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Ich geh nicht nochmal zur Schule. Nein nein nein. So schnell bin ich eigentlich gar nicht bockig, aber gestern war ich beim Elternabend und plötzlich hatte ich das Gefühl: Es geht hier gar nicht um meine Tochter. Es geht um mich.

ICH werde wieder eingeschult, aber keiner hat mich vorgewarnt. Es gab keine Schultüte und wir gehen auch nicht gleich zur Feier des Tages ins Restaurant.

Dabei habe ich doch ein Schultrauma. War nie Teil der coolen Clique und bin zweimal sitzengeblieben. Einmal in der 9. Klasse (aus Faulheit) und das zweite Mal in der 13. Klasse (weil ich abends in einer Cocktailbar gearbeitet habe und morgens so schlecht aus dem Bett kam).

Das ist sie, die ganze Wahrheit. Und jetzt sitze ich da, in der Schulbank meiner Tochter und sehe die Lehrer an mir vorbeiziehen, die alle sagen, was ich jetzt tun muss. Hui, und das ist mehr als erwartet. Vokabeln abfragen, Hausaufgaben und Schultascheninhalt checken, Grammatik pauken. Dafür sorgen, dass mein Kind alles dann kann, wann es was können soll.

Neben mir werden auch schon alle ganz unruhig und murmeln was von „Rüffel“ und „Desaster“. Sind die etwa auch alle sitzengeblieben?

Ok, bei Englisch, da kann ich helfen. Das habe ich studiert. Deutsch ist auch in Ordnung. Aber ich spreche kein Französisch. Und in Mathe hatte ich glaube ich seit der 8. Klasse durchgängig eine 5 oder 6. Da bin ich schon letztes Jahr, in Lissys 5. Klasse, mental ausgestiegen.

„Jetzt, genau jetzt müssen sie einen guten Einstieg finden.“ „Die wichtigste Grammatik findet in den ersten zwei Jahren statt. Da wird alles gelernt.“ „Die Lücken müssen sie JETZT wieder schließen, sonst verlieren die Kinder den Anschluss.“

Blöd nur, dass nicht mehr wie früher zwei Jahre vergehen, bis die 2. Fremdsprache eingeführt wird, sondern nur noch eins. Ich merke, dass ich immer tiefer rutsche auf meinem Stuhl. Plötzlich wirkt selbst das große Geodreieck für die Tafel irgendwie bedrohlich, wie es da so an der Wand hängt und spitz auf mich zeigt.

Mein Mann und ich hatten ja vor der Einschulung unserer Kinder ganz lange über alternative Schulformen nachgedacht und uns auch informiert. Weil es da aber nichts gab, was uns wirklich überzeugt hat, haben wir das gewählt, was wir beide kannten. Auch Uwe und ich sind einfach auf das nächstgelegene Gymnasium gegangen.

Versteht mich nicht falsch, die Schule finde ich prima. Die Lehrer sind auch nett. Aber ich, ich habe irgendwie das Gefühl, als wäre alles stehengeblieben. Warum ist denn das deutsche Schulsystem immer noch so vom „Muss“ besetzt und so wenig davon, was unsere Kinder alles anzubieten haben für diese Welt?

Mir ist schon klar, dass ich nicht französische Vokabeln lerne oder Bruchrechnen, wenn ich (Klischeebeispiel) meinen Namen tanze. Aber irgendwie wäre mir gerade viel mehr nach Namen tanzen und Kartoffeln pflanzen als nach einem Revival meiner Schullaufbahn.

Ich wünschte dieser Post enthielte einen weisen Ratschlag oder wenigstens eine lustige Wendung. Etwas, womit ich euch das Gefühl geben könnte: Alles wird gut, weil WIR es in der Hand haben.

Anstatt dessen bestelle ich nachher kleinlaut die empfohlenen Vokabel-, Grammatik und Schulaufgabentrainer in der Hoffnung, bei diesem Wettkampf nicht zu verlieren. Schaue morgens nochmal in den Schulranzen meiner Tochter, ob sie einen DINA 4 Block dabei hat. Und hoffe zum ersten Mal, dass meine Kinder möglichst wenig nach mir kommen und immer eine glatte Versetzung hinkriegen.

In diesem Sinne

Eure Svenja