mir gestern eine facebook Freundin eine Geschichte erzählt hat, die vor kurzem wirklich passiert ist. Ein 12-jähriges Mädchen aus ihrem Ort hat einige Selfies gemacht und an ihren Freund verschickt, auf denen sie nackt und in eindeutigen Posen zu sehen war. Dieser Freund hat das einem Freund gezeigt und geschickt und der hat es wiederum ein paar anderen Freunden….und dann hatte es plötzlich dieses ältere Mädchen auf ihrem Smartphone, das schon Mal einen Verweis bekommen hatte, weil es einen jüngeren Jungen gemobbt hat. Und die hat dann…..

Ohne alles genau wiedergeben zu können oder zu wollen: ihr könnt euch vorstellen, in welcher Katastrophe das geendet hat.

Die Bilder des Mädchens sind an allen Schulen in der Umgebung rumgegangen. Nicht nur hat das Mädchen auf eigenen Wunsch die eigene Schule verlassen, es hat auch eigentlich keine Alternative mehr, als umzuziehen und irgendwo ganz neu anzufangen. Also das, was man früher getan hätte, wenn man jemanden umgebracht hätte. Jemanden betrogen oder mißbraucht. Wenn man sich so schlecht benommen hätte, so gelogen, dass sich die Balken biegen, so kriminell gehandelt hätte, dass eine Wiedereingliederung in die soziale Gemeinschaft unmöglich gewesen wäre.

Und das alles nur, weil das Mädchen die „Dr. Sommer-Tipps“ ihrer Generation befolgt hat. Die, die all unsere Kinder frei auf youtube ansurfen können, wenn wir sie ins Internet lassen. Wir müssen uns also überhaupt keine Gedanken darüber machen, dass unsere Töchter „da unten“ mal schlecht riechen (das Video dazu erspare ich euch) oder dass bei unseren Jungen Fragen offen bleiben wie man besseren Sex haben kann. Gott sei Dank sind in dem Video von Howcast (das ich nicht zu Ende schauen konnte und hier auch nicht posten werde) neben den Must haves auch optionale Tipps für besseren Sex angegeben.

Bildschirmfoto 2013-09-22 um 08.06.54

Stimmt, Masturbation und ein reicher Partner können beim Sex wirklich nie schaden.

So wie gestern. Da wollte ich mit meinem Mann schlafen, war aber irgendwie hundemüde. Deshalb war ich ehrlich gesagt dankbar, als mein Sohn unbedingt bei Papa übernachten wollte und ich deshalb in seinem Bett schlief. Noch dankbarer war ich allerdings dafür, als meiner Tochter heute Nacht schlecht wurde und ich das schnell mitbekam, weil ich ja im Zimmer ihres Bruders gleich nebenan lag.

Und als ich dann da so saß, in der Küche, nackt und frierend (denn meine Klamotten sind ja bei uns im Schlafzimmer und da konnte ich nicht rein), an mir runterschaute und dachte: „Du bist auch keine Zwanzig mehr“ und darauf wartete, dass endlich das Körnerkissen im Backofen warm genug war, während ich gleichzeitig hoffte, dass sich meine Tochter oben jetzt nicht alleine übergeben würde, da habe ich gedacht: OK, ich werde morgen einen Post über Sex schreiben müssen.

Über den, den man wirklich hat und den, den einem die Medien vorgaukeln. Über ein Mädchen, dass diese Dinge nicht auseinanderhalten konnte, weil es die Gefahren nicht verstanden hat und den Unterschied nicht kennt. Und über uns, die aus unserer Realität heraus unseren Kindern einen Weg ermöglichen möchten, ein gutes Selbstbewusstsein und Gefühl für ihren Körper, für Körperlichkeit und die ganzen emotionalen Irrungen und Wirrungen der Liebe und des Verliebtseins zu finden.

Aber bitte fragt mich jetzt nicht, wie der aussehen soll.

Eure Svenja